Bill (Jeremy Theobald) ist auf den ersten Blick ein ganz normaler
Londoner, hat aber ein seltsames Hobby. Er folgt wildfremden Menschen
quer durch die Stadt, beobachtet sie, studiert sie. Bill ist (erfolgloser)
Schriftsteller und sucht dadurch Inspiration für sein Schreiben.
Eines Tages jedoch spricht ihn eines seiner ‚Verfolgeropfer'
an: Der dandyhafte Cobb (Alex Haw) hat Bills Hobby entdeckt, nennt
aber ein mindestens
ebenso
denkwürdiges Hobby sein eigen. Er bricht in fremde Wohnungen
ein, allerdings nicht in erster Linie um zu stehlen, sondern um
- ähnlich wie Bill - fremde Leben zu durchforschen. Cobb nimmt
Bill unter seine Fittiche und beide begeben sich fortan zusammen
auf Einbruchs- und Schnüffeltouren. Doch spätestens als
sich Bill für eines der Einbruchsopfer (Lucy Russel) privat
zu interessieren beginnt, setzt sich ein Spiel in Gang, bei dem
nicht alle mit offenen Karten spielen...
Wieso ist da eigentlich nicht schon früher jemand drauf gekommen,
diesen Film rauszubringen? Schließlich liegt der Kinostart
von Christopher Nolans Geniestreich "Memento"
nun auch schon drei Jahre zurück, und im Rahmen der damaligen
(komplett gerechtfertigten) allseitigen Begeisterung wäre es
ja eigentlich nur folgerichtig gewesen, den in vielen Belangen ähnlichen
Erstling von Nolan, "Following", gleich im Fahrwasser
mit "vom Memento-Regisseur"-Hinweis herauszubringen. Andererseits
hätte man dann auch den direkten Vergleich gehabt, bei dem
"Following" natürlich nur verlieren kann. Aber jetzt,
mit gebührendem Abstand, kann man diese faszinierende Vorstudie
formidabel genießen und sich daran erinnern lassen, dass Christopher
Nolan einer von Hollywoods Guten ist.
Und
auch schon von Anfang an war. Denn dieser No Budget-Film, den Nolan
über ein ganzes Jahr an Samstagen drehte, weil sein Team aus
Amateursschauspielern und er selbst unter der Woche noch regulären
Jobs nachgingen, ist ein echter Rohdiamant. Allerdings mit Betonung
auf roh. Denn natürlich sind die Schauspielleistungen bei allem
Enthusiasmus nicht immer ganz überzeugend (schauspielerisches
Highlight ist eindeutig Alex Haws Leistung als der aalglatte Mr.
Cobb, während Jeremy Theobald eher blass bleibt) und auch die
Kameraarbeit und der Schnitt (beides von Nolan höchstpersönlich)
sind noch nicht so ausgefeilt und professionell wie in "Memento".
Dennoch zeigt "Following" schon deutlich Nolans Interesse
am nichtchronologischen, unorthodoxen Erzählen und an mysteriösen,
undurchsichtigen Figuren. Und während man auch den farbigen
"Memento" guten Gewissens unter dieser Rubrik laufen lassen
kann, ist der im rauen Schwarz-Weiß gehaltene "Following"
natürlich fast noch mehr klassischer Film Noir. Und wie stets
in diesen Filmen ist hier dementsprechend auch nicht alles so wie
es scheint, gibt es richtig böse Buben und klassische Femme
Fatales, und der Anti-Held in der Hauptrolle findet sich in Situationen
wieder, die er sich definitiv anders gedacht hatte.
Nolans
Erstling begeistert vor allem mit seiner Ökonomie. An diesem
Film ist kein Gramm fett zu viel, und so ist das sehnige, böse
Spektakel schon nach noch nicht mal siebzig Minuten zuende. Dementsprechend
setzt Nolan seinen Film konstant spannend in Szene und - und das
ist sicherlich das Wichtigste - trotzdem hat der Zuschauer am Ende
das Gefühl, einen kompletten Film und alles gesehen zu haben,
was er sehen brauchte. Die meisten Filme sind heutzutage ja eh zu
lang.
Besonderes Spannungsmittel ist neben den inhaltlichen Thrillerthemen
die erwähnte Erzählstruktur. Natürlich gibt es hier
keinen so guten strukturellen Grund für die nichtlinear zusammengesetzten
Szenen wie dereinst in "Memento", gut gemacht ist es trotzdem.
Denn nur so kann auch die so simple wie ausgefuchste Geschichte,
die Nolan sich ausgedacht hat, richtig funktionieren. Da ist ein
Teil der Spannungsarbeit dann das Zusammenpuzzlen der Ereignisse
seitens des Zuschauers und das Raten, wie die Kleinigkeiten später
zusammenpassen. Das erfordert allerdings konstante Aufmerksamkeit
und am besten sieht man "Following" - wie auch "Memento"
- zweimal. Besonderes Lob auch für dieses ausgefeilte, genau
durchdachte Werk, da Nolan bei dem aus eigener Tasche bezahlten
Budget von lachhaften 6.000 Dollar eben nicht Kilometer von Film
für alle Eventualitäten verbrauchen konnte. Da musste
alles minutiös geplant werden und jede Szene sitzen. Und jede
Szene sitzt.
Es ist immer wieder eine Freude, nachträglich zu sehen, wie ein Talent vor seinem Durchbruch schon Ansätze späterer Klasse zeigt und einen distinktiven Stil entwickelt. Das konnte man zum Beispiel bei P.T. Anderson sehen, der "Boogie Nights" und vor allem "Magnolia" den Geheimtip "Last Exit Reno" vorausschickte. Und jetzt mit "Following" eben auch bei Christopher Nolan. Guter Film (dies), gute Sache (die verspätete Veröffentlichung), das Programmkino Eures Vertrauens erwartet Euch.



Es gibt noch einen zweiten Film mit genau derselben Handlung, allerdings in Farbe.
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