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Howl - Das Geheul

Howl - Das Geheul
drama , usa 2010
original
howl
regie
robert epstein, jeffrey friedman
drehbuch
robert epstein, jeffrey friedman
cast
james franco,
david strathairn,
jon hamm,
todd rotondi, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
6. Januar 2011
homepage
http://www.pandora-film.de
bewertung

5 von 10 Augen

"Howl" erzählt die Geschichte des wohl berüchtigtsten Gedichtes der jüngeren amerikanischen Literaturgeschichte. Der Abend im Oktober 1955, an dem Allen Ginsberg sein Werk "Howl" in der Six Gallery in San Francisco vortrug, gilt heute als Geburtsstunde der Beat-Bewegung. Mit der ersten Zeile "I saw the best minds of my generation destroyed by madness" wurde Ginsberg schlagartig zum Sprachrohr der amerikanischen Gegenkultur. Nur wenig später bot der Schriftsteller Lawrence Ferlinghetti ihm an, "Howl" und weitere Gedichte Ginsbergs in seinem Verlag zu veröffentlichen. Aufgrund des expliziten Inhalts wurde "Howl" und dem Verleger Ferlinghetti 1957 unter dem Vorwurf der "Obszönität" der Prozess gemacht. Dem zugrunde lagen Ginsbergs offene Beschreibungen von Sex und Homosexualität. Der Film "Howl" beschreibt nun sowohl die Entstehung als auch den Kampf um die gesellschaftliche Akzeptanz des Werks.

Die Regisseure Robert Epstein und Jeffrey Friedman nähern sich der Geschichte mit drei Erzählsträngen. Zunächst gibt ein fiktives Interview mit Allen Ginsberg (James Franco), in dem er von der Entstehung des Gedichts "Howl" und seinem Leben erzählt, als zweites eine Dramatisierung des Gerichtsprozesses unter Verwendung der Originaltranskripte, und zu guter Letzt eine Lesung und Animation des Gedichtes selber. Dieser künstlerisch ambitionierte Ansatz funktioniert jedoch im fertigen Film nicht so gut, wie es vielleicht in der Theorie klingen mag.
Da das Gedicht auch im pseudo-dokumentarischen Teil über Ginsbergs Leben immer wieder im übertrieben leiernden Ton von James Franco vorgetragen wird, geht es einem leider nach der Hälfte des Films schon auf die Nerven. Gerade während der Interview-Sequenzen gelingt es Franco nicht wirklich, die Sympathie des Zuschauers für Allen Ginsberg zu gewinnen.
Besonders enttäuschend daran ist, dass der Film von zwei Größen des amerikanischen Dokumentarfilms, Robert Epstein und Jeffrey Friedman, gedreht wurde, aber überhaupt nicht authentisch wirkt. Dabei hätten sie sich nur eine Scheibe bei ihrem Produzenten Gus van Sant abschneiden müssen: dessen Oscarprämierter Film "Milk" über den ersten offen schwulen Stadtrat von San Francisco ist authentischer, dokumentarischer und - ehrlicher. Mit großem Tamtam wird in den Gerichtsszenen von "Howl" das Recht auf Freiheit, Gleichstellung und Redefreiheit sowie die künstlerische Freiheit zelebriert, welche in der Praxis nach wie vor oft nicht vorhanden sind. Als Lawrence Ferlinghetti 2007 einen Radiosender bat, anlässlich des 50. Jahrestages des Aufhebens der Zensur eine Lesung von "Howl" zu übertragen, lehnte der Sender aus Angst vor einer Bußgeldstrafe ab.
Dennoch sind die Gerichtsszenen die besten im Film, vor allem wenn man weiß, dass es sich tatsächlich um die Originalaussagen aus dem Prozess handelt. Die Aussagen der prüden Anklage sind oft unfreiwillig komisch, und David Strathairn glänzt in seiner Darstellung des gleichermaßen strengen wie hilflosen Staatsanwalts Ralph McIntosh. Ein erfrischendes Augenzwinkern ist der Auftritt von Treat Williams als intellektueller Zeuge der Verteidigung - der Schauspieler spielte 1979 den Hippie-Anführer Berger in Miloš Formans "Hair"-Verfilmung.
Das nachgestellte Interview mit Ginsberg mag zwar einige aufschlussreiche Anekdoten zur Entstehung seines Werkes enthalten, ist aber filmisch einfallslos und teilweise unsinnig. Da wird zum Beispiel plakativ ein riesiges Tonbandgerät vor ihm aufgestellt (Achtung, liebe Zuschauer: "Doku"!), ein Mikro ist jedoch nicht zu sehen - die Tonqualität bleibt aber selbstverständlich auch erhalten, wenn Ginsberg mal in die Küche rennt. Zur damaligen Zeit technisch unmöglich, und da beide Regisseure immerhin Dokumentarfilmer sind, hat das ungefähr den Charme einer TV Show, bei der Bands zu Vollplayback mit unverkabelten Instrumenten Luftgitarre spielen.

Ein Ziel des Films muss gewesen sein, auch dem nicht literarisch versierten Zuschauer das Gedicht näher zu bringen. Während der Gerichtsverhandlung verlangt die Anklage von der Verteidigung, sie solle eine Zeile des Gedichts in normale Sprache übersetzen. Die Verteidigung entgegnet, dass sei unmöglich, da man Lyrik nicht in Prosa übersetzen könne. Umso überraschender ist es, dass sich die Filmemacher dazu entschlossen haben, das Gedicht Wort für Wort in direkte, einfallslose Bilder zu übersetzen. Ohne einen übertragenen Sinn, scheinbar ohne Verstand. Die Animation ist erschreckend klischeehaft und wirkt vor allem billig. Ob sie in Ginsbergs Sinne ist, wird sich nicht mehr klären lassen, sei aber dahingestellt. Das eigentlich tragische an "Howl" ist, dass der Film ein vielversprechendes und ambitioniertes Konzept gehabt haben muss, welches - aus welchen Gründen auch immer - in der praktischen Umsetzung auf der Strecke geblieben ist.

Wer sich für Allen Ginsberg interessiert, dem sei stattdessen der von und mit den "Beat Poets" gedrehte Film "Pull my Daisy" empfohlen. Er basiert auf einem Gedicht von Ginsberg, Jack Kerouac und Neal Cassady und gibt einen besseren Einblick in die Bewegung als es der Film "Howl" tut. Die Beat-Generation mag mit Ginsbergs "Howl" ihren historischen und symbolischen Anfang gefunden haben, aber auch viele andere Werke des Dichters und seiner Wegbegleiter sind lesenswert, vielleicht sogar lesenswerter.
Übrigens: Lawrence Ferlinghetti, Beat- und "Howl"-Verleger ist zwar schon 91, aber mit etwas Glück immer noch in seinem City Lights Bookshop in San Francisco anzutreffen.

Anna Plumeyer

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