Once

musical, irl 2007
original
once
regie
john carney
drehbuch
john carney
cast

glen hansard,
markéta irglová,
hugh walsh,
gerry hendrick, u.a.

spielzeit
85 min.
kinostart
17.01.2008
homepage
www.once.kinowelt.de
bewertung

(10/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Einmal den ganz großen Durchbruch schaffen. Einmal mit der eigenen Band ein Studio mieten und ein Album aufnehmen. Ein für alle mal dem eintönigen Alltag entfliehen, um nach den Sternen zu greifen. So ungefähr sehen die Träume des namenlosen Straßenmusikers (Glen Hansard) aus, dem wir in "Once" zum ersten Mal in der Dubliner Innenstadt begegnen. Als ihm eines Tages eine junge Tschechin (Markéta Irglová) über den Weg läuft, die seine Leidenschaft zur Musik teilt, versuchen beide ihrem Traum, endlich professionell Musik zu machen, ein Stück näher zu kommen.

Der irische Regisseur John Carney, der mit seinen vorherigen Filmen "November Afternoon" und "On The Edge" schon einige kleine Erfolge feiern durfte, liefert mit seinem neusten Streich "Once" seine ganz eigene Version eines modernen Musicals ab und erfindet nebenbei das Genre neu. Dabei ist die Geschichte, die er uns erzählt, von purer Einfachheit. Schließlich hält sich Carney an Billy Wilders Urformel für einen gelungenen Film: Boy meets Girl. Dabei reduziert er die Regel so sehr, dass er den Helden von "Once" nicht einmal mehr Namen gibt. Durch ihre Musik kommen sie uns ohnehin viel näher, als so manche ernste Charakterstudie es je bewältigen würde.
Das dies letztlich funktioniert, ist ohne Zweifel den beiden tollen Hauptdarstellern zu verdanken. Glen Hansard (der fast alle Songs für den Film selber geschrieben hat) war früher Mitglied der in Großbritannien sehr bekannten Indie-Rock Band The Frames. Als er seine Solokarriere begann, nahm er sein erstes Album mit der tschechischen Multi-Instrumentalistin Markéta Irglová auf. Eine Zusammenarbeit, an die er sich erinnerte, als ihn der Regisseur Carney darauf ansprach einen kleinen Film mit ihm zu drehen. Beide versprühen auf der Leinwand eine wunderbare Natürlichkeit. Sie agieren nie angestrengt oder vorhersehbar und überzeugen restlos.

Das besondere an diesem wunderbaren Film ist nicht nur die herzerwärmende Singer-Songwriter-Musik, sondern die Art und Weise wie die Songs in den Plot eingebettet werden und so fast ausschließlich aus der Erzählung heraus entstehen. Das unterscheidet "Once" auch von klassischen Vertretern des Genres, wie zum Beispiel "Dreamgirls" oder "Chicago". Bunte und opulent ausgestattete Musicalnummern sucht man hier jedenfalls vergebens. Wenn sie ihn beispielsweise in einem Bus fragt, wieso er nicht mehr mit seiner Freundin zusammen ist, greift er sofort zur Gitarre und erzählt unglaublich lustig aber zugleich auch brutal ehrlich, die Geschichte seiner gescheiterten Beziehung: But she went and screwed some guy she knew / And now I'm in Dublin with a broken heart. Oder wenn sie sich nach einer langen Session ans Klavier setzt und für ihren in Tschechien zurückgebliebenen Mann sing: Where are you now, angel now / Don't you see me crying, dann eröffnet sich die volle Tragik und das ganze innere Gefühlsleben einer Person in einem nahezu magischen Augenblick. Und "Once" ist voller solcher Augenblicke.
Dabei begegnet der Film seinen Figuren nie voyeuristisch oder ausbeuterisch. Vielmehr zeigt er ohne Umschweife, dass Trauer und Glück im Alltag oft dicht beieinander liegen. Wenn die beiden mit ein paar Straßenmusikern dann endlich die Möglichkeit bekommen, in einem Studio ein Album aufzunehmen, schwingt sich der Film zu einem wahren Höhenflug auf und offenbart seine ganze Schönheit.

Und was ist mit der Beziehung der Hauptfiguren? Oder anders gefragt: Wird der Boy sein Girl erobern? Als er und sie sich im Verlauf des Films zwangsläufig langsam näher kommen und eine mögliche Beziehung für einen kurzen Moment am Horizont aufleuchtet, dann ist Carney mutig genug "Once" nicht verkitschen zu lassen. Denn obwohl kein Zweifel bestehen dürfte, dass die beiden für einander geschaffen sind, unterscheiden sich ihre Leben nun mal fundamental voneinander. Sie ist verheiratet, hat ein Kind und muss an dessen Zukunft denken. Er hingegen hat die Aussicht auf eine große Karriere im Musikgeschäft. Zwei Menschen zu sehen, die zu einander passen aber nicht zu einander kommen dürfen, ist herzzerreißend und unglaublich traurig. Gleichzeitig ist man aber auch gerührt und begeistert von der Liebenswürdigkeit und dem Respekt, den sich beide entgegenbringen.
Der Film transportiert dieses Gefühl natürlich perfekt auf der Ebene Songs, doch auch die grandiosen Bilder tun ihr übriges. "Once" ist sehr schön fotografiert. Kameramann Tim Fleming hat es geschafft, durch den Einsatz einer Handkamera die Zerbrechlichkeit der Beziehung einzufangen und dabei doch immer auch sehr warme und vollkommen klare Bilder zu erzeugen.

In den USA gewann "Once" zunächst den Publikumspreis beim renommierten Sundance Film Festival und wurde dann zu einem kleinen Überraschungshit an den Kinokassen. Und es gab selten einen Film, dem man den Erfolg so sehr gegönnt hat wie dieser umwerfenden kleinen Perle. Man muss "Once" für seine leichte und ungezwungene Art lieben, denn er ist inspirierend, wie es schon sehr lange kein Film mehr war, und seine Lieder sind eine wahre Erleuchtung. Und dies alles schafft der Film, obwohl sein Produktionsbudget kaum mehr als die Cateringkosten von "Dreamgirls" abgedeckt hätte. Der Effektivität tut das jedenfalls keinen Abbruch.
Der Zeitschrift USA Today sagte der große Steven Spielberg: "Ein kleiner Film mit dem Titel "Once" gab mir genug Inspiration, um über den Rest des Jahres zu kommen." Wenn das mal keine prominente Schützenhilfe ist. "Once" feiert die Leidenschaft zur Musik und teilt diese uneingeschränkt mit jedem, der sich diesem süchtig machenden Sog hingeben möchte. Mehr will und kann man von einem Musikfilm nicht verlangen. Chapeau!

P. Wellinski