Speed Racer

action, usa 2008
original
speed racer
regie
the wachowski brothers
drehbuch
the wachowski brothers
cast

emile hirsch,
john goodman,
susan sarandon,
christina ricci,
matthew fox, u.a.

spielzeit
135 min.
kinostart
08.05.2008
homepage
www.speedracer-derfilm.de
bewertung


(4/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Wer im letzten Sommer auf dem traditionsreichen Studiogelände in Potsdam-Babelsberg unterwegs war, hatte die seltene Chance, eine Hollywood-Großproduktion hautnah zu erleben. Dass der neue Film der Wachowski-Brüder Andy und Larry (die Erfinder der "Matrix" und die kreativen Köpfe hinter "V wie Vendetta") komplett in vier Hallen der Babelsberger Studios gedreht wurde, hatte zwei ausschlaggebende Gründe: Erstens erlaubt die jüngste Änderung der Richtlinien der deutschen Filmförderung auch die Unterstützung ausländischer Produktionen, sofern diese zum Großteil in Deutschland gedreht werden (und somit Arbeit bringen) - weshalb zur selben Zeit übrigens der Stauffenberg-Film mit Tom Cruise nur wenige hundert Meter weiter campierte. Zweitens war es im Falle von "Speed Racer" komplett egal, wo man den Film drehte, denn man brauchte nur Schauspieler, Kostüme und ein paar leere Studiohallen. Also warum nicht die Fördergelder mitnehmen?
Enttäuschend war dann allerdings der Blick in die Babelsberger Produktionshallen von "Speed Racer", wenn sich zur Mittagszeit oder in den Drehpausen die großen Tore öffneten. Denn dann sah man eigentlich nichts - außer grün, und zwar überall. Die gesamten Hallenwände und -böden waren in Green Screens verwandelt worden, die Darsteller spielten den ganzen Film, abgesehen von ein paar wenigen Requisiten zum Anfassen und Draufsetzen, in einem grünen Nichts, das später digital durch die eigentlichen Handlungsorte des Films ersetzt wurde.
Diese vollständige tricktechnische Künstlichkeit der Welt von "Speed Racer" ist in der Filmgeschichte ohne Beispiel, für den offenbar gewünschten Effekt aber auch unerlässlich. Denn was die Wachowskis hier präsentieren, hat nicht den geringsten Anspruch so etwas wie photorealistisch zu sein. Stattdessen huldigt man der Vorlage - eine japanische Anime-Serie aus den 60er Jahren - mit ebenso knallbunten wie offensichtlich künstlichen Hintergründen und erzeugt damit gezielt den Eindruck, dass die menschlichen Darsteller sich hier durch eine Comicwelt bar jedes Realitätsbezugs bewegen. Genau das erweist sich tragischerweise als eine der größten Schwächen von "Speed Racer".

Denn wenn man sich nach zwei viel zu langen Kinostunden aus dem Sitz schält, darf man sich schon mit einiger Berechtigung am Kopf kratzen und sich fragen, wen genau die Wachowskis mit diesem Film eigentlich erreichen wollten: Die extrem simpel gezeichneten Figuren und die flache Dramaturgie der Geschichte bewegen sich auf Kinderfilm-Niveau, was auch manche doch arg bescheuerte Verharmlosungen unterstreichen (auf dem Siegertreppchen gibt's keinen Schampus, sondern Milch!). Das Zielpublikum für solch einen Sommerblockbuster ist aber mindestens 10-20 Jahre älter, doch die einzigen Erwachsenen, die an "Speed Racer" durchweg ihre helle Freude haben werden, sind Liebhaber alter japanischer Anime-Serien. Leute wie die Wachowskis eben, die hier scheinbar mal eben 100 Millionen Dollar ausgegeben haben, um sich einen ganz persönlichen Geek-Traum zu erfüllen. Und dabei leider kaum einen anderen Zuschauer im Blick hatten.
Kenner der Vorlage (wie viel Dutzend Leute mögen das in Deutschland sein?) werden vermutlich jauchzen ob zahlloser Anspielungen und Parallelen, Otto Normalzuschauer hingegen darf sich bereits berechtigterweise an der Beibehaltung der reichlich dümmlichen Namen mit integrierter Funktionszuteilung stören: Da haben wir den jungen Rennfahrer Speed Racer (Emile Hirsch, "Into the Wild"), der für den unabhängigen Rennstall seines Vaters Pops Racer (John Goodman) fährt. Mit den Erinnerungen an das Schicksal seines verstorbenen Rennfahrer-Bruders als stete Begleiter will Speed das große Grand Prix-Rennen gewinnen, doch muss heraus finden, dass die Siege bei den größten Rennen seit Anbeginn der Rennliga von den Sponsoren-Bossen hinter den Kulissen abgesprochen werden. Und wenn er sich nicht fügt, wird er fertig gemacht. Mit der treuen Hilfe von Mom Racer (Susan Sarandon) und seiner Freundin Trixie (Christina Ricci) will Speed dennoch einen Weg finden, es den bösen, geldgierigen Bossen zu zeigen, und geht dabei auch eine Allianz mit dem geheimnisvollen, maskierten Racer X (Matthew Fox aus "Lost") ein.

In den wenigen Szenen, in denen es um die Sponsorenmanipulationen und die Machenschaften hinter den Kulissen geht, ist "Speed Racer" tatsächlich auch mal so etwas wie ein "erwachsener" Film, der mit verzwickten Marktmanipulationen und verborgenen Deals die wahren Machtverhältnisse im großen Geschäft mit dem Sport aufzeigt. Das sind die Momente, in denen sich die ansonsten begeisterten kleinen Kinder im Publikum fragend an die Großen wenden müssen, wovon da gerade geredet wird.
Das geht aber auch ziemlich schnell wieder vorbei und kann ganz sicher nicht kaschieren, dass sich "Speed Racer" story-technisch auf einem dermaßen infantilen Level bewegt, dass es schon fast peinlich ist. Hier die Guten, denen es ausschließlich um familiären Zusammenhalt und die Freude am sauberen Rennsport geht, da die Bösen, angetrieben von purer Geldgier und Zerstörer des echten Sportsgeistes. Das ist dann auch das gesamte Konfliktpotential in "Speed Racer", in dem sich Mama, Papa, Sohn und Freundin ganz doll und keimfrei lieb haben und nur aus Sorge umeinander vielleicht mal böse werden, während der kleine Bruder mit seinem Schimpansen für die alberne Auflockerung zwischendurch sorgen darf. Lebensbedrohlich wird es hier nie, wer im Rennen von der Straße gekegelt wird, dem bewahrt ein Science-Fiction-artiges Rettungssystem garantiert Leib und Leben, und hinterhältige Anschläge setzen das Opfer auch nur maximal für einen halben Tag außer Gefecht.

Das hat als harmlose Welt für eine alte Anime-Serie vielleicht mal gereicht, als großer Kinofilm im Jahr 2008 ist es eine spannungsfreie Zone, der wegen fehlendem Dampf der Geschichte trotz spektakulärster Tricksereien und Stil-Gespiel sehr schnell die Luft ausgeht. "Speed Racer" ist ein einziger visueller Oberflächenreiz, hinter dem sich absolut nichts verbirgt.
Dass das schon sehr hübsch anzusehen ist, keine Frage. Zitierfreudig und stilsicher kombinieren die Wachowskis hier nach Herzenslust futuristische Rennstrecken mit dem Wohn- und Kleidungsdesign der frühen 60er, während die Ganoven mit Gamaschen und Maschinengewehren einem Ganster-Film der 30er entsprungen zu sein scheinen. Die mit allerlei technischen Spielereien nach James Bond-Manier ausgestatteten Rennwagen sorgen für viel Action, wobei der Film angesichts der knallbunten Rasanz der Rennszenen, mit kreuz und quer durch die Gegend fliegenden Flitzern, eigentlich eine Epilepsie-Warnung verdient hätte.
Auf die Spitze treiben die Wachowskis ihre Referenzfreude schließlich, indem sie in der Inszenierung zahlreiche Bildkonventionen klassischer Anime-Serien imitieren (die kennt der deutsche TV-Veteran z.B. auch aus "Kimba, der weiße Löwe"), bis hin zum charakteristischen Einfrieren einer Figur in einer Schrecksekunde oder in der schnellen Bewegung, während rasende Linien im Hintergrund Geschwindigkeit suggerieren. Das ist eine zeitlang ganz witzig, auf die Dauer jedoch tödlich, wenn man den Film noch irgendwie ernst nehmen soll. Und das ist angesichts der offensichtlichen und auch noch extra betonten Künstlichkeit der ganzen Sache schlichtweg nicht drin.

Und während die Wachowskis verliebt in ihr eigenes Schaffen den Film durch zahlreiche Längen auf 135 Minuten auswalzen, langweilt man sich mit einer Story, die selbst für 90 Minuten noch zu dünn gewesen wäre, und kann auch bei den ausufernden Actionsequenzen nicht so richtig staunen, weil es halt doch einfach nur Animation ist. Das ist es in gängigen Hollywood-Filmen heutzutage zwar zum Teil immer wenn es spektakulär wird, doch anderswo versucht man eben, es wie echt aussehen zu lassen, und die Illusion funktioniert. Weil sich "Speed Racer" aber so gezielt an seiner eigenen Künstlichkeit ergötzt, lässt er einen in den Momenten, wo es drauf ankommt, emotional völlig kalt. Das gilt sowohl für die vermeintlich spannungsreichen Rennen, als auch für die dramatischen Szenen, die letztlich ebenfalls vor allem eins sind: künstlich. Da helfen auch die guten Leistungen der namhaften Besetzung nichts, die sich allesamt reichlich Mühe geben und ihren Figuren mehr Tiefe verleihen, als diese eigentlich haben.
Apropos Besetzung: Der Produktions- und Förderstandort Deutschland hat auch dazu geführt, dass eine ganze Riege bekannter deutscher Schauspieler in kleinen und kleinsten Nebenrollen auftauchen. Benno Fürmann, Waldemar Kobus und Ralph Herforth werden mit einigem Dialog ausgestattet noch prominent ins Bild gerückt, um Moritz Bleibtreu, Cosma Shiva Hagen und Jana Pallaske nicht aus Versehen zu verpassen, muss man schon genauer hingucken.

"Speed Racer" ist ein Film über sich selbst. Ein Film, der die ganze Zeit nur schreit: Schau, wie bunt ich bin! Schau, wie schnell ich bin! Schau, was ich hier zitiere! Schau, was ich da zitiere! Ist das nicht alles total cool? Nein, ist es leider nicht, wenn man nicht gerade Andy oder Larry Wachowski heißt. Man muss den öffentlichkeitsscheuen Brüdern in gewisser Weise Respekt dafür zollen, dass sie noch immer eine solche Narrenfreiheit in Hollywood besitzen, um mit diesem selbstverliebten Fanboy-Projekt unangetastet durchzukommen. Wer jedoch nicht mit den Wachowskis haargenau auf einer Wellenlänge liegt, der wird "Speed Racer" eher befremdlich und öde finden. Wer also total über alte Anime-Serien abgeht, sich mit kindlicher Freude von schnellen bunten Autos und wilden Crashs beglücken lässt und sich auch gern zwei Stunden ins Kino setzt für eine Geschichte, die man keine Sekunde ernst nehmen kann - viel Spaß. Alle anderen können sich diesen Film getrost sparen.

F.-M. Helmke