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Reservoir Dogs

Reservoir Dogs
gangsterfilm , usa 1992
original
reservoir dogs
regie
quentin tarantino
drehbuch
quentin tarantino
cast
tim roth,
harvey keitel,
michael madsen,
steve buscemi,
chris penn, u.a.
spielzeit
95 Minuten
kinostart
homepage

1992 machte auf dem Sundance Festival ein Film Furore, der nicht nur die Ankunft eines neuen Regiewunderkindes versprach, sondern für sich selbst genommen das Kino der 90er entscheidend prägte. Dieser Film war "Reservoir Dogs". Geschrieben und in Szene gesetzt von einem film geek mit Hang zur Ordinärsprache, der früher in der Videothek arbeitete. Dieser Mann ist natürlich Quentin Tarantino, und dass sich die Vokabel ‚Tarantino-esque' bereits wenige Jahre später zum Sammelbegriff eines neuen Stils durchsetzte, zeigt wie einflussreich sein Schaffen wirklich war. Dass der Großteil der Zuschauer und Kritiker dabei sein Opus Magnum "Pulp Fiction" als Schaffenshöhepunkt anerkennt, ist vollkommen vertretbar. Denn die aus unterschiedlichen Erzählsträngen zusammengewobene Hommage an eben jene ‚pulp fiction' (Groschenromane) mit ihren ständig irrwitzige Dialoge haltenden Figuren ist nicht nur der zitierfähigste Film der 90er, sondern mit Sicherheit auch einer der besten. Dennoch kann man guten Gewissens behaupten, dass Tarantino bereits mit seinem Erstling nicht nur das einflussreichere, sondern auch das bessere Werk hinlegte.

Zunächst einmal der Einfluss: Zu der Zeit, als "Pulp Fiction" 1994 in die Kinos kam, wimmelte es dort bereits von lakonischen Killern, fehlgeschlagenen Raubzügen und mehr oder weniger erzwungenen Popkultur-Referenzen. "Pulp Fiction" war da nur der unumstrittene Höhepunkt, das Referenzwerk, das Plagiatoren aufzeigte, wie man es macht. Aber woher kamen überhaupt diese Ingredienzien, die stilistisch und inhaltlich einen so großen Einfluss hatten?
Rückblende in das Jahr 1991. Tarantino entwirft das Konzept für "Reservoir Dogs". Dieses Konzept ist nichts wirklich Neues. Und dennoch wird es mehr Schwung und Leben in die Independent-Szene bringen. Tarantino ist kein Visionär, er ist ein Filmliebhaber. Folglich sind seine Filme keine bahnbrechenden Werke, die dem Medium neue Wege aufweisen, sondern es sind dicht geschriebene und vor Referenzen nur so strotzende Liebeserklärungen an vorige Werke. In "Reservoir Dogs" sind dies - und es lassen sich sicher noch mehr Parallelen finden - solch unterschiedliche Werke wie Stanley Kubricks "The Killers", Ringo Lams "City of Fire", Robert Sargents "The Taking of Pelham 1-2-3", Carol Reeds "Odd Man Out" und der Roman "Hard Times" vom realen Knastbruder Eddie Bunker (der von Tarantino dann als kaum in Erscheinung tretender Mr. Blue besetzt wurde).
Hongkong-Kino und klassischer Film Noir, Milieukrimi und französische Nouvelle Vague - solche Elemente bilden bei Tarantino keine Gegensätze und sie schließen sich erst recht nicht aus. Aus seinem reichhaltigen Fundus an Filmwissen gräbt Tarantino auch offensichtlich Nichtkompatibles aus - und lässt es im Zusammenspiel ganz wunderbar funktionieren. Dabei ist Tarantino kein billiger Leichenfledderer - Ehrfurcht vor den zitierten Werken verhindert dies. Und im Zeitalter der digitalen CGI-Welten hat seine analoge Zitatenwelt etwas herrlich Altmodisches und wirkt trotz der Konzeption als Reproduktion realer als viele vorgeblich originäre Stoffe. Und schließlich geht es eben darum, wie man die einzelnen Stücke - auch wenn sie bekannt sein mögen - zusammensetzt. Und niemand setzt diese Stücke besser zusammen als ein Quentin Tarantino in Hochform.

So auch bei den "Reservoir Dogs": Nach einem fehlgeschlagenen Raubüberfall (den man interessanterweise nicht sieht, über dieses Kernstück der Handlung wird nur gesprochen) treffen sich die von Gangsterboss Joe Cabbot (Lawrence Tierney) angeheuerten Profiganoven im vereinbarten Versteck, einem abgelegenen Lagerhaus. Die einander unbekannten Männer, die sich aus Sicherheitsgründen nur mit Tarnnamen anreden sollen, vermuten, dass sie von einem aus ihrer Reihe verraten wurden. Außerdem ist einer von ihnen schwer verletzt. Vermutungen, Beschuldigungen und Gewaltbereitschaft lassen die Situation bald eskalieren. Während der angeschossene Mr. Orange (Tim Roth) auf Hilfe wartet, die Joe Cabbots Sohn, der "nette Eddie" (Chris Penn) organisieren soll, versucht sein väterlicher Freund Mr. White (Harvey Keitel) zusammen mit dem nervösen Mr. Pink (Steve Buscemi) zu ergründen, wer sie verraten haben könnte. Die Ankunft des psychotischen Mr. Blonde (Michael Madsen) macht die Situation schließlich auch nicht gerade einfacher. Es entbrennt ein tödlicher Nervenkrieg, den nur einer der "Reservoir Dogs" überleben wird.

Die Geschichte mag einigermaßen bekannt klingen, aber so wie hier umgesetzt, hatte man dies noch nicht gesehen. Von den absurd-komischen Dialogen ("I don't want to be Mr. Pink, it sounds like Mr. Pussy." "Yeah, and Mr. Brown is a little too close to Mr. Shit") über die geschickte Flashbackstruktur, die das Anwerben der jeweiligen Gangster zeigt, bis hin zum danach viel zitierten "Mexican standoff" am Ende - Anfang der 90er gab es nichts, was so frisch daherkam wie Tarantinos von schwarzem Humor durchtränkte Gangsterballade.
In einer zu diesem Zeitpunkt ausgesprochen formelhaften und kreativ verarmten Kinolandschaft stand "Reservoir Dogs" so deutlich heraus wie Tarantinos Mittelfinger bei seiner Cannes-Dankesrede für "Pulp Fiction". Denn Tarantino nahm nicht nur wild zusammengesuchte Motive, sondern hielt sie mit einem Stil zusammen, der distinktiv sein eigener ist (ergo: ‚Tarantino-esque'). Dieser Stil erlaubte es ihm, auch ein verhältnismäßig klassisches Genre wie den Gangsterfilm neu zu beleben, und gerade dieses Genreprodukt zum innovativen Ideengeber umzugestalten.

Als deutlichstes stilistisches Merkmal steht Tarantinos Interesse am Dialog über allem. Seine Protagonisten reden und reden - über Gott und die Welt manchmal, über Popkultur meistens. Tarantinos Besessenheit mit Reminiszenzen an Dinge, die er liebt, tritt in "Reservoir Dogs" überdeutlich in Erscheinung. Da gibt es die mittlerweile legendäre vulgäre Interpretation von Madonnas "Like a Virgin", die den Film kongenial eröffnet, indem sie genau den richtigen Ton trifft. Da wird sich dann später über 70er Jahre-Blaxploitation - eine weitere Obsession Tarantinos, die sich in "Jackie Brown" niederschlug - unterhalten ("Get Christie Love!"), oder über das den Film durch lakonische DJ-Ansagen begleitende Oldies Weekend im Radio ("K-Billy's Supersounds of the Seventies Weekend just keeps on truckin'!").

"Reservoir Dogs" ist so eminent zitierbar, dass selbst eine Highlightsammlung den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Mehr noch als die schwarzen Anzüge und die dünnen Krawatten war es das, was die "Reservoir Dogs" cool und sexy machte - die Art wie sie sprachen. Jeder Satz, oder zumindest fast jeder ein Treffer. Und dass diese Art von Drehbuch eines damals völlig Unbekannten dann auch große Namen auf den Plan rief, verwundert nicht. Hauptdarsteller Tim Roth war nur in Europa bekannt, aber mit Harvey Keitel konnte man sich einen berühmten Namen sichern; dazu kamen dann Indiehelden wie Steve Buscemi und Michael Madsen und Tributbesetzungen wie die schon genannte von Eddie Bunker als Mr. Blue und die von Lawrence Tierney, Star etlicher B-Film Noirs in den 1940ern, als Bandenboss Joe Cabbot.

"Reservoir Dogs" ist aber auch in sofern der wohl einflussreichste Film seiner Ära, als dass er das erste Beispiel für eine ganz neue Generation von Filmemachern war, die sich in den 90ern etablierte. Dazu gehören Filmemacher wie Tarantinos Kumpel Robert Rodriguez und Geek-König Kevin Smith. Im Gegensatz zu den Filmhochschulkindern der 1970er und den in der Werbebranche geschulten Kollegen aus den 1980ern traten hier die Selfmade-Regisseure auf den Plan, deren Filmschule der heimische Videorekorder war, die ihre Werke mit tonnenweise Referenzen an ihre Lieblingsfilme, -schauspieler und -comics vollstopften und auch das mit dem Ende der New Hollywood-Ära in den USA so gut wie abgeschaffte Prinzip des Regisseurs als Auteur mit neuem Leben füllten.
Diese Regisseure, und allen voran Tarantino, schrieben, produzierten und inszenierten ihre Filme selbst, ohne Rücksicht auf Marketingbegehren, Testvorführungen oder PR-Machinerie. Und änderten damit gleichzeitig auch das Gesicht des Independentkinos der 1990er, als vormalige Ministudios plötzlich zu einflussreichen Spielern wurden, die den alteingesessenen Hollywoodstudios das Fürchten lehrten. Nicht umsonst gilt Miramax als "The house that Quentin built". Und er baute das Fundament mit "Reservoir Dogs".

Was aber macht diesen nun zu einem debattierbar besseren Film als "Pulp Fiction"? Es ist die Menschlichkeit und Emotion, mit der Tarantino seine Figuren hier noch ausstattet; etwas was ihm leider im Verlauf seiner Karriere zunehmend abhanden kam, vom entzückenden älteren Liebespaar in "Jackie Brown" mal abgesehen. Natürlich waren die Figuren in "Pulp Fiction" Varianten von Stereotypen und sie waren saucool - wie richtige Menschen wirken sie allerdings zu keinem Moment. Das ist anders bei "Reservoir Dogs" und gibt dem Finale eine emotionale Resonanz, die Tarantino so nie wieder erreichte.
Loyalität, Rache, Verrat - alles Dinge, die wiederholt im Tarantinoschen Schaffen auftauchen, im "Mexican standoff" und der Schlussszene des Films aber schon ihren frühen Höhepunkt finden. Geschickt hat Tarantino vorher die Flashbackstruktur genutzt, um seinen Protagonisten abseits der coolen Sprüche menschliche Seiten zu geben, sogar einem vermeintlichen Monster wie Mr. Blonde.

Ob ein Film lediglich einen bestimmten Moment in der Filmgeschichte widerspiegelt und daher historisch wichtig ist, oder ob es sich um ein zeitloses Werk handelt, das entscheidet oft der "Wiederholungsfaktor". Wenn ein Film auch beim wiederholten Sehen noch eine ähnlich frische Energie verströmt wie bei seinem Erscheinen, dann hat man es mit einem großen Werk zu tun. Und "Reservoir Dogs" erfüllt genau diese Voraussetzung. Man sieht, warum er damals nicht nur wichtig, sondern auch mitreißend war, und warum er das auch heute noch ist.

Simon Staake

..dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

Der hervorragende Soundtrack ist als eine der wichtigsten Tarantinomittel überhaupt auf jeden Fall auch eine Erwähnung wert.

das war eine ihrer besten Besprechungen Herr Staake >;-)
ein Meisterwerk des Meisters der Class of 92'

PS: Soundtrack fehlt aber wirklich

9

Ich hätte es nicht gedacht, aber es gibt sie wirklich - Leute, die (wie ich) "Reservoir Dogs" besser finden, als "Pulp Fiction". Olè.

2

Auch wenn Tarantino auch hier seine Dickhäutigkeit gegenüber dargestellten körperlichen menschlichen Qualen unter Beweis stellt, ist der Film doch alles in allem voller Situationen, die in erster Linie auf der menschlichen Ebene resonieren.
Da schwingt sich der Film von der Intensität her fast in Shakespearesche Regionen auf. Warum Tarantino das später nie mehr erreicht hat ist eine offene Frage -
neben der emotionalen Dichte des Films feiert er aber auch die totale Freiheit seines Regisseurs, mit den Figuren und damit dem Publikum zu machen was er will - und da zeigt sich bereits in diesem Film Tarantinos Tendenz zur narzistischen Vergewaltigung beider Parteien.
Was hier noch durch die komplexen Beziehungen der Figuren abgefedert wird, wird bei Kill Bill zum reinen Zitaterumschleudernden brutalinski-Selbstzweck.
Aber manche Leute sind halt auf der Seite Tarantinos und fühlen ebenfalls keine Schmerzen -
in Reservoir Dogs aber ist die Ohrabschneideszene und in ihrer moralischen Grenzenlosigkeit teil des Plans.
Mit sicherheit der ernstzunehmendste Film aus dieser Schmiede.

8

ich hätte ewig weiter lesen können, exzellente rezension. schade dass ich das nicht immer sagen kann, herr staake;)

10

Ich finde ebenfalls, dass der Soundtrack einer der besten ist, die je einem Film hinzugezählt werden konnten. Es macht übrigens auch sehr viel Spaß, einfach nur mit ein paar Freunden Richtung Abendsonne zu fahren und dabei "Stuck in the middle" oder "Litte green bag" zu hören - unsere Hommage an dieses Meisterstück der Filmgeschichte.
By the way: Rezension -> Top!

9

was für ein spaß!!! nichts für schwache nerven, aber vielleicht der bisher beste tarantino.

10

Respekt Heer Staake. Mit dieser Rezension kann ich mich anfreunden. Auch wenn mir Pulp Fiction persönlich besser gefallen hat (rein geschmacklich gesehen), so kann ich ihrer Argumentation durchaus folgen und verstehen, dass man Reservoir Dogs durchaus besser als Pulp Fiction sehen KANN. Das spricht für ihre Ausführungen, so dass man als Resumé sagen kann: Einverstanden!

"Stuck in the middle with you" jedenfalls werde ich für immer, wie wohl viele andere auch, unweigerlich mit Reservoir Dogs verbinden.

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