kleine Werbepause
Anzeige

Snowden

Snowden
biografie-drama , frankreich/deutschland/usa 2016
original
regie
oliver stone
drehbuch
oliver stone, kieran fitzgerald
cast
joseph gordon-levitt,
shailene woodley,
rhys ifans,
nicolas cage,
melissa leo,
zachary quinto,
tom wilkinson, u.a.
spielzeit
134 Minuten
kinostart
22. September 2016
homepage
http://www.snowden-film.de
bewertung

6 von 10 Augen

Ein Patriot, der mit der Zeit Zweifel an seinem Einsatz bekommt und seine Naivität verliert, ist eigentlich der ideale Stoff für Oliver Stone, dem Regisseur von „Platoon“, „Geboren am 4. Juli“ und „JFK – Tatort Dallas“, doch fehlt Stones konventionell-angepasstem und dramatisiertem Biopic „Snowden“ leider die Leidenschaft und der Mut seiner früheren Werke. Statt das System anzuklagen, zeigt Stone hier mainstreamtauglich die menschliche Seite und Karriere des Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden, der von den einen als Whistleblower und Held verehrt und von den anderen als Dieb und Verräter verflucht wird.

Die Einordnung Snowdens und von Stones bisheriger Arbeit beeinflusst die Bewertungen von US-amerikanischen Filmkritikern insoweit, dass dieser Film entweder hochgelobt oder vernichtet wird, je nachdem, wie sie zu Edward Snowden und Oliver Stone politisch stehen. Doch ist „Snowden“ weder ein herausragender Film noch ein verdammenswürdiges und naives Werk, wie es bei manchen zu lesen ist, sondern einfach nur ein Film, den man sich durchaus anschauen kann, um mehr Hintergrund über diese Person der Öffentlichkeit zu erfahren (wenn auch dramatisiert), der aber dadurch enttäuscht, dass man weiß, was ein Regisseur wie Oliver Stone eigentlich hätte abliefern können. Zudem gibt es schon die durch ihre Direktheit und Nähe zu den Geschehnissen sehenswertere Dokumentation „Citizenfour“ von Laura Poitras aus dem Jahr 2014, die in „Snowden“ nacherzählt und nachgespielt die Rahmenhandlung der Geschichte bildet: Die Zeit Edward Snowdens im Hongkonger Hotel Mira, wo er den Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill und der Filmemacherin Poitras seine Geschichte erzählt, um sie damit auch der Welt zu erzählen.

Der Film führt in Rückblenden vom Hotelzimmer in Hongkong im Jahr 2013 aus zu Schlüsselmomenten in Snowdens (Joseph Gordon-Levitt) Leben in den zehn Jahren davor. Edward, der aus einer Familie von Veteranen stammt, möchte gern zu den Spezialkräften, bricht sich aber leider beide Beine zu Beginn seiner militärischen Ausbildung und landet stattdessen bei der CIA und später beim NSA beziehungsweise bei Dienstleistern, die für die NSA arbeiten. Er glaubt an die Rechtmäßigkeit des Irakkrieges und freut sich, seinem Land dienen zu können. Seine Arbeit überzeugt Vorgesetzte davon, ihn zu befördern und ihm auch mehr Zugangsberechtigungen und Privilegien zu geben. Doch je mehr Edward Snowden erfährt, wozu die Programme eingesetzt werden, desto mehr zweifelt er an der Rechtmäßigkeit dieser Nutzung und der sich bietenden technologischen Möglichkeiten. Im Juni 2013 setzt er sich mit unzähligen heimlich kopierten Dokumenten als Beweise von Hawaii aus nach Hongkong ab und trifft sich dort mit Greenwald (Zachary Quinto), MacAskill (Tom Wilkinson) und Poitras (Melissa Leo), um die Massenüberwachung auch amerikanischer Bürger an die Öffentlichkeit zu bringen.

„Snowden“ ist vom oscarprämierten Kameramann Anthony Dod Mantle in ansprechende Bilder umgesetzt worden und auch die Animationen technischer Details und Abläufe sind nicht peinlich ausgeführt, sondern helfen dem Verständnis. Wie oft bei Oliver Stones Filmen sieht man bekannte Schauspieler in kleinen Nebenrollen, doch hier dürfen diese leider wenig ihres Könnens zeigen. Rhys Ifans spielt den CIA-Vorgesetzten nahe am James-Bond-Bösewicht, Zachary Quinto darf als Glenn Greenwald ein bisschen wütend sein, Shailene Woodley hingegen nur die typische Freundin geben und Nicolas Cage kurz den von seiner Regierung enttäuschten, abgehalfterten Professor, bei dem noch ein JFK-Bild an der Wand hängt. Immerhin setzt Joseph Gordon-Levitt seine Stimme tiefer und monotoner ein und verringert seine Mimik stark, um dem echten Edward Snowden ähnlicher zu sein. Gordon-Levitt spendete übrigens seinen Verdienst an diesem Film an die American Civil Liberties Union (ACLU), die auch Edward Snowden anwaltlich vertritt.

Oliver Stones „Snowden“ verbringt leider einen Großteil der Filmzeit mit der Liebesbeziehung zwischen dem anfänglich konservativ-patriotischen Edward Snowden und seiner liberalen Freigeist-Freundin Lindsay Mills. Es wird angedeutet, dass Snowden durch Mills regierungskritischer wurde, gleichzeitig wird sie hier reduziert auf die Freundin, die zwar dauernd schmollt, dass ihr Freund ihr nichts über seine Arbeit erzählen kann,  die aber gleichzeitig hinter ihm steht und auch sofort mitzieht, wenn er ins Ausland muss. Leider bremsen die Lindsay-Szenen immer dann die Handlung, wenn diese gerade Fahrt aufgenommen hat, weil Stone anscheinend sein Publikum nicht mit zu viel Technologie und komplizierten Abläufen auf einmal konfrontieren will.

Eine Möglichkeit, dem Publikum die Wichtigkeit des Themas der anlasslosen Massenüberwachung beizubringen, böte sich in einer Szene, in der Lindsay Edward sagt, sie habe doch nichts zu verbergen, somit sei es egal, wenn ihre Mails und Dokumente mitgelesen werden. Auf Edwards Antwort wartet man gespannt, doch was die beiden Drehbuchautoren Stone und Fitzgerald ihm in den Mund legen, ist enttäuschend: „Du hast dir Online-Profile anderer Männer auf einer Datingsite angesehen.“ Dass es für ihn ein Problem ist, dass die NSA einfach Webcams an Laptops anschalten kann, ohne dass die Nutzer es merken, wird für Snowden in diesem Film auch erst dann ein Problem, als er merkt, dass der aufgeklappte Laptop zum Bett zeigt, in dem er gerade mit Lindsay Sex hat.

Trotz aller weichgewaschenen Mainstream-Tauglichkeit fand Stone dennoch keine Geldgeber aus Hollywood für dieses nur vermeidlich hochpolitische und brisante Projekt. Stattdessen sammelte er sein Produktionsbudget in Frankreich und Deutschland und filmte zu einem großen Teil in München. Die Unlust amerikanischer Produzenten auf diesen Film könnte aber auch damit zu tun haben, dass "Snowden" sich schwer damit tut, eine wirklich runde Sache zu ergeben. So versucht Oliver Stone zum Schluss, seinem Film so etwas wie ein Happy End zu verpassen, was angesichts der bestens bekannten Tatsachen etwas befremdlich anmutet. Edward Snowden wird schließlich von seinem eigenen Land weiterhin als Hochverräter betrachtet, sitzt im russischen Asyl fest und seine Veröffentlichungen haben nur sehr wenig politische Veränderungen bewirken können. Mit einem Film, der sich mehr der Figur Edward Snowden als der Bedeutung seiner politischen Enthüllungen widmet, wird Oliver Stone daran wohl nicht viel ändern können. 

Margarete Prowe

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
1 + 1 =
Diese einfache Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben, z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.