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Die Vermessung der Welt

Die Vermessung der Welt
historien-drama , deutschland 2012
original
regie
detlev buck
drehbuch
daniel kehrmann
cast
florian david fitz,
david cross,
albrecht abraham schuch,
jeremy kapone,
vicky krieps, u.a.
spielzeit
122 Minuten
kinostart
25. Oktober 2012
homepage
http://www.dievermessungderwelt-derfilm.de
bewertung

6 von 10 Augen

vermessung 1Wenn die Besucher einer Pressevorführung zu gut Dreivierteln aus erwartungsfrohen Damen mittleren Alters bestehen, dann handelt es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um eine Buchverfilmung eines literarischen Ausnahmewerkes. Dass die gefühlte Spannung und Aufregung bei  „Die Vermessung der Welt“ sogar noch ein wenig größer ausfällt liegt daran, dass Daniel Kehlmanns Überraschungserfolg von 2005 nicht nur Deutschland- sondern tatsächlich weltweit zu den am meisten gelesenen Romanen der letzten Jahre überhaupt gehört. Die distanziert-amüsante Betrachtung der Lebensgeschichte zweier historischer Wissenschaftler, angereichert mit diversen fiktionalen Einfällen, traf bei vielen einen Nerv und sorgte für einhellige Begeisterung allerorten.

Da hat es eine Kino-Adaption natürlich umso schwerer den Vorstellungen der zahlreichen Leser gerecht zu werden. Der seit einigen Jahren aber stets auf der Suche nach solch neuen Herausforderungen befindliche Detlev Buck ("Knallhart", "Same same but different", "Rubbeldiekatz") sicherte sich daher schlauerweise die Mitarbeit des Autors Kehlmann und lies diesen sogar hauptverantwortlich das Drehbuch verfassen und im Film als Erzähler fungieren. Eine Distanzierung des Schriftstellers ist in diesem Fall also eher nicht zu erwarten. Beim Publikum könnte das etwas anders aussehen, denn die Verfilmung erweist sich als sehr eigenständiges Werk, was dann im Ergebnis gut und schlecht zugleich ist.
 

welt 2Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gibt es in der Welt noch einige Entdeckungen zu machen, sowohl was unbekannte Länder als auch die theoretischen Wissenschaften angeht. Im Herzogtum Braunschweig wachsen dabei zwei sehr unterschiedliche Talente heran: Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende, mathematisch begabte Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz) und der zu einem etablierten Adelsgeschlecht gehörende Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch), der es sich zur Aufgabe macht als Forscher und Entdecker die Welt zu bereisen, Flora und Fauna entlegener Landstriche zu katalogisieren. So sitzt der eine tagelang am Schreibtisch während der andere durch den Urwald stapft, mit der offensichtlichsten Gemeinsamkeit, bei den meisten Zeitgenossen auf eher wenig Verständnis zu stoßen. Von Humboldt offenbart im Sozial- und Sexualverhalten gewaltige Defizite, während Gauß zwar eine Familie gründet, dabei aber immer wieder die geistige Beschränktheit seiner Mitmenschen, inklusive des eigenen Sohnes (David Kross) beklagt. Begegnen werden sich die beiden Größen – abgesehen von einem flüchtigen Zusammentreffen während der Kindheit – dabei erst im fortgeschrittenen Alter, wenn es gilt zu erkennen was ihnen denn ihre Art zu leben gebracht hat und wie sie sich vielleicht doch noch gegenseitig zu befruchten vermögen.
 

welt 3Gleich zwei ereignisreiche, aber weitgehend voneinander unabhängige Biographien in einen Zwei-Stunden-Film zu packen führt wohl fast zwangsläufig zu dem, womit wir es hier nun zu tun haben: Einer recht hektischen Aneinanderreihung von wichtigen Ereignissen und kleinen Episoden, die in gewaltigen Zeitsprüngen erfolgt. Dass eine Umsetzung auf die Leinwand, welche der ausholenden, im entspannten Plauderton  gehaltenen Romanvorlage entspricht, kaum möglich ist, hat wohl auch Daniel Kehlmann schnell erkannt, schließlich fiel sein Erfolgsbuch für viele in die Schublade „ganz besonders unverfilmbar“. Was vermutlich der Grund dafür ist, dass der doppelte Autor nun reichlich radikal zu Werke ging und in Tateinheit mit seinem Regisseur ein Werk geschaffen hat, welches eine gänzlich andere Stimmung anschlägt. Wo es in der Vorlage noch sehr zurückhaltend zuging wird nun mitten hineingegriffen ins pralle historische Leben, sind die Straßen der Städte schlammig und schmutzig, die Weiber drall und die Zahnärzte kleine Sadisten, die exotischen Frauen recht willig und die Sklavenhalter beeindruckend widerlich.

Doch, es wird dem Auge Einiges geboten und es ist durchaus beachtlich was man in dieser Richtung mittels eines im Grunde gar nicht mal so großen Budgets in nur knapp 30 Drehtagen auf die Beine gestellt hat. Neben den überzeugenden Bauten der historischen  Städte atmen dabei vor allem die Kulissen in Südamerika tatsächlich den Geist des Unbekannten und Gefährlichen. Wozu auch der plastische Eindruck durch den für eine deutsche Produktion immer noch ungewöhnlichen Einsatz der 3D-Technik beiträgt, die für einen Mehrwert in Form von erkennbar aus Vorder- und Hintergrund bestehenden Bildern sowie einer stärkeren Wirkung des umher kreuchenden exotischen Getiers sorgt. Sie sorgt allerdings ebenfalls (und das bleibt ein bisher zu oft noch ungelöstes Problem dieser Technik) für zu viele dunkle und dabei manchmal leicht verwaschene Bilder, so dass „Die Vermessung der Welt“ einer der 3D-Filme ist, bei denen zwar nicht unbedingt Kopfschmerzgefahr besteht, die aber mitunter schon etwas anstrengend zu betrachten sind..

Recht heftig und deftig fällt auch der Humor dieser halben Komödie aus, den man nun ebenfalls nicht mehr als „fein“ bezeichnen kann. Einige Nebenfiguren, wie z.B. der Herzog von Braunschweig verkommen dabei offensichtlich sogar gewollt zu ziemlichen Witzfiguren. Eine Grenzüberschreitung, die vom bisher erst wenig im Kino zu sehenden Albrecht Abraham Schuch in der Rolle des Alexander von Humboldt so gerade noch vermieden wird. Dessen Figur benimmt sich zwar oft wie jemand den man heutzutage einen „Nerd“ nennen würde, zur bloßen Karikatur verkommt er dabei jedoch immerhin nicht. Den stärkeren Eindruck hinterlässt aber dennoch Florian David Fitz („Männerherzen“, „Doctor’s Diary“), der hier zweifellos die bisher größte Rolle seiner Karriere spielt und seinem Carl Friedrich Gauß dabei erfreulich viele unterschiedliche Facetten verleiht – besonders wenn dieser am Fehlen eines ihm ebenbürtigen Gesprächspartners zu verzweifeln droht, was in einer wirklich hübschen und desillusionierenden Szene mit seinem Vorbild Immanuel Kant seinen Höhe- bzw. Tiefpunkt findet. Insgesamt ist die Verfilmung dabei auch in den Nebenrollen nicht so prominent besetzt, wie man es ihrer Bedeutung nach vielleicht erwartet hätte, und es macht den Anschein, dass man bei der Suche nach finanziellen Einsparungen dann also in der Kategorie „namhafte Darsteller“ gelandet ist. Wirklich schlimm ist das jedoch nicht, da für die Figuren neben den beiden Hauptcharakteren halt sowieso nur noch sehr begrenzt Raum zur Entfaltung bleibt. Viel Stoff, wenig Zeit – wir sprachen bereits drüber.

welt 4


Dass das Pendel schließlich doch leicht zum positiven ausschlägt und man vielleicht sogar mit einem kleinen Lächeln den Kinosaal verlässt, ist dann hauptsächlich dem letzten Akt zu verdanken, in dem unsere beiden Dickköpfe endlich aufeinandertreffen und sich eine gar köstliche Unterhaltung liefern. Da ist er dann auch doch mal zu finden, der feinsinnige und charmante Witz der Vorlage, den manch einer bis dahin wohl schmerzlich vermisst hat. Am Gesamteindruck ändert das aber nur noch Nuancen und der lautet: Der Film ist eine zwar zweifellos interessante, aber doch auch sehr gemischte Angelegenheit. Und das Buch war halt wieder mal anders. Ganz anders, diesmal sogar.

Volker Robrahn

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