Spotlight: "Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, werden die Toten auf der Erde wandern" - George A. Romeros Zombie-Trilogie

Als 1968 etwas außerhalb von Pittsburgh der junge George A. Romero mit Bekannten und Investoren als Schauspieler seinen ultra-low budget-Film "The Flesh-Eaters" drehte, war keinem der Beteiligten klar, was Romeros Werk lostrat. Umbenannt in "Die Nacht der lebenden Toten" ("Night of the Living Dead") - der ursprünglich geplante Name war glücklicherweise schon vergeben - wurde dieser Schwarz-Weiß-Alptraum zum heiligen Gral des modernen Horrorfilms. Romero brachte mit seinen Zombies eine völlig neue Personifizierung des Grauens auf die Leinwand - und sie gingen nie wieder ganz weg.
Gleichzeitig kann man 1968 als den Umbruch im Horrorgenre zwischen Tradition und Moderne sehen - verkörpert von Roman Polanskis "Rosemaries Baby" (der den hochglanzpolierten Mainstream-Horror der 1970er vorwegnahm) auf der einen Seite des Spektrums und Romeros furchteinflößender Fabel auf der anderen. Ehre allerdings, wem Ehre gebührt. Der wahre Vater des modernen Horrorfilms ist Alfred Hitchcock, dessen "Psycho" (1960) der wegweisende Film seiner Dekade war. Romero übernahm die beiden grundlegenden Elemente des Films und führte sie weiter aus. Da ist zum einen der "normale" ländliche Schauplatz, der den bisherigen Sets des traditionellen Horrors (Prachtbauten wie das klassische Gruselschloss oder das verwunschene Landhaus) eine modernere Variante entgegenstellte. Dieser rural gothic-Aspekt begründete nebenbei ganze Subgenres wie den Hinterwaldhorror ("Texas Chainsaw Massacre", "Hügel der blutigen Augen"). Noch wichtiger war aber die psychologische Note, die Romero (und Polanski, sicherlich noch subtiler) in den Horror einbrachten. So ist etwa jeder Film, in dem sich eine Gruppe unterschiedlicher Charaktere in Isolation und Belagerung zusammenschließen muss, um zu überleben, von der "Nacht der lebenden Toten" beeinflusst. Die Reibereien zwischen den einzelnen Figuren, die gleichsam symbolische Vertreter ihrer Gesellschaftsschicht oder eines bestimmten sozialen, moralischen oder politischen Weltbildes sind, werden so zu psychologischen Analysen einer gesamten Nation und ihrer Malaise.

"Die Nacht der lebenden Toten" ist wie Romeros gesamte "Untoten"-Trilogie ein zutiefst pessimistisches, deprimierendes Werk. Mit dem Blick eines Dokumentarfilmers filmt er den Verfall der menschlichen Gesellschaft. Seine Zombies sind genau deshalb so furchterregend: Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die sich selbst zerfleischt, sich selbst verschlingt. Und es sind keine abstrakten Monster, sondern der Nachbar, der beste Freund, das eigene Kind. "They're us, that's all" sagt ein Charakter in der Fortsetzung "Dawn of the Dead" beim Anblick der umhertorkelnden Zombiemassen. Romeros Sozialkritik schleicht sich in alle Aspekte des Films und ist damit sowohl zeitlos in seinen Aussagen über die menschliche Natur, als auch ein Werk seiner Zeit, das die Unruhen und Umwälzungen Mitte der 60er Jahre kommentiert.
Die Tochter, die am abgetrennten Arm eines Elternteils nagt, ist wohl der krassest mögliche Kommentar zum Status der nuklearen Familie. In Zeiten von Rassenunruhen hat der schwarze Held des Films, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt, natürlich besondere Symbolbedeutung - und wird als einziger Überlebender der Schreckensnacht am Ende von einem Haufen schießwütiger Rednecks per Kopfschuss erledigt. Diese bitterböse Pointe verstärkt nochmals die pessimistische Weltsicht Romeros, ebenso wie die Schlusseinstellungen des Films, in denen Ben mit Fleischhaken aufgespießt und zusammen mit anderen (Zombie-)Leichen auf einem großen Leichenberg verbracht wird. Die Präsentation in "Schnappschüssen" (Standbildern) erinnert an Fotos von Kriegsberichterstattern, die Bilder der Leichenberge evozieren Massenmord und die Konzentrationslager der Nazis. Romantik und Sentimentalität, im Horrorfilm auch damals noch ein festes Standbein, sind in "Die Nacht der lebenden Toten" nicht mehr existent. Auch hier läutete der Film eine neue Ära ein, deren Erben etwa in den klinischen, fleischlichen Alpträumen eines David Cronenberg zu finden sind. Getrieben wird der Film zudem durch das allmächtige Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es gibt keine rational greifbaren Begründungen, kein Held aus der Außenwelt wird die Belagerten befreien. Hier ist wahrlich Nacht, denn Stimmung und Atmosphäre sind tiefschwarz.

Die Zombies selbst sind in der heutigen Zeit durch Parodie und Übersättigung vielleicht nicht mehr ganz so schreckenserregend wie damals, aber das grobkörnige Schwarz-Weiß lässt sie immer noch verdammt gruselig aussehen. Dank der schwachen Ausleuchtung bekommen die Untoten hier einen aus deutschem Expressionismus und Film Noir bekannten, zusätzlich überhöhten Schrecken. Und wenn Romero die Spannungsschraube anzieht und dann zum finalen Angriff der Untoten auf die Eingeschlossenen bläst, erreicht der Film eine Terror- und Angstkulisse, die ihn auch heute noch zum vielleicht eindrucksvollsten, sicher aber einflussreichsten Filme seines Genres macht.
"Die Nacht der lebenden Toten" ist durch seine zahllosen symbolischen Bilder ein Dokument des Grauens auf vielen verschiedenen Ebenen - und genau deshalb ein Meisterwerk der Filmgeschichte, das zwar in seiner Zeit verankert ist und in manchem Dialog gar ein wenig antiquiert wirkt, in Sachen Angst und Schrecken sowie sozialkritischem Kommentar aber unübertroffen bleibt.

 

 

 

 

Nicht viele Filme können behaupten, ein eigenes Genre erfunden zu haben. "Night of the Living Dead" gehört dazu.