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"Die wilden Siebziger!" - Staffel 1 auf DVD

1998 ging auf dem amerikanischen Fernsehsender Fox eine Sitcom auf Sendung, für die sich partout kein geeigneter Titel gefunden hatte. Etliche Namen, basierend auf Rocksongs der Handlungs-Ära, wurden ausprobiert: "Out In The Street" (nach dem Titelsong der Serie von Big Star), "Teenage Wasteland" (aus dem Who-Klassiker "Baba O'Riley") oder auch "The Kids Are Alright" (ebenfalls "The Who"). Nachdem The Who ihr Veto einlegten und der Ersatzname "Feelin' Alright" nicht so recht zu passen schien, nahm man die simpelste, neheliegendste, wenn auch ungewöhnliche Lösung. Nach den Testvorführungen häufte sich positives Feedback, Name oder nicht, à la "I really liked that 70s Show I've seen". Und warum es dann kompliziert machen, wenn's auch einfach geht. So wurde aus that 70s show, welche das Publikum gesehen und gemocht hatte, eben einfach "That 70's Show", von RTL dann etwas reißerischer umgedichtet in "Die Wilden Siebziger!".
So wild geht's hier allerdings gar nicht zu in dieser Sitcom um eine Gruppe Jugendlicher in dem Provinzkaff Point Place in Wisconsin Mitte der 1970er Jahre. Sondern ausgesprochen lustig, vielversprechend für einige der Jungstars in ihren ersten großen Rollen, und mit pointierten Spitzen gegen alles, was man an den Siebzigern lieben oder fürchten gelernt hat. Zeit also angesichts des Wiederauftauchens von Forman & Co, eine Zeitreise anzutreten…zurück in die wilden Siebziger.

Das erste, was einem bei dem durch und durch erfreulichen Wiedersehen mit den Schlaghosenträgern und Swingern hier auffällt ist, wie konstant hoch tatsächlich die Lacherquote dieser Serie war. Neben wissendem und vergnügtem Grinsen springen bei fast jeder Folge mindestens ein halbes Dutzend lauter Lacher heraus. Luke Skywalker-Fans mögen es verzeihen, dass ausgerechnet die "Krieg der Sterne"-Episode eine der zwei eher schwächeren Folgen der ersten Staffel ist, was bei 26 Episoden aber nun wirklich nicht ins Gewicht fällt. Ansonsten kann aber "Die Wilden Siebziger!" das hohe Niveau an Witz durchgehend halten, was für eine Sitcom zwar lebensnotwendig ist, deswegen aber noch lange nicht immer zwangsläufig gelingt.
Dass es hier ganz ausgezeichnet gelingt, hat sicher auch damit zu tun, dass sich alle Schauspieler in ihren Rollen sofort wohl fühlen, hier ist nix mit "sich während der Staffel reinfühlen". Und so treffen sämtliche jeweils ein Klischee bedienenden Charakterisierungen voll ins Schwarze: Ob nun Topher Grace als Normalo Eric; Laura Prepon als das attraktive und smarte Nachbarsmädchen Donna, das jeder gerne hätte; Ashton Kutcher als hirnloser Volldepp Michael Kelso; Mila Kunis als verzogene Tussi Jackie; Danny Masterson als cooler Stinkstiefel Steven oder Wilder Valderama als naiver Austauschstudent Fez - das passt alles. Sowohl Grace als auch Kutcher haben ja im Anschluss an diese Serie tatsächlich Hollywoodkarriere gemacht, was man auch daran ablesen kann, dass die DVD-Verpackung Kutcher in den Mittelpunkt rückt und auch groß mit seinem Namen wirbt.
Aber das eigentliche Herz der Serie und verantwortlich für die meisten und besten Lacher sind zwei Veteranen: Kurtwood Smith als Erics kantig-grantiger Vater Red und Debra Jo Rupp als seine konstant vergnügt scheinende Mutter Kitty, die zwischendurch durchaus mit spitzer Zunge das Geschehen leitet. Beide spielen ihre Rollen fantastisch und bringen durch den Generationskonflikt nicht nur einen weiteren, durchaus realistischen Aspekt der Teenagernöte in die Serie ein, sondern eben auch den meisten Spaß. Wenn Red Eric wieder bei irgendetwas erwischt, muss er gar nichts sagen. Da reicht es schon wenn Kurtwood Smith auf typische Red-Art schaut und man muss grinsen. Um das Erfolgsgeheimnis der Serie auf den Punkt zubringen: Die Chemie zwischen der Besetzung stimmt einfach.

Eigentlich sollte "Die Wilden Siebziger!" nicht so gut funktionieren, wie sie es tut, da die Idee für die Serie doch recht abgegriffen erscheint. Ein öder "Happy Days"-Abklatsch, der jedes noch so blöde Klischee über die Siebziger rausholt und bis zur Unwitzigkeit verwendet. Aber so eine Show ist die Serie dann glücklicherweise bei weitem nicht geworden. Natürlich kommen viele Eigenarten der Dekade vor, werden aber eher gestreift, als dass man den Witz konstant mit dem Holzhammer reinzuprügeln versucht. Zudem hat die Serie einen angenehmen selbstironischen Ton und nimmt die gezeigten 70er Jahre-Relikte liebevoll und auch sich selbst auf die Schippe. Und nur Blödsinn ist auch nicht. So gibt es vereinzelte Episoden wie "Erics neuer Freund" oder "Die Pille", die witzig und ohne erhobenen Zeigefinger soziale Themen (Homosexualität, Schwangerschaft) behandeln.

Auf DVD kommt "Die Wilden Siebziger!" grundsolide daher. Vollbild und Stereoton sind jetzt nicht unbedingt dafür angetan, als Vorführreferenz fürs Heimkino zu gelten, setzen die Serie aber adäquat um. Nicht ganz adäquat sind allerdings die Extras, denn die "vielen groovy Extras", die auf der Verpackung angepriesen werden sind erstens nicht zahlreich und zweitens nicht so sehr groovy. Hauptextra ist eine etwa halbstündige Dokumentation mit Interviews der Schauspieler, die aber kaum über Oberflächlichkeiten hinausgeht. Ein Zusammenschnitt der US-Werbetrailer für die Show und ein recht merkwürdiges "Quiz"-Special (bei dem die Antwort nur wenige Sekunden nach der Frage gezeigt wird) ziehen auch nicht gerade die Wurst vom Brot. Da hätte man sich schon etwas Gehaltvolleres wie Audiokommentare oder gar Dokus zu den 1970er Jahren gewünscht. Andererseits werden ja auch diverse Serien lieblos ohne irgendetwas an Extras veröffentlicht, von daher will man da auch nicht zu viel meckern. Auch die recht magere Ausbeute an Bonusmaterial ist schließlich immer noch besser als gar nichts.

Simon Staake