Der seltsame Fall des Benjamin Button

drama, usa 2008
original
the curious case of benjamin button
regie
david fincher
drehbuch
eric roth
cast

brad pitt,
cate blanchett,
julia ormond,
taraji p. henson,
tilda swinton, u.a.

spielzeit
165 min.
kinostart
29.01.2009
homepage
www.benjaminbutton-derfilm.de
bewertung


(8/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Die Idee, die der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald 1922 in einer seiner Kurzgeschichten verarbeitet hat, scheint einfach wie geschaffen fürs Kino: Ein Mann wird im Körper eines Greises geboren und im Laufe seines Lebens immer jünger, bis er schließlich als Säugling stirbt. So stark ist die Unaufhaltsamkeit des menschlichen Alterungsprozesses trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte als unveränderliche Konstante in unsere Köpfe eingebrannt, dass die Vorstellung der in der Realität natürlich unmöglichen Umkehrung dieses Prozesses automatisch eine große Faszination auf uns ausübt. Auch Hollywood war schon lange von der Idee fasziniert, diese Verjüngung auf der Leinwand sichtbar zu machen, doch erst Regisseur David Fincher gelang es, das Projekt ins Rollen zu bringen.

Der Inhalt ist mit obigem Satz eigentlich schon treffend umrissen, soll aber der Vollständigkeit halber noch einmal detaillierter erläutert werden: In New Orleans kommt Benjamin Button 1918 genau an dem Tag zur Welt, an dem der erste Weltkrieg endet. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, sein Vater (Jason Flemyng) setzt das Kind, entsetzt über dessen abnormes Aussehen, auf den Stufen eines Altersheims aus. Dort wird der Junge von Queenie (Taraji P. Henson), der Leiterin des Heimes gefunden, die das Baby trotz seines greisenhaften Äußeren sofort ins Herz schließt und bei sich aufnimmt. Benjamin wächst fortan im Altersheim unter all den anderen Bewohnern auf, von denen er sich kaum zu unterscheiden scheint. Körperlich gleicht er einem etwa 80-jährigen Mann, im Geiste ist er jedoch noch ein Kind. Prognostizieren die Ärzte anfangs noch, er sei in äußerst kritischer Verfassung und werde bald sterben, stellt sich allmählich doch heraus, dass es etwas Besonderes mit Benjamin auf sich hat. Er lernt laufen, wird kräftiger und bald dämmert es auch Queenie, dass Benjamins körperliche Entwicklung der von anderen Menschen entgegengesetzt verläuft.
Eines Tages lernt Benjamin Daisy, die sechsjährige Enkelin einer der Heimbewohnerinnen kennen. Trotz ihrer äußerlichen Unterschiede freunden sich die beiden sofort miteinander an, da Daisy erkennt, dass sich hinter Benjamins Äußeren die Seele eines Kindes verbirgt. Als Benjamin schließlich das Greisenalter hinter sich gelassen hat (und nun von Brad Pitt gespielt wird), beschließt er, das Altersheim zu verlassen und hinaus in die Welt zu ziehen. Im Laufe seines Lebens lernt er die unterschiedlichsten Menschen kennen, doch immer wieder zieht es ihn zurück zu Daisy (Cate Blanchett), die als Balletttänzerin Karriere macht.

Soweit also zur Handlung. Doch worum es in "Benjamin Button" genau geht, mag für jeden Cineasten erst einmal zweitrangig sein, schließlich lässt hier allein die Kombination aus Regisseur und Hauptdarsteller aufhorchen. David Fincher und Brad Pitt haben zusammen mit "Sieben" und "Fight Club" Kinogeschichte geschrieben und die Sehgewohnheiten des Publikums gehörig umgekrempelt. Da liegt die Messlatte für das dritte gemeinsame Werk doch verdammt hoch, ja eigentlich: unerreichbar hoch. Ob Fincher nun diesen Druck gespürt haben mag oder nicht, mit "Benjamin Button" hat er jedenfalls einen Film gedreht, der auf den ersten Blick so gar nicht zu seinen bisherigen Werken zu passen scheint.
Der Mann, von dem wir bisher dachten, er sei zuständig fürs Düstere, Pessimistische und in dessen Filmen selten die Sonne schien, aber dafür umso mehr Regen auf die Straßen prasselte, dieser Herr Fincher also wagt sich nun an ein episches Drama mit einer gehörigen Portion Romantik? Ja, das tut er und sichert sich damit als äußerst willkommenen Nebeneffekt auch noch die Aufmerksamkeit der Filmschaffenden Hollywoods in dem Maße, wie es die weniger massentauglichen Filme "Sieben" und "Fight Club" eigentlich auch schon verdient gehabt hätten. Die überraschend hohe Anzahl von 13 Oscar-Nominierungen für "Benjamin Button" - unter anderem in den Kategorien Regie, Hauptdarsteller und als bester Film - entschädigt vielleicht ein bisschen dafür, dass Finchers Meisterwerke in den 90ern bei den Verleihungen so kläglich übergangen worden sind.
Aber nicht nur die Grundstimmung des Films ist dieses Mal wie erwähnt eine andere, sondern auch Finchers Inszenierungsstil. Der ist nämlich erstaunlich zurückhaltend, konventionell und geradlinig - auch wiederum verglichen mit früheren Werken, die technische Spielereien wie eine dank CGI-Unterstützung den Gesetzen der Physik trotzende Kameraführung zu Finchers Markenzeichen werden ließen. Bereits in "Zodiac" schien der Regisseur sich von derartigen Mätzchen weitgehend abzuwenden, und in "Benjamin Button" kommt zwar auch wieder reichlich der Computer zum Einsatz, doch dieses Mal hauptsächlich um Brad Pitt nach und nach jünger aussehen zu lassen, was wirklich fantastisch gelungen ist. Man muss wohl auf die DVD warten, um herauszufinden, inwieweit Pitts Verjüngung den Maskenbildnern und inwieweit sie den Tricktechnikern zu verdanken ist, aber fest steht, dass auf dem Gelingen dieses Effekts die Glaubwürdigkeit der ganzen Geschichte fußt. Eine solche handwerkliche Perfektion darf man bei einem Fincher-Film ruhig erwarten und es gibt wie gewohnt von technischer Seite her überhaupt nichts zu meckern.
Auch die Alterung der anderen Figuren erscheint absolut glaubwürdig, Kameramann Claudio Miranda liefert wunderschöne Bilder und vor allem die Set- und Kostümdesigner könnten allein anhand dieses Films demonstrieren, worin ihr Beruf besteht. Nicht nur die handelnden Personen wandeln sich hier über die Jahre, sondern auch die Schauplätze altern über die Jahrzehnte und jede Epoche wird mit den für sie typischen Mode- und Designelementen in akribischer Detailarbeit auf die Leinwand gebracht.

Technisch also in jeder Hinsicht brillant, darf man auch auf erzählerischer Ebene Großes von "Benjamin Button" erwarten, stammt das Drehbuch doch von Eric Roth, einem der verlässlichsten Schreiber Hollywoods, der für "Forrest Gump" auch schon einen Oscar im Schrank stehen hat. Ähnlichkeiten zwischen beiden Filmen sind kaum von der Hand zu weisen; ferner erinnert die Handlung von "Benjamin Button" - ein sympathischer Sonderling schlägt sich durch die Weltgeschichte und lernt einen Haufen skurriler Persönlichkeiten kennen - auch an "Big Fish" oder die großen Romane von John Irving. Roth scheint Spezialist für Drehbücher zu sein, die die Schicksale von Einzelpersonen mit Zeitgeschichte und gesellschaftlichen Veränderungen in Beziehung setzen ("Der gute Hirte"), was ihm auch hier wieder hervorragend gelingt, auch wenn die Geschichte sich in der Filmmitte dann doch ein wenig in die Länge zieht.
Kurioserweise erweist sich der zentrale Clou der Geschichte - Benjamins umgekehrter Alterungsprozess - auf der Handlungsebene als gar kein so großer und man kann sich zumindest fragen, ob denn der insgesamt ohne große Überraschungen auskommende Film mit einer normal alternden Hauptfigur nicht ganz ähnlich funktioniert hätte. Immerhin scheint sich hier die Verbindung zu früheren Fincher-Filmen zu finden: Wieder einmal geht es in "Benjamin Button" um eine Person, der die Kontrolle über das eigene Leben entzogen ist.

Aus dieser eigentlich tragischen Ausgangslage haben Eric Roth und David Fincher aber keine tieftraurige, pessimistische Erzählung gemacht, sondern einen Film, in dem sich Komik und Tragik immer wieder die Hand reichen - von der Rahmenhandlung, in der eine im Sterben liegende Daisy sich von ihrer Tochter (Julia Ormond) aus Benjamins Tagebuch vorlesen lässt bis hin zum wirklich witzigsten Running-Gag eines Films in den letzten Jahren. Die Darsteller überzeugen dabei alle auf ganzer Linie, was bei Cate Blanchett, deren Schauspiel wie gewohnt beeindruckt, keine so große Überraschung darstellt, bei Brad Pitt aber vielleicht schon eher. Pitt legt die Gestaltung seiner Figur äußerst subtil und zurückhaltend an und erlangt gerade dadurch Glaubwürdigkeit; auch auf darstellerischer Ebene wird hier also großer Wert auf Realismus gelegt und überladen wirkende Gefühlsausbrüche vermieden, was dem Film wirklich gut tut.
Tilda Swinton hat eine kleine, aber in Erinnerung bleibende Rolle als Benjamins Geliebte auf Zeit; davon abgesehen beeindrucken vor allem Taraji P. Henson als Queenie und die Kinderdarstellerin Elle Fanning, die Daisy als Sechsjährige spielt und bei der es sich um die Schwester von Dakota Fanning ("Krieg der Welten") handelt, in deren Familie das Gen für die Schauspielbegabung wohl äußerst großzügig verteilt worden ist.

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" bietet also auf allen Ebenen Hollywood-Handwerk auf höchstem Niveau. Dennoch, ein Grenzen sprengendes Werk wie seinerzeit mit "Sieben" oder "Fight Club" ist David Fincher dieses Mal nicht gelungen. Das kann und muss natürlich auch nicht immer wieder der Fall sein, aber es wirkt fast ein bisschen so, als sei dieser Film Finchers bewusste Anlehnung an den Mainstream. Im Gegensatz zu den genannten Vorgängern bietet nämlich "Benjamin Button" nichts, was man nicht schon anderswo gesehen hat (abgesehen vielleicht von Brad Pitts wundersamer Verjüngung) und ist damit sicherlich der bislang massenkonformste und kommerziellste Film des Regisseurs. Das dürfte auch erklären, warum David Fincher dieses Mal die volle Aufmerksamkeit der Academy zuteil wurde. Wollen wir diese Tatsache hier mal zum Anlass nehmen, ihm zum einen viel Erfolg bei der Oscarverleihung zu wünschen, zum anderen aber auch, dass sein nächster Film inhaltlich wieder etwas mehr Kompromisslosigkeit zeigt.

M. Schröter