Little Miss Sunshine

tragikomödie, usa 2006
original
little miss sunshine
regie
jonathan dayton, valerie faris
drehbuch
michael arndt
cast

greg kinnear,
toni colette,
steve carell,
alan arkin,
paul dano, u.a.

spielzeit
100 min.
kinostart
30.11.2006
homepage
http://www.little-miss-sunshine.de
bewertung


(8/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Der Indie-Boom der 1990er ist tot, es lebe der Indie-Boom der 2000er! Also zumindest, wenn man Boom relativ sieht. Denn sowohl die besonders von Mini-Majors wie Miramax gepushten Indies der 90er, so künstlerisch erfolgreich und einflussreich sie auch waren, haben natürlich im reinen Einspielergebnis ebenso wenig Einfluss auf ein Umdenken in Hollywood gehabt wie die Indie-Hits in den letzten Jahren. Das kann auch kein "Garden State", der Überraschungshit des letzten Jahres, oder eben "Little Miss Sunshine", der dieses Jahr zumindest in den USA einen Achtungserfolg schaffte, leisten. Aber trotzdem ist es schön, dass sich solche kleinen Filme nicht durch massive Werbekampagnen durchsetzen, sondern durch Qualität und die darauf folgende Mundpropaganda. Und tatsächlich scheint es dem Independent-Film nach einigen doch eher schwachen Jahren wieder besser zu gehen.

Aber eins muss man bei aller Freude über diese feinen Filme schon anmerken: Die für sich immer eingenommene Originalität, mit der sich diese Filme von der Reißbrettkonkurrenz der großen Studios abgrenzen wollen, ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Denn mittlerweile ist ein Großteil der "andersartigen" Indies fast genau so formelhaft und berechnend zusammengesetzt wie die Blockbusterparaden des Mainstreamkinos. Und in diese Reihe muss man auch das Drehbuch von Michael Arndt zu "Little Miss Sunshine" stellen.
Das fängt schon beim Genre an. Was ist kostengünstig und gleichzeitig storytechnisch die richtige Chance für eine Reihe ungewöhnlicher Charaktere und die Dinge, die sie voneinander lernen? Genau, das Roadmovie. Der "Little Miss Sunshine"-Check: Aha, eine Reise quer durch drei Staaten mit einer brutalen Deadline: Die Familie Hoover muss ihre jüngste Tochter innerhalb von kürzester Zeit in einem altersschwachen VW-Bus von New Mexico nach Los Angeles bringen, damit diese dort an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen kann.
Womit wir schon bei den Figuren wären: Die müssen natürlich alle möglichst abgedreht und außergewöhnlich sein. Der "Little Miss Sunshine"-Check: Es lebe die dysfunktionale Familie in Form der Hoovers! Da hätten wir Dwayne (Paul Dano), den Sohn der Familie, der als rebellischer Teenager mit Nietzsche-Faible ein Schweigegelübde abgelegt hat und seit Monaten streng befolgt. Dann wäre da Opa (Alan Arkin), dessen Kokskonsum ihn seinen Platz im Altersheim gekostet hat und der sich gerne einer sehr deutlichen Sprache bedient. Vater Richard (Greg Kinnear) ist ein Motivationstrainer mit einem kleinen Problem: Sein Buch "Erfolgreich in neun Schritten" ist eben alles andere als erfolgreich. Die kleine Olive (Abigail Breslin) ist fasziniert von Schönheitswettbewerben und trainiert ständig mit Opa ihren Tanzvortrag. Mehr schlecht als recht zusammengehalten wird der wilde Haufen von Mutter Sheryl (Toni Collette). Und als wäre es der ungewöhnlichen Charaktere noch nicht genug, stößt auch noch Sheryls Bruder hinzu, der depressive schwule Proust-Experte Frank (Steve Carell), der nach seinem Selbstmordversuch aus Liebeskummer nicht allein gelassen werden darf. Voilà, eine klassische kaputte Familie mit vielen Konflikten, die bis zum Finale gelöst und einigen Lebensweisheiten, die bis dahin gelernt werden müssen.

Hat der Rezensent jetzt doch einigermaßen kritische Worte zum vorhersehbaren Aufbau mit den zu erwartenden Charakteren verloren, so darf der Leser sich jetzt zurecht fragen: "Womit verdient der Film denn nun seine acht Augen?" Ganz einfach: Indem er das, was er macht, absolut großartig macht. Man mag das eine oder andere schon in anderen Roadmovies oder Familien-Tragikomödien gesehen haben, aber das Regisseurs-Ehepaar Jonathan Dayton und Valerie Faris schaffen es, den Mix aus Humor und Ernst, aus abseitigem Witz und leiser Tragik perfekt umzusetzen. "Little Miss Sunshine" mit seiner erzwungenen Situation und seinen in ihrer Überzeichnung und Anhäufung doch ziemlich unglaubwürdigen Figuren sollte eigentlich nicht funktionieren - und funktioniert großartig. Mit einem nicht von der Hand zu weisenden Charme, perfektem Timing und einem sehr guten Ensemble gewinnt dieser Film jeden Skeptiker, der sich beim in ähnlicher Form zu erwartenden Finale doch wundert, wie sehr ihn das Ganze gepackt hat und mit wie viel positivem Pathos und bittersüßen Zwischentönen es doch ausgestattet war. "Little Miss Sunshine" schlägt jeden auf seine Seite - nur ein Grund für die herausragende Mundpropaganda, durch den sich der Film im Heimatland zum Überraschungshit des Jahres gemausert hat und so in den Eliteclub jener Blockbuster einbrechen ließ, die zehn Wochen oder mehr in den US-Kino-Top Ten waren.

Ob Franks peinliches Zusammentreffen mit seinem Ex-Lover und "Selbstmordgrund", Dwaynes kleiner Zettel an Frank ("Bitte bring dich nicht heut Nacht um") oder Opas Tipps für des Enkels Sexualleben, es sind die Kleinigkeiten, die in Erinnerung bleiben und mit denen sich Drehbuchautor Arndt für die etwas bequeme Ausgangssituation rehabilitiert. Viele kleine Szenen, die nicht zum Schenkel klopfen witzig sind, aber einem schadenfrohe, ungläubige oder wissende Lächeln auf das Gesicht zaubern. Unerwartet emotionale Szenen, wenn die Story in traurigere oder kontroversere Gefilde vordringt, die dann aber sofort wieder durch absurden Humor (ein Teil des Films erinnert an "Immer Ärger mit Bernie") konterkariert werden, bevor es zu gefühlsduselig wird.
Auch der immer wieder auftauchende messerscharfe satirische Witz bringt ordentlich Pluspunkte. Wenn etwa die Absurdität, fragwürdige menschliche Objektivierung und perverse "Mini-Erwachsene"-Logik von Schönheitswettbewerben für Kinder durch Olives Performance gnadenlos und schonungslos offen gelegt werden, gelingen "Little Miss Sunshine" quasi im Vorbeigehen ein paar kritische Anmerkungen, die andere mit dem Holzhammer und dementsprechend erfolglos nach Hause geprügelt hätten. Komödie, Tragödie, Satire - dieser Film ist von allem ein bisschen, ohne sich dabei in einer der Richtungen zu verheddern oder sich in Sachen Stil und Inszenierung irgendwo im Niemandsland zu verlieren.

Dass dieser Film so erfolgreich in dem ist, was er tut, hat wie gesagt auch viel mit den Schauspielerleistungen zu tun. Das Schattenkabinett von tollen Darstellern, Toni Collette und Greg Kinnear, macht das, was es immer macht: die beiden überzeugen, ohne sich groß in den Vordergrund zu spielen. Das Rampenlicht ist für andere. Abigail Breslin ("Signs") etwa, die ihre schwierige Kinderrolle nicht überzogen niedlich spielt und die kleine Olive tatsächlich wie ein wirkliches Mädchen ihres Alters anlegt. Oder Paul Dano, der sich rollenbedingt viel mit Mimik behelfen muss, was auch gut gelingt. Und dann - vollkommen überraschend - Steve Carell in der unglaubwürdigsten Rolle des ganzen Films. Wie Carrell daraus das emotionale Zentrum des Films macht, das ist beeindruckend und hätte man dem eher für Klamauk bekannten Carell ("The 40-Year-Old-Virgin") kaum zugetraut. Aber indem er die Rolle eher zurückhaltend mit einer stillen, traurigen Weisheit und trotzdem beißendem Witz ausstattet, darf sich Carrell als durchaus wandlungsfähiger Darsteller zeigen. Absoluter Szenenstehler ist aber Alan Arkin, bei dem es so viel Spaß macht, diesem alten Hasen in Sachen Timing und Präsenz zuzusehen, dass seine Abwesenheit in den Szenen, in denen er fehlt, doch bemerkt wird.

"Little Miss Sunshine" gelingt das im Indie-Bereich, was zwar selten aber trotzdem auch Mainstream-Blockbuster von Zeit zu Zeit schaffen: Eine fabulöse Umsetzung kann auch eine sattsam bekannte Situation bzw. ihre ebenso bekannten Figurblaupausen in wunderbares, erfolgreiches Genre-Kino verwandeln. Zum ganz großen Klassiker reicht es da dann nicht, aber zumindest zu einem voll und ganz gelungenen Kinoabend, aus dem einen die absurden, witzigen, traurigen Abenteuer der Hoovers seltsam gutgelaunt entlassen. Das wohl mit den düstersten Einlagen durchsetzte Feelgood-Movie des Jahres, und auch eins seiner filmischen Highlights.

S. Staake

 


Name: Kaba
Email: ydwk@ywk.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Hab den Film im Original in den USA gesehn und muss sagen, ich stimme in fast allen Punkten mit der Rezension hier überein.
Fazit: Reingehen!



Name: Alexispap
Email: jamesbondlebt@web.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Der absolut beste Film seit langem. Ich habe allerdings die englische Originalversion mit Untertiteln gesehen und bezweifle stark, dass der Film in der Synchro-Fassung seinen subtilen Humor und seine Vielschichtigkeit was die Charaktere betrifft beibehalten kann.
Aus psychologischer Sicht ein Meisterwerk. Moral,Pflicht, Erfolg, Tugend, Positivität trifft auf Lustlosigkeit, Depressivität, Schweigsamkeit und zusammen wiederum treffen diese Personalisierungen auf den Hedonismus und die Altersweisheit.
Alles in allem wird die Familie und somit der Film von der fast immer unerschütterlich strahlenden Olive zusammengehalten, die von den schwierigen Familienkonstellationen scheinbar unbeeindruckt ein gesundes Leben führt. Der Clou des Films besteht aus dem Kampf des Lebensbejahenden in uns allen mit dem Lebensueberdrüssigen.
Berührend, komisch, tragisch, zynisch, fröhlich und einfach ein geniales Filmwerk.



Name: Blaumau
Email: Blau@blau.de
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

Ein wunderbarer Film -> einfach reingehen und auf sich wirken lassen->Ich bin ohne viele Infos reingegangen -> und ganz verzaubert und berührt hinausgegangen



Name: Blaumau
Email: Blau@blau.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

10 von 10



Name: ich
Email: ich@ich.net
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

ein wirklich toller film. nicht so ein film wie die anderen. etwas ganz neues. ihr müsst ihn euch einfach ansehen



Name: priscilla2603
Email: priscilla2603@web.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

"das hat man alles schon gesehen" kann man auch netter "klassisches drehbuch" nennen und dieses ist einfach viel viel besser verfilmt als bei anderen versuchen tragik und komik zu mixen. wahrscheinlich wirklich eine sache des timings und die schauspieler sind allesamt super - man kann fast die gedanken der charaktere lesen, sehr wahrhaftig, die dialoge sind komplett nachvollziehbar!! zu traurige momente werden abgewendet indem einfache lösungen präsentiert werden statt die personen stundenlang in ihrem unglück zaudern zu lassen - so geht man entspannt und gut gelaunt aus dem kino - schließlich sind diese lösungen für den zuschauer gedacht und zwischendrin kann man sich noch ein bisschen selber leid tun dass man nicht schon früher drauf gekommen ist.



Name: leachim
Email: -
Bewertung:                   (8 von 10 Digital Eyes)

Wenn ich ehrlich bin gehe ich bei Komödien eher in die des Mainstreams. Die Kritiken von Filmkritikern und vom Pubklikum für LMS waren aber so gut, dass ich hier eine Ausnahme machte. Habe den Kinobesuch auch nicht bereut. Der Film ist sehr unterhaltend und für Komödien (hier wohl eher Satire) mit sehr viel Tiefgang. Der krassierende Schönheitswahn, die Darstellungssucht, sein Können vor anderen präsentieren zu wollen (kennen wir auch von DSDS)und diese hier vom Vater ausgehende nervige Siegermentalität, die in diesem Film Gott sei Dank nicht in einem mainstream-ähnlichen Happy End mündet, werden dem Zuschauer mehr oder weniger offen unter die Nase gehalten.