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Die versunkene Stadt Z

Die versunkene Stadt Z
historisches abenteuerepos , usa 2016
original
the lost city of z
regie
james gray
drehbuch
james gray
cast
charlie hunnam,
robert pattinson,
sienna miller,
tom holland,
edward ashley,
angus macfadyen, u.a.
spielzeit
141 Minuten
kinostart
30. März 2017
homepage
http://www.studiocanal.de/kino/die_versunkene_stadt_z
bewertung

6 von 10 Augen
Zzzzzzzzz

Neulich in einem Restaurant in Little Odessa: „Ah, guten Tag, Herr Gray. Den Borscht wie immer? Nein? Ach, die Herzog'sche Dschungelplatte? Ah, da haben Sie sich ja was Interessantes ausgesucht. Einen Moment bitte...“. Ja, James Gray ("The Yards", "Helden der Nacht") bricht mit alten Gewohnheiten, was wir schon an seinem letzten Film „The Immigrant“ gesehen haben. Nach Grays erstem Abstecher ins historische Ausstattungskino scheint er Geschmack daran gefunden haben. Und zwar so viel, dass er jetzt so richtig in die Vollen geht, mit einem zweidreiviertel Stunden langen, auf zwei Kontinenten spielenden Historiendrama um einen englischen Soldaten, der zu einem besessenen Abenteurer wird.

Dieser Soldat ist Percy Fawcett (Charlie Hunnam), der sich aufgrund anderweitig mangelnder Aufstiegsmöglichkeiten bereit erklärt, im Namen der Royal Geographic Society in den Regenwald Südamerikas zu reisen. Seine Mission: Als unabhängige Instanz das Grenzgebiet zwischen Brasilien und Bolivien zu kartografieren, um so einem möglichen bewaffneten Konflikt der beiden Länder zu umgehen. Lediglich Henry Costin (Robert Pattinson) wird abgestellt, um ihn zu begleiten, neben dem ebenfalls der englischen Krone unterstehenden Manley (Edward Ashley) wird der Rest der wenig vertrauensvoll wirkenden Crew vor Ort von einem Kautschukbaron rekrutiert. Zusammen reisen sie den Amazonas hinauf, auf der Suche nach dem Ursprung des Flusses. Dort angekommen macht Fawcett eine unglaubliche Entdeckung: Artefakte und Tonscherben deuten auf die Präsenz einer vergessenen Zivilisation hin. Fawcett nennt diese sagenumwobene Stadt „Z“, als das letzte Puzzlestück zum Verständnis der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Die Suche nach der versunkenen Stadt wird für Fawcett in den Folgejahren zur Obsession...
 

 ...und genau das ist für „Die versunkene Stadt Z“ dann irgendwann während seiner langen Laufzeit ein kleines Problem, denn es wird nie so richtig deutlich, warum Fawcett von der Idee des Beweises einer vergessenen Hochkultur so besessen ist. Überhaupt gibt es in dem ganzen Film eigentlich keine Szene, in der Fawcett mal klar macht oder auch nur darüber nachzudenken scheint, wie Z eigentlich aussehen oder was die Stadt bedeuten könnte. Ja, die zentrale Motivation des Films bleibt eine Leerstelle. Wie man aber argumentieren könnte: eine gewollte Leerstelle. Denn Fawcett scheint von Z deswegen so besessen, weil es ihn aus seinem geregelten Leben mit treu ergebener Ehefrau (trotz kurzer Leinwandzeit und undankbarer Rolle sehr gut: Sienna Miller) und Kindern herausreißt.

Fawcetts Suche scheint hauptsächlich deshalb so obsessiv, weil er dadurch sein bürgerliches Leben auslöscht. Nur so ist seine ebenso plötzliche wie ansonsten unerklärte Leidenschaft zu erklären, wie auch seine entschieden modernen Ideen zur Verteidigung der indigenen Dschungelbevölkerung (oder seine achselzuckende Akzeptanz des Kannibalismus eines Stammes). Trotzdem bleibt Grays Held problematisch, denn seine Motivationen und das, was ihn bewegt, bleiben eben ziemlich im Dunkeln. Da gibt dann Charlie Hunnam zwar auch gut den adretten Abenteurer, aber ein richtiges Innenleben kann er der Figur nicht geben, was wie gesagt vielleicht sogar gewollt ist.

Ähnlich lückenhaft wie die Charakterisierung seiner Hauptfigur ist auch der Ablauf der Geschichte. Gray hat seinem Film einen ungewöhnlichen Rhythmus verpasst, in dem diverse Szenen langgezogen, andere widerum merkwürdig gerafft daherkommen. „Die versunkene Stadt Z“ hat viele erlesene, ganz wunderbare Bilder zu bieten, aber leider eben auch kein klares Ziel, keine klare Plotlinie, die dem Zuschauer helfen könnte, seine enigmatische Hauptfigur irgendwie nachzuvollziehen. Und da der Film auf eine klassische Aktstruktur verzichtet, läuft er dann eben irgendwann ohne großen Höhepunkt einfach aus.

Richtig langweilig wird es dabei zu keinem Zeitpunkt, aber richtig packend eben auch nie. Dafür ist Gray eben auch zu wenig an Melodramatik interessiert, oder an richtigem Abenteuerkino. Was im Positiven bedeutet, dass sich der Film selten in den typischen Genreklischees ergeht, im Negativen aber eben auch, dass der Puls hier eigentlich nie seinen gemütlichen Rhythmus erhöht und man auch nie wirklich um die Figuren hier mitzittert. Einzig die Episode um den Adligen Murray (Angus MacFadyen), der sich im Dschungel natürlich sofort als aufgeblasener wie nichtsnutziger Ballast entpuppt, erfüllt vielleicht ein wenig zu sehr und zu deutlich die Erwartungen des erfahrenen Filmguckers.

Auch die bei diesem Thema fast zwangsläufigen Parallelen zu Werner Herzogs Dschungelklassikern „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ attackiert der Film frontal mit einer frühen Szene in einem Opernhaus, die natürlich an Herzog und Kinski erinnern soll und demnach wunderbar absurd, fast surreal daherkommt. Wenn die Geschichte um „Die versunkene Stadt Z“ dann als historische Freske tatsächlich noch den ersten Weltkrieg und die Schlachtfelder an der französisch-deutschen Grenze (sowie eine russische Wahrsagerin) streift, kann man zwar die Ambition von Gray und seinem Film bewundern, die erzählerische Stringenz bleibt bei der zunehmend episodischen Natur des Films dann aber irgendwann auf der Strecke.

Der geneigte Leser hat es verstanden: „Die versunkene Stadt Z“ bleibt ein so zwiespältiges wie widerspenstiges Vergnügen. James Gray ist sich natürlich auch im Abenteuerkino treu geblieben und inszeniert so bedächtig (bösartige Zungen würden sagen: behäbig) wie immer und filmt auch die Wunder des Dschungels mit seinem realistischen, nicht übertrieben pittoresken Stil. Aber die sperrige, episodische Geschichte und ihr kaum ergründbarer Held machen es dem Zuschauer schwer sich so richtig hineinzufinden in diese zweifellos interessante Fußnote der Geschichte.

Indiana Jones ist dies also wirklich nicht – und er sollte auch keinesfalls mit Unterhaltungsfilmen dieser Art verwechselt werden. Wer dagegen seine exotischen Schauplätze und mehr oder minder gut ablaufenden Abenteuer unter „den Wilden“ mit einer litararisch-trockenen Note abgeschmeckt wissen will, der kann sich durchaus auf die Suche nach Z machen. Ansonsten könnte es im Kinosessel auch recht schnell ungewollt Zzzzzzzz machen....

Simon Staake

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