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The Get Down - Staffel 1 (Teil 1)

Plakat "The Get Down"Diese Idee könnte Serie machen – das denken sich inzwischen immer mehr berühmte Hollywood-Regisseure. Ob David Fincher mit "House of Cards", Steven Soderbergh mit “The Knick“ oder schon bald Woody Allen mit “Crisis in Six Scenes“ - angesichts von den immer eintönigeren Wünschen der großen Hollywood-Studios ist das Serienformat für kreative Köpfe inzwischen zum deutlich aufregenderen Liebespartner avanciert. Nun hat sich auch Baz Luhrmann verguckt, ausgerechnet der Regisseur, bei dem man das wohl am wenigsten erwartet hätte. Schließlich steht kaum ein anderer Name für extravagante, bildgewaltige Epen (“Moulin Rouge“, “Der große Gatsby“) und genau die schreien ja eigentlich nach der großen Leinwand. Wer angesichts der Budget-Restriktionen im Serienbereich nun vielleicht ins Grübeln kommt, wie der gute Baz denn hier auf einen grünen Zweig kommen will, der kann unbesorgt sein. Denn der Meister des hippen Epos hat natürlich gleich so richtig sein ursprünglich vorgegebenes Budget gesprengt und damit die teuerste Serie geschaffen, die der Streaming-Dienst Netflix je produziert hat. Eine Serie, die sich um die Geburtsstunde des HipHop dreht und dabei mit einem höheren Budget pro Folge aufwartet als “Game of Thrones“ - das macht schon ziemlich neugierig. Das Ergebnis sorgt dank einem tollen Soundtrack, überzeugender Hauptdarsteller und einem richtig guten Vibe zwar tatsächlich für gute Laune, kommt aber inhaltlich ein klein wenig zu wirr daher um letztendlich die Bestnote zu kassieren.
 

Zeitlich entführt uns “The Get Down“ in die Hochzeit der Discomusik Ende der 1970er Jahre. Die New Yorker Bronx, von skrupellosen Politikern und Baumogulen dem Verfall überlassen, ist die Heimat unseres jungen Protagonisten Ezekiel (Justin Smith). Ezekiel ist zwar poetisch veranlagt, nutzt diese Stärke aber nicht für die Schule, sondern zieht lieber mit seiner Gang durch das Viertel. Ein Viertel, in dem die materielle Armut eine Menge kreative Energie freigesetzt hat und der Einfallsreichtum, vom Graffiti-Künstler bis zum Underground-DJ, scheinbar keine Grenzen kennt. Hier trifft die Gang auf den Sprayer Shaolin Fantastic (Shameik Moore), der unter der Anleitung des legendären Grandmaster Flash (Mamoudou Athie) und ausgestattet mit den coolsten Sneakers der Stadt endlich seinen Traum vom ruhmreichen DJ-Leben erfüllen möchte. Nur die richtigen Texte fehlen ihm noch und da kommt das ungeschliffene Juwel Ezekiel genau recht. Ezekiel hat allerdings gerade Liebeskummer, denn die von ihm angebetete Mylene (Herizen F. Guardiola) scheint nur Augen für eine mögliche Karriere als Disco-Star zu haben. Dabei steht Mylene aber ihr sehr religiöser Vater (Giancarlo Esposito) im Weg, der für ihre Leidenschaft nur Verachtung übrig hat. So werden Mylene und Ezekiel schon bald vor scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt – inklusive koksender Musikproduzenten und schießender Gangster im glitzernden Disco-Outfit. Beide ahnen dabei noch nicht, dass sie bald Teil eines ganz besonderen Moments der Musikgeschichte werden: der Geburtsstunde des HipHop.

 

Eine richtig schwere Geburt war auch die Produktion der Serie. Wie aus dem Umfeld zu hören war, hatte Luhrmann so seine Probleme mit der bei Serien vorherrschenden Produktionsweise und konnte weder das vorgegebene Budget noch die Zeitpläne mit seiner eigenen Arbeitsmethode in Einklang bringen. Schlussendlich riss Luhrmann die komplette Produktion an sich, obwohl er ursprünglich eigentlich nur als Berater agieren wollte. Das Ganze selbstverständlich mit dem Segen von Netflix, das auf keinen Fall sein schillerndes Zugpferd verlieren wollte. Gleichzeitig stand man aber vor dem Dilemma, mit den zwölf geplanten Folgen der ersten Staffel komplett im Hintertreffen zu sein, und so entschied man sich dafür, zumindest die ersten sechs Folgen als Mini-Staffel noch in diesem Jahr zu veröffentlichen. Die derart dominante Rolle von Luhrmann in seiner Funktion als Produzent und Schöpfer ist dann auch der Grund, warum sein Name in dieser Kritik ein derart treuer Begleiter ist. Auf dem Regiestuhl nahm Luhrmann allerdings nur für die erste Folge Platz, legte dabei aber einen ganz schön diskussionswürdigen Auftritt hin.
 

Im Herzen ist “The Get Down“ die Geschichte von Ezekiel und Mylene, die ganz klassisch den Weg raus aus der Gosse hin zum großen Ruhm einschlagen. Die Präsentation des Ganzen kommt aber, wen wundert es bei Luhrmann, so gar nicht klassisch daher. Die erste Folge ist nämlich genauso durchgeknallt wie naiv, hip wie romantisch und in jeglicher Hinsicht einfach eine komplette Reizüberflutung. Wo Luhrmann drauf steht ist auch Luhrmann drin, da besteht bei der ersten Folge wahrlich kein Zweifel. Natürlich könnte man angesichts der oft naiven Dialoge die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber dazu bleibt bei den wilden Schnitten, schwungvollen Kamerabewegungen, der detailverliebten Ausstattung und der coolen Grundstimmung meist gar keine Zeit. “The Get Down“ feuert in seiner ersten Folge ein wildes visuelles Feuerwerk ab, bei dem immer wieder Erinnerungen an Luhrmanns bisher bestes Werk wach werden. Insbesondere die Szenen mit Mylene und Ezekiel wirken, sowohl inhaltlich als auch in Sachen Inszenierung, oft seltsam vertraut. Verwunderlich ist das allerdings nicht, denn auch wenn der grandiose “Moulin Rouge“ in einer komplett anderen Zeit spielte – die Sehnsüchte und Motive seiner Hauptfiguren finden sich auch in “The Get Down“ wieder.

 

Allerdings hat die Serie in ihrer ersten Folge auch ein großes Problem. Während “Moulin Rouge“ sein wahnwitziges Chaos zumindest in Bezug auf die Story in überschaubaren Bahnen hielt, ufert es bei “The Get Down“ schon zu Beginn deutlich aus. Man möchte hier nämlich gleich alle Facetten der damaligen Ära gleichzeitig einfangen und so wird, neben der kompletten Underground-Kultur, auch noch versucht den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen einen Platz einzuräumen um dem Geschehen somit noch mehr Gewicht zu verleihen. Das ist aber eben schwierig wenn man gleichzeitig den High-Voltage-Schalter am Anschlag hat. So übernimmt sich die erste Folge inhaltlich doch ein gehöriges Stück und springt wirr immer wieder zwischen naiver Liebesgeschichte, Einblicken in die Underground-Kultur, comic-haften Gangstern und ernsten politischen Themen hin und her. So visuell reizvoll zum Beispiel die Idee ist, das Geschehen immer wieder mit echten und oft düsteren TV-Aufnahmen der damaligen Zeit zu kombinieren – so ganz rund wirkt es eben nicht, wenn kurz danach Luhrmann wieder im stylischen Club mit seiner Inszenierung die Sau rauslässt. Als Zuschauer kommt man sich hier so ein bisschen vor wie auf einer wilden Party, bei der man leider nichts zu trinken hat und nun nüchtern dem ganzen Treiben zuschauen darf – schon irgendwie faszinierend, aber lange wird man das nicht aushalten. Und genau hier treffen die Macher nun die beste Entscheidung der ersten Staffel.
 

Schaut man sich die ersten Regie-Folgen von David Fincher in “House of Cards“ oder Martin Scorsese in “Boardwalk Empire“ an, so setzen beide Regisseure hier den Grundton für die jeweilige Serie. Alle späteren Folgen, nun in der Hand von anderen Regisseuren, greifen deren Stil auf und imitieren ihn. Genau das Gegenteil passiert in “The Get Down“. Nach der ersten Folge und dem freiwilligen Rückzug von Luhrmann vom Regieposten treten dessen Nachfolger nämlich direkt aufs Bremspedal. Dem temporeichen Chaos der ersten Episode folgt nun eine deutlich ruhigere Inszenierung, bei der sich viel mehr Zeit für die Figurenentwicklung genommen wird. Insbesondere die zweite und dritte Episode lassen die Figuren endlich atmen, geben ihnen etwas mehr Ecken und Kanten und ermöglichen dem Zuschauer in Ruhe eine emotionale Beziehung zu den beiden Hauptfiguren aufzubauen. Das Ergebnis sind einige wundervolle Szenen, welche die Zerrissenheit von Ezekiel und Mylene nicht nur überzeugend transportieren, sondern den Zuschauer auch richtig emotional packen (insbesondere eine mit Discomusik untermalte Montage ist hier hervorzuheben). Natürlich sind wir noch immer weit weg von wirklich komplexen Charakteren, aber die zusätzliche Zeit für die Figurenentwicklung lässt einem sogar eine solch überzeichnete Figur wie den Lokalpolitiker Papa Fuerte ans Herz wachsen.
 

So findet die Serie dann endlich ihren Groove und man kann nun entspannt den tollen Soundtrack, die detailverliebten Einblicke in die Subkultur und den wirklich coolen Vibe des ganzen Treibens genießen. Natürlich hilft es dabei ungemein HipHop-Fan zu sein, um viele der Anspielungen zu verstehen oder mit der wahren Geschichte von manchen Nebenfiguren (Grandmaster Flash, DJ Kool Herc) vertraut zu sein. Aber selbst als HipHop-Laie lässt man sich nur zu gerne von den energiegeladenen Songs und Texten anstecken. Außerdem gibt es da natürlich noch jede Menge Discomusik, bei der es schon automatisch in den Händen und Beinen zu zucken beginnt. Keine Frage, der Musikteil von “The Get Down“ macht richtig Laune.

Außerdem wurde ein großer Teil des Budgets in die Ausstattung gesteckt und so sieht die Serie, ein paar zu offensichtliche Computereffekte mal ausgenommen, einfach auch toll aus. Aber noch wichtiger ist, dass die beiden Hauptdarsteller so prächtig miteinander funktionieren. Justin Smith und Herizen F. Guardiola entwickeln eine starke Chemie zwischen ihren beiden Figuren, und da kann man, ähnlich wie bei “Moulin Rouge“, eben auch die eher naiven Dialoge der beiden verzeihen. Vor allem aber halten die zwei die Serie in den letzten beiden Folgen zusammen, in denen die Geschichte den Weg zum großen Staffel-Showdown eher entlang stolpert als zielgerichtet läuft. Ganz schlimm hat es ausgerechnet “Breaking Bad“-Star Giancarlo Esposito erwischt, dessen sowieso schon sehr klischeehafte Figur am Ende eine sehr unglaubwürdige Wandlung erfahren darf. Aber auch so konstruiert man sich schon wirklich einiges unsinnig zusammen, damit jeder am Schluss letztendlich da ist wo er hingehört. Das wird besonders dann offensichtlich, wenn sich die Serie weg von der Musik bewegt und andere Baustellen wie die politische Situation vor Ort angeht.

 

Genau das ist dann auch der springende Punkt beim abschließenden Fazit. “The Get Down“ ist eben als naives Liebesmärchen und überstilisierter Blick auf die Geburt von HipHop viel überzeugender als in seinem Versuch, das Ganze gleichzeitig auch noch in der Realität zu verankern. So viel Spaß die Serie trotzdem noch macht, kann man schon die Frage aufwerfen, ob die Herangehensweise von Luhrmann an das Projekt die richtige war. Oder man wirft mal die Frage in den Raum, ob ihm nicht eine Serie mit dem Fokus auf Discomusik eher zu Gesicht gestanden hätte. Ist Luhrmann, und das ist nicht respektlos gemeint, vielleicht in der Glitzerwelt von Disco besser aufgehoben als bei dem eher geerdeten HipHop aus den Ghettos? So leicht ist diese Frage allerdings gar nicht zu beantworten, denn immerhin ist kein anderer als der große Martin Scorsese mit einer ähnlich gelagerten Musik-Serie (“Vinyl“) in den USA gerade sowohl kommerziell als auch künstlerisch krachend gescheitert. Davon ist “The Get Down“ qualitativ weit entfernt, weil es dafür einfach zu viel Spaß macht, und das ist dann auch Luhrmanns Verdienst. Die Zukunft der Serie dürfte sich wohl aber erst nächstes Jahr entscheiden, wenn die zweite Hälfte der ersten Staffel erscheint. Für gute Laune ist bis dahin dank dieser abgedrehten Musik-Geschichtsstunde aber auf jeden Fall gesorgt.  

Matthias Kastl

Die Fragen...

...im letzten Abschnitt bringen es auf den Punkt. Meine Meinung: Nein, Luhrmann war nicht die richtige Person für dieses Projekt. Wie angedeutet hätte er es beim Disco-Glitzer belassen können und seine Fans (zu denen ich definitiv nicht gehöre) hätten Freude daran gehabt.

Das Positive: Die Serie ist anders, schrill und mutig. Sie erzählt eine schöne, aber nicht unbedingt neue Story und die Darsteller fand ich sympathisch. Zudem gibt's ein paar gelungene Lacher und stellenweise ist auch der Sound packend. Gute Unterhaltung alles in allem. Mein Problem ist aber eben, dass ich mit Luhrmanns Stil rein gar nix anfangen kann.

Hier liegt eine Thematik vor, die ich an sich superspannend finde. Nur leider will Baz hier viel zu viel. Sein Hochglanzstil empfinde ich als irritierend und deplatziert und erinnert mich eher an alten Musical-Kitsch wie West Side Story. Bei dieser Thematik wäre es m.M.n. angebracht gewesen, an die Stimmung von "The Warriors" anzuknüpfen. Oder wenn schon, dann mindestens die Einspielung von Realbildern wegzulassen, welche so gar nicht zum Gezeigten passen wollen. Das ganze etwas "dreckiger" inszeniert und TGD hätte eine Hammerserie werden können. So bleibt eine sympathische Serie mit sympathischen Darstellern, die in einem klinisch-kitschigen Fake-Retro-Setting ihre übersauberen Klamotten zur Schau tragen. Selbst unschöne Bilder kommen hier schrecklich überzeichnet und comichaft daher, womit sie ihrer eigentlichen Dramatik und Tragik beraubt werden. Die richtigen Probleme dieser Zeit und Szene werden leider eher angedeutet als vertieft. Und genau das hätte der Serie inhaltlich gut getan. Einfach ein paar Realbilder zeigen reicht da nicht aus, da hätte ich eine deutlichere Positionierung der Macher erwartet.

Schlussendlich weiss ich nicht so recht, was TGD sein sollte. Eine Milieustudie oder ein kitschiges Musical. Ich hätte mir ersteres gewünscht, geworden ist es eher letzteres und so war ich nicht unglücklich darüber, dass nach 6 Folgen vorerst Ende war.

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