No Country for Old Men

krimi-thriller, usa 2007
original
no country for old men
regie
joel & ethan coen
drehbuch
joel & ethan coen
cast

josh brolin,
javier bardem,
tommy lee jones,
garret dillahunt,
kelly macdonald, u.a.

spielzeit
122 min.
kinostart
28.02.2008
homepage
www.nocountryforoldmen.de
bewertung


(8/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Da kommt ja einiges auf uns zu, vor allem Vorschusslorbeeren und damit große Erwartungen. Ein kurzer Blick zur IMDB verrät uns, dass es nach derzeitiger Meinung der dortigen Benutzer nur 30 Filme in der Kinogeschichte gibt, die besser sind als dieser hier. Ein schweres Paket also, das man "No Country For Old Men" mit auf den Weg gegeben hat. Dass dieses Erwartungspaket überhaupt nochmal in Form eines Films der Gebrüder Coen kommt, ist ja schon mal die beste Nachricht hier. Schließlich war das nach der längsten kreativen Durststrecke ihrer Karriere jetzt nicht zwangsläufig zu erwarten, dass sich Joel und Ethan noch mal zu ganz großer Form aufraffen.
Vergessen die halbgaren Versuche, bei einem Mainstream-Publikum mit mäßig witzigen Komödchen wie "Ein (un)möglicher Härtefall" oder "Ladykillers" zu landen. Stattdessen die Rückkehr zur Ernsthaftigkeit, nur durchsetzt von ihrem typischen tiefschwarzen Humor, und die Besinnung auf ihre Thriller- und Film Noir-Wurzeln. Dort haben die Coens schließlich ihre beste Arbeit abgeliefert: "Blood Simple", "Miller's Crossing", "Fargo" - so großartig spaßig die Abenteuer des Dude in "The Big Lebowski" oder die Odyssee der Soggy Bottom Boys in "O Brother, where art thou?" auch waren, ihre besten Werke lieferten die Coens immer dann ab, wenn sie es (fast ganz) ernst meinten. Schluss mit lustig gilt auch hier, mehr als jemals zuvor. Blutig, brutal und gnadenlos geht es zu in diesem Land, das nicht mehr für alte Männer ist.

Das Land ist der Südwesten von Texas im Jahr 1980, in dem der Jäger Lewellyn Moss (Josh Brolin) mitten in der öden Prärie zufällig über den Ort eines fürchterlich danebengegangenen Drogendeals stolpert. Mehr als das halbe Dutzend herumliegender Leichen oder die Wagenladung Drogen interessiert ihn aber ein Koffer, in dem sich knapp zwei Millionen Dollar Bares befinden. Moss nimmt das Geld an sich - und bald ist der Jäger ein Gejagter. Denn an seine Fersen heftet sich ein Mann, für den das Wort "gnadenlos" weit untertrieben ist. Der Auftragskiller Anton Chigurh (Javier Bardem) wirkt eher wie ein übernatürlicher Todesengel, der mit seiner Luftkompressionskanone eine Spur aus Leichen zurück lässt und dabei auch unbeteiligte Unschuldige ohne ein Zögern aus dem Weg räumt, nur um an einen fahrbaren Untersatz zu kommen. Was den Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) nachhaltig verstört, der dieser neuartigen Art von Gewalt hilflos gegenübersteht und auch sonst immer einen Schritt zu spät scheint....

Zuallererst: Rein handwerklich hält dieser Film natürlich das, was man von ihm erwartet. Ausleuchtung, Kameraarbeit, Inszenierung - alles erlesen. Die Coens nutzen ihre Rückkehr ins Thrillergenre zu beeindruckend geplanten und ebenso präzise umgesetzten set pieces, besonders in den Versteck-Duellen zwischen Moss und Chigurh in diversen Motels. Diese Art einfallsreichen Spannungsaufbaus hat man so seit "Blood Simple" nicht mehr gesehen - und, ja, vielleicht auch vermisst. Auch andere Szenen wie das Gespräch Chigurhs mit einem Tankstellenbesitzer zeugen von der vollen Konzentration der Coen-Brüder, die hier wieder lean and mean unterwegs sind, nachdem sie es in den letzten Jahren doch mit manch überflüssiger Szene haben schleifen lassen.
Dazu kommen die ausgezeichneten Darsteller, allen voran der Oscar-nominierte Javier Bardem. Der hat ja schon vorher in Filmen wie "Before Night Falls" oder "Das Meer in Mir" seine Klasse und Wandlungsfähigkeit bewiesen, zeigt sich aber hier noch mal von einer ganz anderen Seite. Sein psychopathischer Killer ist der wohl eindrucksvollste Leinwandbösewicht der letzten Jahre: ständig in Schwarz unterwegs wie weiland Johnny Cash und einer eigenen Logik folgend, die niemanden lang genug am leben lässt, um sie verstehen zu können. Einzig sein lächerlicher Haarschnitt passt nicht zum Image, aber auf den haben die Coens wohl bestanden, damit ihre Mordmaschine nicht an der eigenen Coolness erstickt.
Derweil sieht Josh Brolin mittlerweile ja nicht nur aus wie Nick Nolte, ihm gelingt die Darstellung harter Hundesöhne auch fast genauso gut. 2007 war ja sowieso sein Jahr, in dem er vom TV- und B-Schauspieler in die erste Liga aufstieg. Nach dem noch seiner bisherigen Karriere geschuldeten B-Film-Horrorschlock "Planet Terror" folgten in kurzer Abfolge kleine aber feine Rollen in "American Gangster" und "Im Tal von Elah" und nun seine erste Hauptrolle in einem Film der Güteklasse A. Und dann natürlich noch Tommy Lee Jones, der aber drehbuchbedingt nicht an seine letzten Glanzleistungen in "Three Burials" und "Im Tal von Elah" anknüpfen kann. Zwar beherrscht er seine Szenen mit Leichtigkeit und wird auch genial vom ebenfalls überzeugenden Garrett Dillahunt als sein leicht tumber Deputy unterstützt, dennoch erweist sich Jones' Figur als problematisch.

Womit wir dann zum unangenehmen Teil dieser Rezension kommen, in der Hoffnung, dass der Bote nicht aufgrund der Nachricht geköpft wird: Ein nicht-diskutierbares Meisterwerk ist "No Country For Old Men" nämlich nicht geworden. Dafür gibt es ein, zwei Probleme zuviel. Kleine Probleme und diskutierbare, aber vorhandene. Zum einen die Distanz zu den Hauptfiguren. Man wirft den Coens ja immer vor, ihre Filme wären kalt und intellektuell und würden sich hinter einer satirischen Distanz verstecken. Während die Satire hier zwar fehlt, bleibt eine spürbare Distanz zu den Figuren, was bei Chigurh - dem in seiner Grausamkeit unbegreiflichen und gerade deshalb so erschreckenden Todesengel - zwar gewünscht und auch nicht anders zu erwarten ist, bei Moss, dem nominellen Protagonisten der ganzen Geschichte, allerdings eher nicht. Und ohne eine emotionale Bindung schaut man dem bravourösen Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden interessiert und gespannt, aber eben nicht emotional involviert zu.
Tommy Lee Jones' Sheriff ist der einzige, der dank seiner Humanität und seines Humors eine Bindung zum Zuschauer hat, auch weil er hier wie Chigurh eine symbolische Figur ist. Während Chigurh das Schicksal präsentiert (und zwar ein unausweichliches), ist Bell die Moral. Da diese aber wie in der Parabel erst ganz am Schluss kommt, geht Bell für den breiten Mittelteil des Films komplett auf Tauchstation, nachdem er auch erst nach einer knappen halben Stunde überhaupt aufgetreten ist, um dann in einer denkwürdigen Storyentwicklung 15 Minuten vor Schluss wieder ins Geschehen zurückzukommen. Dazwischen hat man zwar das grandiose Duell Moss-Chigurh bekommen, aber so richtig gut integriert wirkt Jones' Figur nicht, und diese Tatsache bleibt als eine weitere störende Kleinigkeit.
Auch die angesprochenen Schlussminuten werden wegen einer gewagten Auslassung und eines so kryptischen wie zunehmend elliptischen Erzählstils die Gemüter erhitzen und Meinungen spalten. Man spürt förmlich, wie dieses Ende auf den gedruckten Seiten der Romanvorlage von Cormac McCarthy besser funktioniert, auch weil Jones' Erzählerfigur vermutlich nicht zwischendrin komplett verschwindet. Da käme dann auch der hier abrupt wirkende Schluss anders zur Geltung. Um es wie bei den Eiskunstläufern zu sagen: In der technischen A-Note steht hier ganz klar die 6.0, aber es gibt Abzüge in der B-Note.

Und so verdeutlicht dieser Film, dem man ansonsten so gut wie nichts vorwerfen kann, doch noch einmal, wie schwierig es ist, die Romane von Cormac McCarthy zu adaptieren. Die Coens haben es fast geschafft, haben den Ton seiner Figuren und die verzweifelte Atmosphäre seiner Geschichte genau getroffen. Aber es hat eben seinen Grund, dass McCarthys Werke bis vor kurzem noch als unverfilmbar galten. Umso erstaunlicher, dass nach dieser gelungenen Adaption vielleicht bald die nächste folgt. Ridley Scott verfilmt McCarthys Meisterwerk "Blood Meridian", und während sein Film garantiert ganz anders aussehen wird als diese bitterböse Hetzjagd, so wird er sich hoffentlich in qualitativ ähnliche Regionen aufschwingen.

Einer der 30 besten Filme aller Zeiten ist "No Country For Old Men" wohl nicht geworden, aber ein tolles Comeback der Coens und ein unbedingtes Highlight des Kinojahres auf jeden Fall. Joel und Ethan Coen beweisen noch einmal nachhaltig, warum Cineasten allerorts sie lieben, indem sie einen handwerklich und darstellerisch eindrucksvollen Film abliefern, bei dem einzig die Storyhaken gegen Ende sich als eventuelle Widerhaken erweisen. Dies ist vielleicht kein Land für alte Männer - aber eines für Filmfreunde (fast) jeden Alters.

S. Staake