Inglourious Basterds

kriegs-groteske, usa/d 2009
original
inglourious basterds
regie
quentin tarantino
drehbuch
quentin tarantino
cast

christoph waltz,
brad pitt,
daniel brühl,
diane krüger,
melanie laurent,
august diehl,
eli roth, u.a.

spielzeit
153 min.
kinostart
20.08.2009
homepage
www.inglourious-basterds.de
bewertung

(9/10 augen)




 

 

 

 


 



Filmszene-Special: Interviews mit >>> Quentin Tarantino
>>> Daniel Brühl
>>> Diane Kruger
>>> Christoph Waltz

 

Man beklagt mittlerweile ja gerne mal, dass der Begriff "Kult" arg überstrapaziert ist und inflationär verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Namen Quentin Tarantino ist es allerdings kaum möglich auf diese Klassifizierung zu verzichten, denn wenn dessen Filme und ihre fanatische Fangemeinde kein "Kult" sind, was denn bitte dann? Wobei sich das Ganze in diesem Fall nicht etwa nur in einer kleinen Fanboy- und Genre-Ecke abspielt, sondern der Meister schon seit "Pulp Fiction"-Zeiten regelmäßig seine Werke bei den Filmfestspielen in Cannes vorstellt. Dort gab es dieses Jahr auf seine mit Spannung erwarteten "Inglourious Basterds" zwar geteilte Reaktionen, aber auch einen überraschenden Darsteller-Preis für den bisher international eher unbekannten Christoph Waltz. Wer den Film gesehen hat, wird nicht ernsthaft anzweifeln können, dass zumindest Letzteres völlig zu Recht erfolgte. Und auch was den Film selbst betrifft, ist es schwer von diesem nicht fasziniert und beeindruckt zu sein.

"Inglourious Bastards" hieß ein wilder Action-Streifen aus der italienischen B-Picture-Schmiede der 70er Jahre, in dem u.a. Raimund Harmstorf sein Unwesen trieb und der hierzulande als "Ein Haufen verwegener Hunde" nur in Insiderkreisen einige Bekanntheit erreichte. "Inglourious Basterds" nennt nun auch Tarantino (aus Begeisterung über diesen Titel, wie er uns im Interview verriet, und mit zusätzlich ergänztem Rechtschreibfehler) den ersten "Kriegsfilm" seiner Karriere und führt damit gleich mal auf eine falsche Fährte. Denn die raue Einsatztruppe des US-Leutnants Aldo Raine (Brad Pitt) eignet sich zwar mit ihrer Jagd auf Nazi-Skalps eigentlich hervorragend als Filmhelden, spielt hier aber im Grunde nur eine größere Nebenrolle. Die wirklich interessanten und wichtigen Charaktere befinden sich jedoch sämtlichst auf deutscher und in einem Fall auch auf französischer Seite - und diese wurden vom Regisseur auch bemerkenswert konsequent mit Darstellern eben dieser Nationen besetzt. Das führte dann nicht nur dazu, dass man den Film praktischerweise gleich komplett in den Babelsberg Studios in Potsdam drehte, sondern auch zu einem beachtlichen Aufmarsch deutscher Schauspieler, die hier die seltene Gelegenheit bekommen sich einem weltweiten Publikum zu präsentieren und diese Chance auch durchweg nutzen.

Daniel Brühl ist der deutsche Kriegsheld Fredrick Zoller, der vergeblich versucht mit seinen Taten als Scharfschütze bei der hübschen Französin Shosanna (Melanie Laurent) Eindruck zu schinden. Die kann sich aber nicht dagegen wehren, dass ihr kleines Kino kurzerhand für die Premiere des Films ausgewählt wird, in dem ihr lästiger Verehrer seine erste Hauptrolle spielt. Zu Gast sein wird dann die personelle Spitze des deutschen Reichs höchstpersönlich, inklusive Propagandaminister Joseph Goebbels und eventuell sogar dem Führer selbst. Es ist jedoch nicht zuletzt die Anwesenheit des "Judenjägers" Hans Landa (Christoph Waltz), die in der jungen Frau die Idee wachsen lässt, ihr Filmtheater für eine Attacke auf die Besatzer zu nutzen, hat dieser Mann doch vor Jahren ihre Familie ausgelöscht. Aber Shosanna ist nicht die Einzige mit diesem Plan, denn gleichzeitig tut sich auch die erwähnte Spezialeinheit mit der berühmten deutschen Filmschauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) zusammen. Bei einem geheimen Treffen, an dem auch der zu den "Basterds" übergelaufene Deutsche Hugo Stiglitz (Til Schweiger) beteiligt ist, kommt es jedoch zur Konfrontation mit dem wachsamen Nazi-Major Hellstrom (August Diehl), und das Unternehmen steht plötzlich auf Messers Schneide.

Diese über zweieinhalb Stunden laufende Geschichte wird von Tarantino in fünf einzelnen Kapiteln erzählt, jedes mittels einer Schrifttafel benannt, so wie man es bereits von seinen anderen Werken kennt. Allerdings verzichtet der Regisseur, der natürlich wie stets auch sein eigener Autor ist, dieses Mal auf eine verschachtelte, nicht-chronologische Erzählweise. Dass Tarantino eines seiner typischen Stilmittel also auch einfach mal weglassen kann und nicht in kompletter Selbstverliebtheit verharrt, ist beruhigend und verstärkt den Glauben daran, dass dieser Mann nicht nur einen Plan hat und weiß was er tut, sondern sich dabei eben auch immer noch weiter entwickelt. In Bezug auf seine Dialoge scheint eine Weiterentwicklung indes kaum noch möglich, sitzen die doch hier in jeder einzelnen Minute gestochen scharf. Da wir uns diesmal nicht in einer der lakonisch-coolen Gangsterwelten des Filmemachers befinden, sondern in einer bedrohlichen Umgebung, bei der jedes falsche oder verräterische Wort das Leben kosten kann, legt sich über die einzelnen Szenen zusätzlich eine Spannung wie man sie so nur selten erlebt. Hier weist bereits die Eröffnungsszene den Weg, in der man jeden Moment nur darauf wartet, dass der weltmännisch und freundlich-jovial auftretende Oberst Landa beim Verhör eines schwitzenden französischen Bauern die Maske fallen lässt und sein wahres grausames Gesicht zeigt. Jedes Einzelne der fünf Kapitel ist aufgrund dieser Dialoge und auch dank der beteiligten Darsteller ein für sich stehendes Kabinettstückchen, das man nicht anders als brillant bezeichnen kann.

Die Konsequenz des Regisseurs wurde ja bereits erwähnt und findet ihren Höhepunkt in der Entscheidung, alle Figuren in ihrer jeweiligen Landessprache oder gegebenenfalls multilingual agieren zu lassen. Was dann dazu führt, dass in diesem Film teilweise eine halbe Stunde am Stück deutsch gesprochen und so dem internationalen Publikum über weite Strecken eine Untertitelung zugemutet wird. Kommerziell sicher riskant, aber für die Authentizität und Überzeugungskraft des Gezeigten unendlich wertvoll.
Das Schauspieler-Ensemble verzeichnet keinen einzigen Ausfall, agiert von bewusst überzogen (Brad Pitt mit heftigem Südstaatenakzent) über solide (Kruger, Schweiger, Brühl) bis ausgezeichnet (Laurent, Diehl). Wobei in dieser Aufzählung ein Name fehlt, dessen Leistung sich nicht so einfach in einem Halbsatz abhaken lässt. Denn was der bisher fast ausschließlich aus TV-Filmen wie einer Roy Black-Biographie (!) bekannte Österreicher Christoph Waltz hier in der Rolle des genauso kultivierten wie brutalen SS-Oberst Hans Landa abliefert, ist ganz großes Schauspieler-Kino, möglich gemacht durch die Schaffung einer Figur, die nach Aussagen des Schauspielers selbst auch einem Vergleich mit Shakespeareschen Dimensionen standhält. Und auch wenn man da eine gewisse Befangenheit in der Freude des Künstlers über diesen unverhofften Erfolg vermuten darf, ist diese Behauptung nicht einfach so von der Hand zu weisen.

Wenn es etwas zu bemängeln gibt, so wäre das die Erkenntnis, dass diesmal die einzelnen Erzählstränge nicht hundertprozentig zu einem stimmigen und runden Ganzen zusammengeführt werden, sondern eher für sich glänzen. Oder dass es einige wenige Momente gibt, die nicht vollständig die beabsichtigte Wirkung erzielen können. So verpufft beispielsweise die mit viel Brimborium veranstaltete Einführung des gefürchteten "Bären-Juden" (dargestellt von Regie-Kollege Eli Roth, "Hostel") recht wirkungslos. Die Tarantino-typischen Übertreibungen und Absurditäten sind ansonsten zwar auch vorhanden und es darf auch immer mal wieder gelacht werden, dies allerdings so wohl dosiert und passend, dass es die seriöse und packende Grundstimmung der einzelnen Sequenzen nicht zerstört.
Zu der hier gar nicht mal so extrem ausufernden Gewaltdarstellung kommt die bekannte dialogische Detailbesessenheit, hier am denkwürdigsten in der genauen Sezierung eines Stücks Kuchen, genauer gesagt eines "Strudels", und in den beiläufig eingeworfenen Kommentaren zur deutschen Filmproduktion der 30er und 40er Jahre. Hier beweist Tarantino, dass er sich auch in diesem Gebiet hervorragend auskennt und nimmt Bezug auf die Werke von Emil Jannings, Lilian Harvey, G.W. Pabst oder auch Leni Riefenstahl.

Die Liebe und Verehrung fürs Kino sind in diesem Film jederzeit zu spüren und finden ihren Höhepunkt im Schlusskapitel, welches mit einer großartigen Filmmontage aufwartet und uns am Ende glauben macht, dass das Kino einfach alles vermag, sogar die Weltgeschichte neu zu schreiben. Was für eine Vision, was für ein Film!

V. Robrahn