filmszene special: Berlinale 2001
 
 
 

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Drugs, Crime and Moviemaking

Steven Soderbergh über "Traffic", Hollywoodmechanismen und den amerikanischen Kampf gegen Drogen

 

Warum haben Sie sich entschieden, die Kameraführung in "Traffic" selbst zu übernehmen?

Soderbergh

Steven Soderbergh

Daran habe ich jetzt schon ein Weilchen gearbeitet. Ich habe bei einigen meiner Kurzfilme selbst hinter der Kamera gestanden und mich in der High School mit Fotografie beschäftigt. Bei einem meiner kleineren Filme vor ein paar Jahren habe ich ebenfalls die Kameraarbeit übernommen und wieder damit angefangen bei "The Limey". Das war etwas, was ich bei diesem Film wirklich gern machen wollte. Es half z.B., den Film relativ schnell zu machen, ich bin nicht so wählerisch wie ein hauptberuflicher Kameramann. Außerdem brachte es mich näher an die Schauspieler heran, und diese auch näher an mich. Die Schauspieler haben wirklich das Gefühl, gesehen zu werden. Man fühlt sich sehr intim. Ich wollte mir das Gefühl wiedergeben, dass ich hatte, als ich anfing, Filme zu drehen.

Viele Menschen in Amerika wissen um das Drogenproblem, aber es gibt nur wenige Filme darüber. Sind Sie mit diesem Projekt auf Widerstand gestoßen und war es etwas, das sie unbedingt machen wollten? Die Realisation von "Traffic" als ein persönliches Anliegen?

Es scheint momentan eine riesige Stille zu herrschen in der öffentlichen Debatte um das Drogenproblem. Ich war der Meinung, man sollte daher einen Film darüber machen. Die konventionelle Weisheit in den USA ist, dass politische Filme oder Filme mit einem Anliegen nicht kommerziell sind. Gäbe es nicht USA Films, eine der wenigen übrig gebliebenen Independentfirmen, dann wären wir jetzt nicht hier.

Glauben Sie, dass die Realität verblüffender ist als Fiktion?

In diesem Fall ja. Nahezu alle Teile der Mexiko-Storyline wurden aufgrund realer Zeitungsmeldungen geschrieben, entweder die Ereignisse oder die Charaktere basieren auf realen Begebenheiten. Ein Drogenbeauftragter der US-Regierung sagte, dass der Film nicht weit genug ging im Aufzeigen der härteren Seiten des mexikanischen Drogenhandels, aber das war eine meiner Entscheidungen als Regisseur.

Warum sind alle drei Storylines in verschiedenen Farben gehalten?

Das war die einfachste Art, den Zuschauer nicht seine geographische Orientierung verlieren zu lassen. Mir war das Risiko bewusst, dass die Leute vielleicht nicht wussten, was sie da sehen, und so wussten sie wenigstens, wo sie sind. So weiß man noch bevor man eine der Figuren sieht, in welcher Geschichte man sich gerade befindet. So simpel ist das.

Seit "Sex, Lügen und Video" hat ihre Karriere in Hollywood und im Hollywoodsystem während der letzten Dekade ihre Höhen und Tiefen gehabt. Und nun haben Sie mit "Erin Brockovich" und "Traffic" sowohl künstlerischen als auch kommerziellen Erfolg. Ist das für Sie vielleicht ein bisschen ein persönlicher Triumph?

(Lacht) Ich weiß nicht. Ich habe von Anfang an dieselben Methoden benutzt, und - ich weiß, das hört sich jetzt verrückt an - ich dachte, eine Menge Leute würden sich "Kafka" anschauen, als ich den drehte. Ich habe immer Sachen gemacht, für die ich auch ins Kino gehen würde und ich habe mich nicht wirklich verändert. Was ich verändert habe, ist die Einstellung, dass ich nicht nur Kunstfilme machen sollte. Wenn man nicht rumkommt, wird man furchtbar rastlos, und so habe ich mich entschieden, vor und zurück zu gehen zwischen mit großen Stars besetzten Filmen und kleineren Produktionen. Denn wenn man nur bei einem von beiden bleibt, wird man ersetzbar.

Soderbergh

Steven Soderbergh

Fühlen Sie sich aufgrund der jüngsten Erfolge so ein bisschen unangreifbar? Sie wissen schon, "I'm the guy who can do no wrong"?

Nein, ich fühle mich nicht unangreifbar. Aber die gute Nachricht ist, dass ich schneller arbeiten kann. Statt Monaten der Überzeugungsarbeit brauche ich zur Zeit nur Wochen. Und so kann ich mehr Zeit mit dem wirklichen Filmemachen verbringen. Aber das ganze Filmbusiness ist wie ein Kreis. Ich war oben, unten und an der Seite. Dies hier macht mehr Spaß, aber alles wird sich verändern, das Business wird sich verändern. Es ist gerade eine interessante Zeit im US-Filmbusiness. Das traditionelle Studiosystem wird langsam verschwinden. Die Studios werden mehr für den Vertrieb von Filmen eingesetzt, nicht für die Herstellung. Die unabhängigen Firmen werden etwas für ihr Überleben tun. Ich weiß nicht, was es sein wird, aber meistens kommen bei Krisen die interessantesten Sachen heraus. Außerdem wird es in den nächsten fünf bis zehn Jahren den Wechsel zur Digitalen Projektion geben. So könnte ich selbst im Kino einen Film vertreiben und das Studio außen vor lassen, den Film einfach downloaden. Ich denke, so etwas werden wir erleben. Es wird definitiv interessant werden.

Können Sie uns etwas mehr über ihren neuen Film erzählen?

Mein neuester Film "Oceans Eleven", den ich am Sonntag anfange zu drehen, hat keine politische Einstellung. Das ist einer der Gründe, ihn zu machen. Nach zwei ernsten Dramen wollte ich nicht schon wieder etwas Ernstes machen. Es geht um das "Rat Pack" (Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr.), und wird ein radikales Remake eines Films von 1960. Es wird eine Art Krimi. Ich bin selbst erstaunt, dass ich schon wieder bei einem Krimi gelandet bin. Schließlich bin ich in einem Vorort aufgewachsen, und das einzige Verbrechen, dem ich je selbst ausgesetzt war, waren schlechte Filme. Aber ich mochte das Skript und den Cast - Brad Pitt, George Clooney, Matt Damon, Julia Roberts, Andy Garcia, Alan Arkin, Don Cheadle.

Wie sind Sie auf die Besetzung von Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones gekommen? Wollten Sie die Kommerzialität des Films erhöhen, oder wollten die beiden von sich aus mitmachen?

Die ersten drei Schauspieler, an die wir herantraten, waren Michael, Catherine und Benicio. Wir wollten so viele Stars wie möglich bekommen, um den Film auf so viele Leinwände wie möglich zu bringen. Das für viele Kinogänger negative Thema musste durch die Stars neutralisiert werden. Außerdem war es interessant, diese Stars in einer völlig anderen Ästhetik darzustellen.

Was ist ihre persönliche Meinung zum "Krieg gegen die Drogen" in Amerika?

Nach zweieinhalb Jahren Recherche sind meine Gefühle viel komplizierter, als zu dem Zeitpunkt, an dem ich anfing. Der Film stellt lediglich die Frage: "Ist dies der beste Weg, den wir gehen können?" Man findet wahrscheinlich auf beiden Seiten nicht viele Leute, die dem zustimmen würden. Ob man in Zukunft Drogensucht als ein Gesundheits- und nicht nur als Kriminalitätsproblem sehen wird, weiß ich nicht. Wir haben mit George W. Bush einen neuen Präsidenten. Er hat aber noch keine Ideen oder Konzepte vorgestellt. Niemand redet. Wir wissen nicht, wo es hingeht. Aber es gibt Leute, die zu Politikern gegangen sind, das Mikrofon in der Hand, und gefragt haben: "Haben Sie ‚Traffic' gesehen? Was denken Sie über den Krieg gegen Drogen?" Und das war genau das, was wir erreichen wollten. Dass Leute einfach nur über das Problem reden. Auch wenn sich manche negativ über den Film äußern, zumindest wird darüber gesprochen. Ich weiß nicht, ob dies zu einer Veränderung führt. Aber ein Artikel im "New York Times Magazine" ist besser als gar nichts.

Was für Drogen haben sie selbst schon mal genommen?

Ich habe nie Kokain genommen und nie Heroin. Alles andere hab ich probiert.

 

J.C. Niemeyer & S. Staake