Eierdiebe

tragikomödie, brd 2003
original
 
regie
robert schwentke
drehbuch
robert schwentke
cast:

wotan wilke möhring,
janek rieke,
julia hummer,
antoine monot jr., u.a.

spielzeit
87 min.
kinostart
22.01.2004
homepage
www.eierdiebe-derfilm.de
bewertung

(8/10 augen)





 

 

 

 



 


"Tumor ist, wenn man trotzdem lacht" sagt Martin zu seinem Bruder Roman, während die beiden auf einer Parkbank sitzen und den Schock von Martins gerade diagnostiziertem Hodenkrebs mit einem hübschen Joint und viel Galgenhumor zu bekämpfen versuchen. Dass Lachen manchmal die beste Medizin ist, diese alte Weisheit ist auch Robert Schwentke, Regisseur und Autor von "Eierdiebe", bekannt, der seine eigenen Erfahrungen im Kampf mit Hodenkrebs zu einer kleinen, feinen schwarzen Komödie verarbeitete - einem der gelungensten deutschen Filme der letzten Zeit.

Nachdem Martin (Wotan Wilke Möhring) eines seiner kostbaren Eier bereits operativ entfernt wurde, und sich der Krebs weiter auszubreiten droht, entscheidet er sich gegen eine rettende Operation - die ihn potentiell zeugungsunfähig und impotent zurücklassen würde - und für eine Chemo-Therapie. Auf der Krebsstation des Krankenhauses wird er ins Zimmer von Nickel (Janek Rieke) und Harry (Antoine Monot jr.) gelegt, ein gewöhnungsbedürftiges Duo, das in grenzenlosem Sarkasmus den ganzen Tag Splatterfilme guckt. Mitgefühl gibt es weder vom pragmatischen Klinikpersonal noch von den von der Situation völlig überforderten Familienangehörigen, den einzigen Halt findet Martin in seiner Freundschaft zu Susanne (Julia Hummer) - ein hoffnungslos erkranktes Waisenkind.
Das klingt soweit alles schrecklich deprimierend, und wäre es vermutlich auch geblieben in der Hand eines Regisseurs ohne entsprechende persönliche Erfahrung. Doch Robert Schwentke war da, hat das alles mitgemacht, und zertrümmert mit beeindruckender Konsequenz jeden Hauch von tränenrührigem Sterbedrama ebenso wie jedes Klischee aus der Krankenhaus-Serienkiste: kein junger, ambitionierter Arzt, der wahre Wunder vollbringt, keine treue Seele von einfühlsamer Krankenschwester, die sich eventuell auch noch für einen Liebesplot anbieten würde. Wer weiß, wie die klinische Realität wirklich aussieht, wird an "Eierdiebe" seine Freude haben: Mediziner und Pflegepersonal - die wahrscheinlich abgehärtetste Berufsgruppe überhaupt - glänzen hier mit lakonischer Gleichgültigkeit und haben nicht den kleinsten Funken Mitgefühl übrig. Trocken und pragmatisch verschwindet der Urologen-Finger für die Prostata-Untersuchung im Allerwertesten, werden bei der Chemo-Therapie die benötigten Kotz-Schalen verteilt, und der Patient vor versammelter Visitencrew dazu angehalten, das Zurechtrücken seiner Hodenprothese zu üben.
Der Vorteil eines derart offensiv gefühlskalten Systems: Die Patienten lernen, sich aneinander festzuhalten - denn einen anderen Halt kriegen sie nicht - und bekommen gleichzeitig auch noch einen hervorragenden Gegner serviert: So wird die Rebellion gegen die klinische Bürokratie für Martin und seine neue Clique mit fahrbarem Tropf zur Frage des persönlichen Stolzes, und gibt den dringend benötigten Lebensgeist. "Ich will mein Ei zurück", das ist die simple und trotzdem gar nicht so einfache Mission Martins, der zusammen mit Nickel, Harry und Susanne Pläne schmiedet, um seinen verlorenen Hoden aus der korrekten Archivierungs- und Aufbewahrungsmaschinerie für entfernte Organe zu befreien.

Davor und dazu gibt es jede Menge trockenen Witz, mit dem Schwentke in bester britischer Tradition erfolgreich den Schrecken des alltäglichen Elends zu brechen versteht. Selbst wenn Mann oft nur noch leicht gequält mitlachen kann bei soviel offen vorgetragener Kastrations- und Potenzangst: Schwentkes Taktik geht optimal auf und hält dabei trotzdem die perfekte Balance zwischen Komik und Tragik, denn bei allem Humor kann man das omnipräsente Sterben dann doch nicht verstecken. So nimmt auch Harrys und Nickels endloser Konsum von Splatter-Videos eine besondere Note an, eignet sich die dortige Überinszenierung von Schmerz und Tod doch hervorragend zur Relativierung und Verdrängung des eigenen Leidens.
Ein weiterer Glücksfall für "Eierdiebe" ist die Besetzung mit brillanten Darstellern aus der zweiten Reihe des deutschen Kinos: Wotan Wilke Möhring ist dem breiten Publikum höchstens bekannt als chronisch fluchender Dauerkiffer Frank aus "Lammbock" und im Kontrast dazu hier kaum wieder zuerkennen, präsentiert allerdings eine schauspielerische Glanzleistung, die subtil und mit minimalen Gesten das gesamte Gefühlsspektrum seiner Situation wiederzugeben weiß. In ähnlicher Brillanz wieder an Möhrings Seite ist (wie in "Lammbock") Antoine Monot jr., der - diesmal als quasi wortlos bleibender Harry - mal wieder kurz davor steht, allen anderen die Show zu stehlen, und sich inzwischen als deutsche Idealbesetzung für Nebenrollen jeder Art etabliert hat. Mit dem ebenfalls hervorragenden Janek Rieke ist das Kahlkopf-Trio perfekt, und wird vom Fräuleinwunder Julia Hummer als Susanne natürlich fabulös ergänzt.

Und so stimmt bei "Eierdiebe" dann eigentlich alles: Ein Klasse-Ensemble in einer erfrischend gegen den Strich und mit schmutzigem, köstlichem Galgenhumor erzählten Geschichte, die ihr anfängliches Tempo nie einbüßt und dazu auch noch visuell elegant inszeniert ist. Wenn es überhaupt einen Grund zur Klage gibt, dann höchstens den: Mit 87 Minuten ist "Eierdiebe" viel zu kurz und kommt auch dadurch zu einem überschnellen Ende, das ein bisschen Entzerrung durchaus verdient gehabt hätte. Wie eigentlich der ganze Film, denn so stimmig und harmonisch kommt hierzulande nur selten eine Produktion daher.

F.-M. Helmke

 


Name: Muellcraft
Email: muellcraft@mapscene.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Genial, wirklich klasse. Der Witz und die Dramatik sehr gut miteinander verbunden.
Herausragende deutsche Kunst, natürlich im Ausland niemals gewürdigt. Der kriegt den Muellcraft Qualitäts Preis für herausragende Leistung auf dem Gebiet der Filmologie. Respekt an Buchautor, Regisseur und Darsteller.



Name: Quaa-Lutz
Email: LM200971@aol.com
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

Einfach klasse dieser film.
habe selbst mehrere jahre in den usa studiert und gearbeitet und kam dann mit hodenkrebs nach deutschland zurück.
dieser film ist realität.
warte immernoch auf die dvd, besuch im kino ist schon fast ein jahr her.



Name: Inga73
Email: inga73@web.de
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

Wo gibt es den Film zu kaufen? Ein Betroffener wünscht sich, diesen Film zu sehen. Suche schon lange vergeblich. Ist bestimmt gut.



Name: Jo
Email: schnippisschnapp@web.de
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

Wirklich nicht schlecht, habe den Film damals im Kino gesehen, leider lief er nie in den großen Film-Palästen, nur in kleinen Szenene-Kinos. Als Betroffener wollte ich den Film unbedingt sehen - auch so eine Art das Vergangene aufzuarbeiten.
Sicherlich an manchen Stellen etwas übertrieben, aber auf jedem Fall SEHENSWERT!
Fazit: Tumor ist wenn man trotzdem lacht



Name: hans Wurst
Email: hans-wurst@web.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

Ich habe den Film gesehen weil mir vor monaten beide "eier" "geklaut" wurden und ich jetzt impotent bin



Name: lehmeister
Email: abseilmaxe@yahoo.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

..."tumor ist, wenn man trotzdem lacht". eine bessere tragik-(beinahe) komödie. hat die deutsche und internationale filmlandschaft wahrscheinlich noch nie gesehen. gerade in bezug auf den gesellschaftlichen und ganz individuellen umgang mit dem thema krebs ist dem ganzen team um robert schwentke eine nahezu revolutionäre reflektion persönlicher leidenswege gelungen, auch wenn aus medizinfachlicher perspektive einiges mit einem ausdrücklichen "naja..." belegt werden muß (da hätte eine engere kooperation mit guten onkologen sicher nicht geschadet). so sensibel der ganze casus auch sein mag und so tragisch auch sein ausgang - dieser streifen gehört in die welt! DANKE allen, die diese filmische perle an´s licht geholt haben!



Name: Johannes
Email: ma-kh.grill@web.de
Bewertung:                 (7 von 10 Digital Eyes)

stimme der kritik zu...allerdings hat mich die handlung zu filmmitte ein bisschen enttäuscht...dafür schauspieler und witz bzw. dramaturgie große klasse...wirklich sehenswert!



Name: aldi
Email: aldifreak@gmail.com
Bewertung:                     (9 von 10 Digital Eyes)

@inga76

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B000B9PUXM/qid%3D1137514539/302-4814864-1662437

da gibts die dvd zu kaufen...

ein wirklich genialer film



Name: fred
Email: fred2974@lycos.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

Richtig genial der Film. Auch wenn es ein trauriges Thema ist.



Name: Axel
Email: aksel@sags-per-mail.de
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

Wer bislang dachte, richtig rabenschwarzer Humor könne nur britischen oder jüdischen Ursprungs sein, wird sich bei diesem deutschen Film verwundert die Augen reiben. Bösartig und dennoch traumwandlerisch sicher nie den schmalen Grat zwischen Tragik und Komik verlassend, haben sich die "Eierdiebe" auf einen Stammplatz in meinem persönlichen Filmolymp katapultiert.
Neben toller Kameraführung zudem auch nette kleine Filmzitate, z.B. Jacques Tatis 'Bullaugenfenster' in der Pathologieszene. Und erinnert das lakonische "Ich will mein Ei zurück !" nicht irgendwie an Lee Marvins nachdrückliche Forderung "I want my money back." in "Point Blank ?



Name: Alexander
Email: BHDFreak666@aol.com
Bewertung:                       (10 von 10 Digital Eyes)

Super genialer Film auch wenn ich danach traurig war.