Requiem

psycho-drama, d 2006
original
 
regie
hans-christian schmid
drehbuch
bernd lange
cast

sandra hüller,
burghart klaußner,
imogen kogge,
anna blomeier, u.a.

spielzeit
93 min.
kinostart
02.03.2006
homepage
http://www.requiem-der-film.de
bewertung

(8/10 augen)




 

 

 

 


 

Es gibt wohl keinen anderen deutschen Regisseur, der in den letzten Jahren derart kontinuierlich gute Filme abgeliefert hat. Im Werk von Hans-Christian Schmid findet sich bisher kein richtiger Aussetzer, noch nicht einmal ein als "eher schwach" einzustufender Film. Von "Nach fünf im Urwald" und "23" über "Crazy" und die nur kommerziell etwas enttäuschenden "Lichter" servierte uns Schmid stets hohe Qualität, gepaart mit einer Emotionalität, die kaum einen Zuschauer unberührt lässt. Was auch bei "Requiem" nicht zu befürchten stand, wagt sich der Filmemacher doch an die recht bekannte Geschichte der Anneliese Michel, dem Mädchen aus Süddeutschland, welches in den 70er Jahren an den Folgen eines an ihr durchgeführten Exorzismus starb.

Um von vornherein nicht den Eindruck zu erwecken, er erhebe den Anspruch einer dokumentarischen Wiedergabe der damaligen Ereignisse, nennen Schmid und sein Drehbuchautor Lange ihre Hauptfigur Michaela Klingler und komprimieren deren Leidensgeschichte auf die Belange eines gut anderthalbstündigen Kinofilms. Michaela wächst Anfang der 70er in der Umgebung Tübingens auf und bleibt ihre gesamte Schulzeit über eine Außenseiterin. Nicht verwunderlich für eine Epileptikerin, die sich oft wochenlang im Krankenhaus aufhalten muss. Die streng katholische Erziehung ihrer Eltern, verbunden mit ständigen kirchlichen Veranstaltungen und Wallfahrten, hält Michaela fest im Griff ihrer Welt. Als sie es schließlich schafft sich gegen ihre überbesorgte Mutter durchzusetzen, indem sie ein Pädagogik-Studium in Tübingen beginnt, ist dies für das zurückhaltende Mädchen wie der Eintritt in eine neue Welt.
Nach Anfangsschwierigkeiten gelingt es ihr, gute Freunde zu finden, doch der extreme Gegensatz von lockeren Studentenpartys mit Gesang und Tanz und der religiösen Glucke aus Familie und Heimatgemeinde bleibt ein ständiges Problem. Die Bewunderung für den Leidensweg von katholischen Heiligen drängt Michaela schließlich in eine fatale Richtung. Bei epileptischen Anfällen hat sie plötzlich große Schwierigkeiten, christliche Symbole wie Ketten und Kruzifixe zu berühren, als befände sich etwas Böses und Dunkles in ihr, "Kräfte", die sie auch daran hindern ihre Studienarbeiten fertig zustellen. Als sie Rat bei den Pfarrern ihrer Heimatgemeinde sucht und ihre Symptome überzeugend schildert, fallen bald die Worte "Besessenheit" und "Exorzismus". Da Michaela den erfolglosen Ärzten schon lange nicht mehr vertraut, ist ihr weiterer Weg vorgezeichnet….

Langsam und doch in sich schlüssig vollzieht sich die Entwicklung zu einer Geschichte, die die Öffentlichkeit schon vor rund dreißig Jahren kaum glauben konnte: Ein von der Kirche gebilligter Exorzismus an einer jungen Studentin. Das große Verdienst von "Requiem" ist es, den Weg dorthin so überzeugend und realistisch darzustellen, dass man ihn tatsächlich nachvollziehen kann. So KÖNNTE es sich zugetragen haben, dass das Bemühen von Eltern, Freunden und Geistlichen nur "das Beste" zu wollen, gepaart mit der tiefen Überzeugung einer gläubigen Frau, von Gott geprüft zu werden, in die Katastrophe führte.
Und im Vergleich von Hans-Christian Schmids fast sachlicher und doch bewegender Inszenierung mit dem letztjährigen US-Beitrag zum Thema erkennt man auch erst richtig, um was für einen albernen Mumpitz es sich beim "Exorzismus von Emily Rose" eigentlich handelte. Der hatte die gleiche Geschichte als Vorlage, machte daraus aber einen mit Special Effects und Gruseleffekten angereicherten Mummenschanz, dessen Albernheit bei der Gegenüberstellung mit "Requiem" so richtig deutlich wird. Wo dort dicke Schichten an Make-Up nötig sind, wird hier komplett auf Derartiges verzichtet, denn das eindringliche Spiel von Sandra Hüller (belohnt mit dem Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin auf der Berlinale) muss genügen.
Das wirkt für die Außenstehenden, die eben nicht sehen, was Michaela zu sehen meint, oft nur befremdlich und verwirrend, aber genau so ist es ja nun mal auch. Dass "Emily Rose" dabei den Zuschauer ganz klar zur Akzeptanz des Übernatürlichen dirigierte, soll aber hier nicht als Vorwurf gelten, denn es ist ja durchaus legitim sich auch in diese Richtung zu entscheiden (gerade für einen Horrorfilm). Bei "Requiem" fällt es dagegen schwer, hinter den Ereignissen irgendetwas Anderes zu vermuten als die Folge einiger irrationaler Handlungen. Der "Teufel" persönlich ist es wohl nicht, der Michaela zum Märtyrertod treibt, sondern auf ihrem Glauben fußender freier Wille, der ihr in Kombination mit willigen Unterstützern kaum eine andere Chance lässt.
Bezeichnend und erschreckend ist dabei natürlich, dass sich - trotz aller wissenschaftlichen und sozialpolitischen Erklärungen - um die echte Anneliese Michel tatsächlich eine Art Kult und Heiligenverehrung gebildet hat, die auch heute noch floriert.

Neben der beeindruckenden Leistung von Sandra Hüller verblasst leider der Rest der guten Besetzung, selbst ein Burghart Klaußner ("Die fetten Jahre sind vorbei") in der Rolle des gutmütigen Vaters hat wenig Gelegenheit zu glänzen und soll es wohl auch gar nicht, da die Charaktere der Familie und Freunde Michaelas eher funktional angelegt sind. Im Gegensatz dazu wirken die beiden Geistlichen etwas überzeichnet oder zumindest gekünstelt. Auch dies mag so gewollt sein, sorgt aber beim Betrachter für das eine oder andere Stirnrunzeln. Die Entscheidung, den Exorzismus selbst so gut wie gar nicht zu zeigen und den Film recht unerwartet enden zu lassen (und bei dieser Geschichte komme bitte keiner mit irgendwelchen "Spoilerwarnungen") ist natürlich ziemlich mutig, andererseits aber auch konsequent.
So legt Hans-Christian Schmid also einen um Realismus bemühten, sachlichen und visuell unspektakulären Film vor, der keinerlei voyeuristische Erwartungen erfüllt und auch überhaupt nicht unterhaltsam sein will. Ein ehrenwertes und gelungenes Anliegen.

V. Robrahn

 


Name: McJ
Email: McJ@McJ.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Schmid ist ein Regisseur mit einem eigenen ‚Ton’. Egal ob „Crazy“, „Lichter“ oder „23“, jeder dieser Filme ist genau beobachtet, eher sparsam erzählt, Stimmungen und Menschen ganz genau beschreibend.
Kein Wunder, daß „Requiem“ ein guter Film geworden ist – hier kann alles (wieder) zusammengebracht werden. Dabei erscheint diese Geschichte fast noch ‚sparsamer’: alles ist karg, in flachen Farben, die schwäbische Landschaft im frühen Frühling so trostlos und öde wie die Familie, in der Michaela lebt und an der sie leidet.

Dieses Leiden der Michaela ist ganz im Zentrum des Films. Schon zu Beginn konzentriert sich die Kamera immer wieder auf die hervorragend gespielte Hauptfigur, ihr Gesicht, ihr Erleben der Krankheit, ihr Zweifeln daran.
Das Beste an Requiem ist das Fehlen einfacher Erklärungen, Deutungen. Natürlich ist Michaela nicht ‚besessen’, aber sie ist überraschenderweise selbst diejenige, die sich aus ihrer Krankheit in die Besessenheit flüchtet, sie ausspielt. Dabei ist sie zerrissen zwischen dem Innen und dem Außen, Elternhaus und Dorf hier, Tübingen und Sexualität dort, Momente des Glaubens und solche, in denen sie an Gott und der Kirche zweifelt. Dieser Film ist überall Dualismus ohne sich jemals eine der Seiten zuzuordnen. Damit verhindert Schmid auch daß, was man vielleicht befürchten könnte: das Requiem eine Anklage gegen die (katholische) Kirche wird. In einer der schönsten Szenen fragt ein Sozialpädagogik-Dozent Michaela, die zu spät in die Vorlesung kommt, ob sie an die Kraft der Sozialpädagogik glaube. Die Antwort ist „nein“ – sie glaube an Gott. Als der gesamte Hörsaal lacht, fragt der Professor die anderen Studenten: „An was glauben Sie denn?“. Als er keine Antwort erhält sagt er: „Und das ist Ihr Problem.“ Glauben und Kirche ist nichts, was es abzulehnen gilt.

Ein kleiner Kritikpunkt am Rande: Auch in diesem Film ist die leicht verwackelte Digitalkamera allgegenwärtig. Das mag in manchen anderen Kontexten filmisch sinnvoll sein, hier stört es eher etwas. Eine ruhige, konventionelle Optik hätte dem Film etwas mehr Brillianz verliehen und damit die erzählerische Brillianz untersützt.



Name: real king
Email: dfdsaf
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

das ware einer der filme die ich geschaut habe und nicht gewusst habe ob er ernst gemeint sei oder nicht so tschissdreck



Name: angelos
Email: caution@edu
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

@ real king
Das ist einer der Kommentare, bei denen man nicht weiß, ob er ernst gemeint ist oder ob jemand nur rumstänkern will ...

Du übersiehst offenbar, dass die Handlung des Films nicht frei erfunden ist, sondern auf tatsächlichen Ereignissen beruht. Für dich mag das "Tschissdreck" sein - für die Betroffenen war es bitterer Ernst.



Name: Sepp
Email: -
Bewertung:             (5 von 10 Digital Eyes)

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich diesen Film weiterempfehlen soll. Sehr anspruchsvoller Stoff auf jeden Fall. Sicherlich sehr gut gespielt, aber stellenweise auch etwas langatmig. (also nichts, wenn man einen laaangen Arbeitstag hinter sich hatte ;-) )

Meine eigentliche Frage: Was bitte schön meint der Autor V. Robrahn mit "Spoilerwarnungen"?