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Ein Dutzend Mal "Yokosou!" ("Film ab!") an der Elbe: Das 12. Japan Filmfest Hamburg

Drei Wochen nach dem größten europäischen Filmfestival für japanische Filmkunst, Nippon Connection in Frankfurt, hieß es auch in Hamburg "Yokosou!". Vom 25.-29. Mai 2011 konnten sich Freunde von Anime, Splatter und fernöstlichem Arthouse an 100 Produktionen laben, organisiert vom Verein Nihon Media e.V., wo ein Haufen Freiwilliger ehrenamtlich Urlaub, Nächte und Nerven für den Austausch zweier Kulturen opfert.
Dieses Jahr vernahm man in Deutschland fast nur Schreckensmeldungen aus Japan. Das Land wurde nicht nur am 11.März 2011 von Tsunami und Erdbeben getroffen, sondern erlebte daraufhin auch noch die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Da keinem nach Feiern zu Mute war, wurde sogar das in Hamburg sehr beliebte Feuerwerk zum alljährlichen Kirschblütenfest abgesagt. Umso schöner ist es, dass sich die Veranstalter des Japanischen Filmfests entschlossen, das Festival nicht abzusagen, sondern stattdessen das Projekt "Tegami - Perspektiven japanischer Künstler" ins Leben zu rufen. In der Lobby des Metropolis-Kinos wurden während des Festivals 300 Postkarten von 200 japanischen Künstlern ausgehängt, die ihre Wahrnehmung der Katastrophe zeigten (Tegami bedeutet "Brief").

Gerade im 150. Jahr der Deutsch-Japanischen Freundschaft ist das Festival ein gelungener Einstieg in die japanische Kultur. 1860 war Graf zu Eulenberg in die Bucht von Edo (heute als Tokyo bekannt) gesegelt und im Januar 1861 unterzeichneten Abgesandte des preußischen Königs und des japanischen Tenno einen "Freundschafts-, Schiffahrts- und Handelsvertrag zwischen Preußen und Japan". Segelwetter war in Hamburg am Festivalwochenende nicht, aber dafür kamen umso mehr Gäste ins Kino oder in die Festivallounge im "Projektor" am Schlachthof (wo es sogar kostenlose Filmvorführungen und ein japanisches Filmfrühstück gab), spielten einige "Go" im Innenhof des Kinos 3001 und drängten sich andere am Stand im Metropolis, um Origami-Kraniche zu kaufen, deren Erlös dem japanischen Roten Kreuz gespendet wurde.
Einen Eröffnungsfilm zu finden für ein Filmfest mit Reihen, die von Lolita-Splatter über Arthouse bis zum universitären Kurzfilm reichen, ist schwer, will man doch keinen zu Tode langweilen, aber auch niemandem zum ersten Mal mit bluttriefenden Epen konfrontieren. Mit der Komödie "Surely Someday" (Shuari samudei, 2010, 122 min) des ehemaligen Teenie-Idols Shun Oguri gelang ein frischer und wilder Einstieg. Erzählt wird die Geschichte von Takumi, Kyohei, Shuto, Kazuo und Yuki, die damit drohen, eine Bombe in ihrer Schule zu zünden, wenn das abgesagte Schulfest nicht stattfindet (auf dem sich doch so mancher Jungfräulichkeit entledigt werden sollte). Leider kann die Bombe nicht mehr entschärft werden und so beginnen die Jungs ihr Erwachsenenleben mit denkbar schlechten Voraussetzungen: Ohne Schulabschluss und den eigenen Eltern peinlich ist auch drei Jahre später nichts aus ihnen geworden. Als die Yakuza einen von ihnen sucht, weil ihr Geld ihm gestohlen wurde, findet die Band wieder zusammen, um ihn und die rätselhafte Frau, die überall auftaucht, zu retten.
Anfänglich eher lahm nimmt "Surely Someday" erst nach der Vorgeschichte richtig an Fahrt auf und spielt von nun an überaus witzig mit Klischees, wenn zum Beispiel der Schönling der Truppe jede Frau innerhalb von fünf Sekunden bezirzen kann oder sich der Technikn-Nerd drei Jahre lang in sein Zimmer zurückzieht. Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet und alle Szenen, die schnulzig sein könnten, sind ein wenig gebrochen, so dass es nie kitschig wird - und das ist hier wirklich eine Leistung. Der Soundtrack ist wunderbar, die Kamera komplett überdreht, alles ist bunt und das Ende genau richtig.

Anime: Trickfilm
Gerade dieses Genre erfreut sich seit Studio Ghiblis "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland" immer größerer Beliebtheit auch im Westen - nicht nur an den Kinokassen, sondern ebenso auf Festivals und bei den Academy Awards. Der im Rahmen des Japan Filmfests gezeigte "Arrietty - Die wundersame Welt der Borger" (Kari-gurashi no Arietti, Regie: Hiromasa Yonebayashi, 2010, 94 min) ist zwar kein Meisterwerk wie die Erstgenannten, zeigt aber die Fortführung der Ghibli-Tradition in einer neuen Regie-Generation (mehr dazu in unserer ausführlichen Rezension >>> hier). "Arrietty" war vielleicht der bestbesuchte Film des Festivals, bei dem sich natürlich auch Unmengen an Kindern tummelten. Der Film ist inzwischen bereits regulär in den deutschen Kinos angelaufen.
"The Asylum Session" (Ajiiru Sesshon, 2009) von Regisseur Takuto Aoki zeigt den Kampf einer Gruppe von Außenseitern und Obdachlosen gegen die Regierung, die das von ihnen bewohnte Gelände zu teuren Apartment-Blocks umwandeln will. Die Bewohner wollen daraufhin ein Rockfestival veranstalten, um dies zu verhindern. Es wird wild.

Reihe: Osaka
Seit 1989 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Osaka und so gibt es auch beim Japan Filmfest seit mehreren Jahren eine Zusammenarbeit mit der "Filmstadt" Osaka. Im Rahmen dieser Reihe lief auch der beste Film des Festivals, "13 Assassins", ein Samuraiepos von Kultregisseur Takashi Miike. "13 Assassins" (J?san-nin no shikaku, 2010, 126 min) ist ein Remake des gleichnamigen japanischen Films von 1963. Takashi Miike ("Audition", "The Call") widmet sich hier auf wunderbare Weise dem Samuraifilm und steht in der Tradition von Akira Kurosawas "Die Sieben Samurai", der weiterhin das Nonplusultra des Genres bleibt. Die große Zeit der Samurai-Filme war in Japan jedoch lange vorbei und so beklagte sich Miike, dass er für die Dreharbeiten in ganz Japan nicht einmal EIN Film-Pferd auftreiben konnte.
"13 Assassins" spielt in einer Zeit, in der sich die Ära der Samurai dem Ende nähert. Der junge Lord Naritsugu vergewaltigt, tötet und verstümmelt, wen ihm gerade beliebt. Die Samurai müssen tatenlos zuschauen, da Naritsugu als Angehöriger des Shoguns ihr Vorgesetzter ist. Doch gibt es zwei verschiedene Leitsätze für die Samurai: Ninjo (das Gefühl, was richtig ist) und Giri (die Verpflichtung dem Vorgesetzten oder Clan gegenüber). Dazwischen kann konfliktreiches filmisches Drama entstehen, tut es hier natürlich auch ganz vorzüglich. Denn ein Samurai namens Shinzaemon wird angeheuert, den Lord zu töten, da sich die Situation für das Volk noch verschlechtern wird, sobald Lord Naritsugu ein hohes Amt zugewiesen wird. Und so sammelt Shinzaemon einige Samurai um sich und plant einen Angriff in einem Dorf auf der Strecke, auf der Naritsugu reisen wird.
Wer hier Assoziationen zu Kurosawa entdeckt, liegt nicht falsch, denn es wird in Bildsprache und Figurenwahl mehrfach auf "Die Sieben Samurai" verwiesen. So treffen die Samurai im Wald einen Naturburschen (der hervorragende Yusuke Iseya), der genauso irre ist wie Toshiro Mifune in Kurosawas Werk. Dann gibt es eine Szene, in der im Dorf Dutzende in die Erde gesteckte Katanas zu sehen sind - in den "Sieben Samurai" wird an dieser Stelle gesagt, der Kampf erfordere mehr als ein Schwert. Nehmen es dort die Sieben mit 40 Räubern auf, so müssen sich hier die Assassinen dafür gleich mit 200 Mann abplagen.
Besonders der Anführer der Samurai, Kôji Yakusho, spielt fantastisch und kann mit dem Oberhaupt der "Sieben Samurai", dem Schauspieler Takashi Shimura, mithalten. Doch nicht nur die schauspielerischen Leistungen, sondern auch die Kamera muss hier bewundert werden. Miikes Bilder sind bekannt dafür, lange im Gedächtnis zu bleiben (meist aufgrund der krassen Gewaltszenen), doch sind es in diesem Fall die Momente, die wir nicht sehen, die bleiben. So wird zum Beispiel gleich zu Beginn nicht der komplette rituelle Selbstmord gezeigt (es ist immerhin Miike, wir hätten es erwartet), sondern stattdessen die Schmerzen auf dem Gesicht der Figur, die sich gerade traditionell den Bauch in zwei Richtungen aufschlitzt. Wie in den "Sieben Samurai" wird die lange Actionsequenz hinausgezögert und dafür erst einmal die Charaktere und ihre Motive vorgestellt. Und davon lebt der Film später ebenfalls.
Im Gegensatz zu vielen Hollywood-Produktionen schneidet Miike nicht übermäßig schnell, so dass die Kampfszenen verfolgt werden können. Die Kämpfe selbst waren nicht alle choreografiert, wie Miike sagt, aber zeigen hier alle kleine Spannungsbögen, die die Kameraarbeit gekonnt wiedergibt. So wird anfänglich in einer solchen Szene die Kamera ruhig gehalten, wird im Gefecht chaotischer und liegt einmal sogar eine Weile auf der Seite, um dem Zuschauer genau die Perspektive eines Verletzten zu zeigen. Wer "13 Assassins" selbst erleben möchte, kann ihn sich übrigens ab dem 07.06.2011 auf DVD kaufen. Gleichzeitig erscheint auch das Original von 1963 auf DVD. Schade ist dabei nur, dass man das großartige Breitbildformat auf dem heimischen TV nicht in voller Kinogröße erleben kann.

Beim Remake von Eiichi Kudos "13 Assassins" hat Takashi Miike übrigens Blut geleckt und machte sich im Anschluss gleich an die Neuverfilmung von Masaki Kobayashis 1962er Film "Hara-Kiri: Death of a Samurai" (Ishimei, 2011), der leider noch keinen deutschen Starttermin hat. Man fragt sich allerdings an dieser Stelle, wie lange es dauert, bis Hollywood auch diese Stoffe annektiert hat, denn Samuraifilme sind gerade en vogue an der Westküste: Nach dem finanziell erfolgreichen "Letzten Samurai" (mit Tom Cruise) folgen 2012 die "47 Ronin" (mit Keanu Reeves) und 2014 bringen die Weinstein-Brüder ein Remake von "Die Sieben Samurai" heraus, der nun in einem kleinen Ort in Nordthailand spielt, wo sieben Mitglieder einer privaten Sicherheitsfirma rekrutiert werden.

Des Weiteren liefen in der Osaka-Reihe noch Kurzfilme diverser Regisseure aus Osaka, zum Beispiel im Rahmen von "Digital Hollywood Osaka". Interessant war die Idee von "Scrap Family" (Sukurappu Famirii, Regie: Akihito Kajiya, 2011, 85 min), in dem ein Generationskonflikt (die Tochter hat einen Obdachlosen umgebracht und Opa lebt mit einer lebensechten Puppe zusammen) aus Sicht eines 12-Jährigen erzählt wird. Im vor psychedelischen Bildern strotzenden "Doman Seman" (Horikawa Nakatachiuri, Regie: Go Shibata, 2009, 124 min) hingegen werden Obdachlose verprügelt und die verrückte Kato will Tokyo versklaven.

Reihe Naginata: Action & Horror
Naginata ist das japanische Wort für Schwertlanze und so geht es in dieser Sektion auch recht blutig zu. Das Filmfest zeigt in dieser Reihe auch den bisher erfolgreichsten Film des Jahres in Japan, die Realfilmumsetzung des Manga-Bestsellers "Gantz" (Regie: Shinsuke Sato, 2011, 120 min), der jedoch aus filmischer Sicht nicht empfehlenswert ist. Die Jugendfreunde Kurono und Kato werden von einer U-Bahn überrollt und finden sich plötzlich in einem weißen Raum mit anderen Personen wieder - und mit einer schwarzen Kugel mit einem scheinbar schlafenden und an Technik angeschlossenen Mann darin, "Gantz" genannt. Sie müssen nun in diversen Missionen Außerirdische in Tokyo töten, die nicht nur höchst merkwürdig ausschauen, sondern auch noch Vorlieben zum Beispiel für Zwiebeln haben (warum, ist völlig egal). Das Ziel ist es, 100 Punkte zu erreichen, ohne auf einer Mission zu sterben. Wer dies schafft, kann entweder einen Mitspieler wieder zum Leben erwecken oder sein Gedächtnis löschen lassen und aufwachen, als sei nie etwas geschehen - der einzige Ausweg aus diesem Horrorszenario.
Mag dieses Handlungsgerüst für eine Mangaserie funktionieren, kann man es als Spielfilm eigentlich vergessen. Es gibt so wenig Siegpunkte auf den Missionen, dass man vor Frust in den Kinosessel beißen will, denn beim Erzähltempo von "Gantz" wird es Stunden dauern, bevor die dramaturgisch spannenden 100-Punkte von irgendwem erreicht werden - wenn es denn überhaupt soweit kommt. Hier passiert das jedenfalls nicht, der zweite Teil läuft im Sommer in den japanischen Kinos an. In diesem ersten Teil gibt es nichts als Missionen, und diese sind weder spannend noch logisch. Immer wieder werden Actionszenen unterbrochen, damit sich die Charaktere unterhalten oder einfach nur herumgucken können, und auf die Außerirdischen schießen tun sie auch erst nach zum Teil lachhaft langer Staun- und Abwartzeit.

Eine kleine Perle des Roboterfilms ist "Gunhed" von 1989 (Ganheddo, Regie: Masato Harada, 100 min). Handgemachte Roboterkämpfe und ein schräger Synthie-Soundtrack machen hier Spaß. "Gothic + Lolita Psycho" (Gosurori shokeinin, Regie: Go Ohara, 2010, 88 min) zeichnet sich durch die markante Waffe des Gothic-Regenschirms aus, ansonsten ist der Titel Programm. Der Kurzfilm "Karakuri" und der Spielfilm "Mutant Girls Squad" gehören ebenfalls in die Reihe der Mädchenheldinnen - mal mit Sciencefiction-Schwertkämpfen, mal mit Splatter. "Yakuza Weapon" (Regie: Tak Sakaguchi, Yudai Yamaguchi, 2011, 106 min) ist hauptsächlich ein Fest für Kunstblutlieferanten, "Bloody Mari" richtet sich an Mädchen-in-Uniform-Freunde und war Finalist bei der National Film Challenge, bei der Filme in 48 Stunden entstehen, und lief im Doppelpack mit "Erotibot". Die Handlung erklärt sich selbst und so lautet die Frage in der Filmfest-Broschüre: "Wird die Liebe Sex, Geld, Androiden und Ninjas überstehen?". "Alien vs. Ninja" (Regie: Seiji Chiba, 2010, 81 min) beantwortet die naheliegende Frage, wer einen solchen Zweikampf übersteht, während "Hell Driver" (Nihon bundan: Heru doraiba, Regie: Yoshihiro Nishimura, 2010,106 min) einfach ganz Japan zu willenlosen Zombies macht. Ganz Japan? Nein, nicht ganz Japan, es gibt da natürlich noch ein Schulmädchen, das sich zufällig als einzige Hoffnung herausstellt.

Reihe Noh: Arthouse
"Love+Loathing+Lulu+Ayano"
(Namae no nai onna-tachi, Regie: Hisayasu Sato,2010, 105 min) soll eine Kritik der japanischen Pornoindustrie darstellen. Die schüchterne Büroangestellte Junko träumt davon, berühmt zu sein und fällt auf einen Porno-Scout herein. Da sie mit den Dreharbeiten nicht klarkommt, verwandelt sie sich in die Cosplay-Kunstfigur Lulu, die alles, ja alles, mit sich machen lässt. Doch dann begeht eines der Porno-Starlets Selbstmord, ein Stalker ist hinter Lulu her und ihre Kollegen erfahren von ihrer zweiten Identität. "LLLA" hätte einen guten Film ergeben können, versandet aber in viel zu langen Kindfrauen-Stöhnszenen, nicht ganz ausgearbeiteten Figuren und dem Ausbremsen des Erzähltempos an unpassenden Stellen. Es gibt emotional berührende Szenen besonders zwischen Juno und der Kollegin Ayano, die den Film retten, trotzdem will man sich dieses Werk nicht unbedingt noch einmal anschauen.
Die Kritik an der Pornoindustrie geht auch nicht weit genug, damit man "LLLA" als Gesprächsgrundlage über das Thema nehmen könnte. Dafür gibt es viel "Fanservice" (Höschen-Shots), einen Sternchenzauberstab und nackte Frauen. Und manchmal einen Hauch assoziatives Arthousekino, was den Zuschauer bewegt, aber dafür auch nicht mehr zum Rest passt.

"Naganos Kinderlieder" (Nadja Frenz, 2010, 55 min) liegt am anderen Ende des Arthouse-Spektrums und ist eine Doku über die Aufführung japanischer Kinderlieder durch den berühmten amerikanischen Dirigenten Kent Nagano und die Hinterlegung dieser Aufführung mit computeranimierten Bildern vom Hamburger Designer Peter Schmidt. Naganos Familie kam vor drei Generationen aus Japan nach Amerika, daher spricht er auch kein Japanisch und kannte keine japanischen Kinderlieder aus seiner Kindheit. Erst als seine eigene Tochter diese auf CD hörte, begeisterte er sich für diese Tradition. Die nun zeitgemäß neuvertonten Lieder entstanden Ende des 19. und im 20. Jahrhundert und wurden in der Neufassung von Peter Schmidt und seinen Mitarbeitern visualisiert. Im Film gezeigt wird die Inspirationsreise Schmidts in Japan, die Umsetzung durch einen Komponisten und die Proben Naganos mit jugendlichen Musikern in Montréal. Besonders diese Szenen sind anrührend, wenn der Dirigent zum Beispiel sagt: "Das muss klingen wie fallende Kartoffeln, nicht wie Katzenpfoten" und ein wenig später "Das waren jetzt fallende Tiefkühlpommes." So ist "Kinderlieder" am schönsten, wenn das Geschehen gezeigt und nicht kommentiert wird. An zu vielen Stellen wird leider unnötiger Voiceover eingesetzt. Es werden leider aus Zeit- und Budgetgründen nur zwei der Kinderlieder näher vorgestellt, man hätte gern mehr davon gesehen, anstelle einen Werbefilm für Schmidt & Nagano.

Der Produzent von "Tony Takitani", Naoki Hashimoto, legte mit "Birthright" (Saitai, Regie: Naoki Hashimoto,2010, 108 min) ein anstrengendes Familiendrama um Rache vor, was dem Zuschauer jedoch immerhin nicht so viel Sitzfleisch abverlangte wie der längste Film des Festivals, der 278 Minuten lange "Heaven's Story" (Regie: Zeze Takahisa, 2010), der von den Zuschauern zwar gemocht, aber für seine unendlich langatmige Entwicklung kritisiert wurde.
"Goodbye - Hebano" (Regie: Bunyo Kimura, 2009, 81 min) beschäftigt sich mit den Folgen von Atomskandalen für die Menschen, die in Kernkraftwerken arbeiten. Durch diesen thematischen Bezug gab es auf dem Filmfest eine Diskussionsrunde zu den Unfällen in Fukushima, bei der auch Betroffene aus der Region sprachen.
Weiterhin liefen zum Beispiel "Andante" ( Andante - Ine no senritsu, Regie: Satoshi Kaneda,2010, 108 min), ein Drama über eine junge Musikerin, die am Konkurrenzkampf an einer Musikhochschule zerbricht, und die Autismusgeschichte "Lost Paradise in Tokyo" (Rosutoparadaisu in T?ky?, Regie: Kazuya Shiraishi, 2009, 115 min). "Drifting Clouds" hingegen ist thematisch nur etwas für wirklich hartgesottene Gemüter, handelt er doch von Frauenmördern, Verdauungsleiden und Analfetisch. In "Assault Girls" (Asaruto garuzu, Regie: Mamoru Oshii, 2009, 70 min) wird die Welt eines virtuellen Actionspiels namens "Avalon" in der zerstörten Welt der Zukunft thematisiert.

Reihe Rakugo: Komödie
Rakugo bezeichnet in Japan die traditionelle Stand-up Comedy. Die Einordnung der Filme in diese Reihe ist nicht immer transparent und so verstand auch keiner, warum das kleine Arthouse-Werk "Yuriko's Aroma" unbedingt eine Komödie sein muss. "Yuriko no Aroma" (Regie: Kota Yoshida, 2010, 72 min) ist der wohl sinnlichste Film des Festivals und lebt von der schönen Spielkunst von Hauptdarstellerin Noriko Eguchi, die so sinnlich schnüffeln kann, wie nicht einmal Ben Whishaw in "Das Parfum". Ihre Figur Yuriko ist so sehr von Gerüchen angezogen, dass sie sich nicht bremsen kann, als sie den Schweiß des Neffen ihrer Chefin riecht. Sie verfolgt ihn und beginnt, seinen Kopf zu lecken. Durch Einsatz von Unschärfe wird hier filmisch die Welt der Gerüche visualisiert. Visuell zwar wunderbar, ist "Yuriko's Aroma" manchmal etwas langatmig erzählt, lebt aber von seinen Darstellern. Erstaunlich ist jedoch, wie unangenehm intim so etwas Einfaches wie Geruch plötzlich werden kann, wenn sich sexuelle Attraktion nur daraus ergibt.

Fazit
Wird es auch wenige Zuschauer gegeben haben, die sich für die ganze Palette japanischer Filmkunst interessierten, so war das Spektrum auf jeden Fall breit genug, dass die meisten Japan-Interessierten ihre Nische finden konnten. Die gezeigten Filme waren nicht immer gut, doch ist dies bei einem Festival mit so vielen Filmen junger Regisseure, die vieles auch einfach mal ausprobieren, auch nicht zu erwarten. Das Highlight war eindeutig Takashi Miikes "13 Assassins", gefolgt von "Arietty" nach dem Drehbuch von Hayao Miyazaki. Das Schlusslicht des Gesehenen bildet "Gantz" - es hätte wohl auch "Drifting Clouds" werden können, wäre die Autorin dieses Textes nicht von vornherein einem Film aus dem Weg gegangen, der von Verdauungsleiden und Analfetisch handelt. Doch auch solch ein Film gehört nun mal zum japanischen Kino. Wenn auch nicht davon, dann vom erfreulichen Rest gerne mehr im nächsten Jahr, und bis dahin: Arigato.

Mehr Informationen unter www.jffh.de

Margarete Semenowicz