|
|
Kürzlich in der U-Bahn: "Alter, haste Lust
den neuen Film von Clint Eastwood zu sehen?"
"Hmm, worum geht's denn?"
"Um Sport. Rugby oder so."
"Ach du Schande, wen interessiert das denn?"
"Ja nee, das geht nicht nur um Sport, da spielt doch auch
der
Morgan Freeman mit als Nelson Mandela."
"Häh?!
Seit wann spielt Nelson Mandela denn Rugby? Und ist der
nicht schon
hundert oder so?"
"Nein, Mann, Mandela selbst spielt doch kein Rugby. Der
Film
erzählt, wie er 1995 oder so das südafrikanische Rugbyteam
unterstützt hat, um nach dem Ende der Apartheid die
Vereinigung
seines Landes voranzutreiben."
"Ach so. Und wer ist das Goldlöckchen auf dem Plakat?"
"Das ist Matt Damon, Mensch! Der spielt François Pienaar,
den Kapitän der Rugby-Nationalmannschaft, der aus einem
Team
von Lappen eine Siegertruppe formt."
"Hmmm, klingt ja irgendwie altbekannt. Wie heißt denn
das Teil?"
"'Invictus'"
"Heilige Hölle, was ist'n das für'n Titel...?"
Und hier blenden wir uns aus diesem garantiert nicht
authentischen
Dialog aus, um nur kurz anzumerken, dass sich der
ungewöhnliche
Titel des Films auf ein Gedicht von William Ernest Henley
bezieht,
welches im Film sowohl Mandela als dann auch Pienaar
Inspiration
spendet. Apropos Inspiration. Da kommen wir schon zum
Hauptproblem
von Clint Eastwoods neuem Film "Invictus", der ein klares
Beispiel dafür ist, wie die Stärken eines Filmmachers
gleichzeitig auch seine Schwächen sein können. Das
Alterswerk
Eastwoods stach bislang durch eine simple Eleganz hervor,
die an
Hollywoods goldene Ära erinnert: handwerklich
ausgesprochen
solide gearbeitete Filme, die gerade dadurch zwischen den
mit CGI-Effekten
und MTV-Ästhetik geschwängerten Streifen der modernen
Generation von Filmemachern heraus stachen.
Viel hat dies mit Eastwoods Inszenierungsstil zu tun, der
generell
ein "Zwei Takes und dann ausdrucken"-Regisseur ist und
schon immer war. Ähnlich Besessenen wie etwa David Fincher
oder Terry Gilliam eine Einstellung dutzend, ja
hundertfach wiederholen
zu lassen, bis auch das letzte und kleinste Detail so ist,
wie sie
sich das vorstellen, war nie die Sache von Eastwood, des
straight
shooter im Leben und auf Zelluloid. Er kommt ans Set,
dreht
ein Drehbuch normalerweise zu einhundert Prozent so wie es
geschrieben
ist, und macht generell wenig Aufhebens während seinen
Drehs.
Dies verleiht seinen Filmen ihre altmodische Einfachheit
und schlichte
Eleganz, macht ihn aber auch ganz vom Drehbuch abhängig
und
verbietet sich jedes Risiko, sowohl inhaltlich als auch
stilistisch.
Böse gesprochen: Eastwood ist ein "langweiliger"
Regisseur. Das war bisher eigentlich seine Stärke, denn im
Meer der sich überschätzenden oder über-inszenierenden
Kollegen waren Eastwoods heimelige Filme deswegen so eine
Wohltat
und Erinnerung an gute alte Zeiten. Was aber tut ein
langweiliger
Regisseur mit einem relativ langweiligen Script?
Er setzt es so um, wie er es gewohnt ist, natürlich. Und
das
ist handwerklich absolut hochwertig, gut gespielt, absolut
vorhersehbar
und eben ein kleines bisschen langweilig. Das Schlimmste,
was man
über "Invictus" sagen kann, ist eben genau das: Es
ist ein gut gemachter Film, der eben genau das liefert,
was man
von ihm erwartet: Keine Schnörkel, keine Schlenker, keine
Mätzchen.
Man erwartet: ein inspirierendes Sportdrama mit
gegenseitiger Versöhnung
und Verständnis. Und das bekommt man auch. Die Dialoge
verlaufen
ziemlich genau so, wie man sie sich vorgestellt hat.
Eigentlich
verläuft alles ziemlich genau so, wie man es sich
vorgestellt
hat. Morgan Freeman hält als Nelson Mandela weise und
salbungsvolle
Reden, die natürlich immer genau den richtigen Ton treffen
und vor Weisheit und Güte schier bersten. Matt Damon als
Rugbykapitän
hat so gut wie nichts zu tun, außer diese Reden anzunehmen
und ein paar motivierende Sprüche zu bringen, die sein
Team
mitreißen sollen.
Hier liegt schon eines der Probleme von "Invictus" offen,
denn Freeman-als-Mandela hat offenbar genug
Charisma
für zwei, oder warum hat man vergessen, François Pienaar
interessante Charaktereigenschaften oder gar eine richtige
dramatische
Entwicklung mitzugeben? Dies trifft leider auf jede
einzelne Figur
hier zu. Der schwarze Chef der Leibgarde (Tony Kgoroge)
des Präsidenten
misstraut den weißen Kollegen, die früher für den
Feind arbeiteten, aber im Rugbyfieber gibt es dann
natürlich
doch anerkennende Blicke, stille männliche Anerkennung
oder
ein paar ganz zarte Männerumarmungen. Pienaars Kollegen
sind
am Anfang ein wenig rassistisch, aber nicht genug, um sie
uns unsympathisch
zu machen, und sie sind relativ ungewillt, als Maskottchen
von Mandelas
Versöhnungskampagne zu dienen. Beides ändert sich relativ
schlagartig, ohne dass sich Autor Anthony Peckham oder
Regisseur
Eastwood wirklich die Mühe machen, diese schwierigen
Prozesse
zu zeigen. Es muss wohl die simple Berührung durch
Mandelas
Heiligenschein gewesen sein, denn schwupps, schon sind die
"Springboks"
(der Spitzname des südafrikanischen Rugby-Teams) geläutert
und auch in der Öffentlichkeit, in der sie verlacht bis
verhasst
waren, beliebt. Dies nicht in den einfachsten und
offensichtlichsten
Bildern zu zeigen und dabei auch die Brüche nicht zu
vergessen,
daran scheitert Eastwood mit "Invictus".
Sein Plädoyer für Versöhnung, Vergebung und gemeinsame
Inspiration ist so dermaßen bieder und offensichtlich
gehalten,
dass es sich nur marginal von inspirierenden Sportdramen
von der
Stange unterscheidet. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit und
ein bisschen
mehr Mut zu unangenehmen Wahrheiten hätte hier nicht
geschadet.
Denn von der hier beschworenen nationalen Versöhnung
zwischen
Schwarz und Weiß ist Südafrika auch anderthalb Jahrzehnte
später noch sehr weit entfernt, wohl noch weiter als
damals.
Gewalt, Korruption und die anderen das Land beutelnden
Probleme
werden hier beiläufig erwähnt, zeigen tut Eastwood davon
indes nichts.
Und
auch das Finale der damaligen Rugbyweltmeisterschaft, mit
dem der
Film in klassischer "Underdog gegen Übermannschaft"-Manier
mit kaum überraschendem Ausgang endet, ist bei Rugbyfans
mehr
berüchtigt als berühmt, da die halbe Mannschaft des
Final-Gegners
aus Neuseeland von einer mysteriösen
Lebensmittelvergiftung
betroffen war, über deren Quelle bis heute gemutmaßt
wird (die Theorien reichen vom mutwilligen Vergiften durch
die südafrikanische
Wettmafia bis zu saurer Milch). Das wird hier freilich mit
keiner
einzigen Silbe erwähnt, würde es doch das Goliath-Image
des Neuseeland-Teams gehörig ins Wanken bringen, das der
Film
(mehr schlecht als recht) aufgebaut hat, und es passt
natürlich
auch nicht zu der herzerwärmenden Geschichte des schlappen
Verlierertrupps, der sich durch neu entdeckten Stolz auf
ein sich
vereinendes Land zum Sensationssieger mausert.
Sein spät entdeckter Humanismus und die, jawoll, relativ
liberalen
Tendenzen des früheren kalten Kriegers Eastwood können
dieses Mal nicht über die kreuzkonservative Machart und
das
eben so konservative Anliegen hinwegtäuschen. Da kann
Morgan
Freeman wie erwartet gut spielen in der Traumrolle des
Nelson Mandela,
er hilft dem Film nur ebenso bedingt weiter wie die
elegante Kamera
und das ganze ausgesprochen professionelle Paket
drumherum. Dabei
gelingt Eastwood natürlich sehr wohl der gewünschte
Effekt:
Wenn in bester Tradition des Sportfilms in den
entscheidenden Minuten
die Zeitlupe herangeschafft wird um die Dramatik zu
verschärfen,
und Bilder, Ton und Musik feierlich die "Rocky"-Tradition
des Außenseiters beschwören, möchte man natürlich
auch im Kinositz aufspringen und in die "Bokke,
Bokke"-Rufe
einstimmen. Aber wenn man zu doll merkt, wie einen
Manipulationskino
manipuliert, kann dies nur ein emotionales Strohfeuerchen,
ja eine
Sparflamme ergeben. Und aufgrund des Vermeidens jeglichen
Risikos
bleibt das Flämmchen auch auf dem Niveau.
"Invictus" ist handwerklich so gut gemacht, dass man dem
Film nicht eine gehobene Grundqualität absprechen kann.
Aber
etwas mehr Mut und etwas weniger Pathos hätte hier gut
getan,
vielleicht auch die eine oder andere kritischere
Anmerkung. So bleibt
dies grundsolides Kino alter Schule für Leute, die gerne
schon
vor dem Vorspann wissen möchten, was sie beim Abspann
fühlen
werden.



Herr Staake hat recht: Hier werden Charaktere kaum entwickelt und es werden viele Probleme ausgeblendet. Allerdings hätte man, um die involvierten Persönlichkeiten und die Probleme mit der Überwindung der Apartheid in all ihren Facetten zu erfassen, nicht einen Film von zwei Stunden sondern eine Serie gebraucht. Aber ich denke, darum ging es Eastwood gar nicht. Ihm ging es wie bereits bei Gran Torino um die Botschaft. Die lautet: Wenn wir die Konflikte dieser Welt, in denen viel Unrecht geschehen ist, lösen wollen, dann geht das nicht mit Rache und Gewalt, sondern mit Vergebung und Nächstenliebe. Das hat Mandela vorgelebt und dafür hat er den Friedensnobelpreis bekommen. Und wenn es einen Friedensnobelpreis für Regisseure gäbe, würde ich ihn Clint Eastwood verleihen. Denn ich finde, er hat die Botschaft filmisch hervorragend umgesetzt, und dazu noch sehr spannend. Mich hat der Film (auch wenn die Botschaft langweilig und altmodisch erscheinen mag) durchgehend gefesselt und gut unterhalten.
Super gut gemachter Film einfach Genial !!
So einen langweiligen Film habe ich selten gesehen
Kann mich der Rezension anschließen, der Film erinnert an die "üblichen" Sportfilme, die man so kennt, nur ausnahmsweise den herausragenden Schauspielern Freeman & Damon und natürlich einer (heutzutage schon standmäßigen) modernen vefilmung. Die Agentenstory, die Nelsongeschichte, beide leider so kurz erzählt, dass sie auch überflüssig gewesen wären; nur dann wäre ja gar nichts mehr vom Film übrig geblieben :/
Kommentar hinzufügen