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The Rider

The Rider
westerndrama , usa 2017
original
the rider
regie
chloé zhao
drehbuch
chloé zhao
cast
brady jandreau,
tim jandreau,
lilly jandreau,
lane scott,
cat clifford, u.a.
spielzeit
104 Minuten
kinostart
21. Juni 2018
homepage
bewertung

8 von 10 Augen
The Rider

Brady Blackburn (Brady Jandreau) lebt mit seinem Vater Tim (Tim Jandreau) und seiner Schwester Lilly (Lilly Jandreau) in ärmlichen Verhältnissen in einem Trailer in einer kargen und abgelegenen Ecke Süd Dakotas. Seine große und einzige Leidenschaft ist das Rodeoreiten. Wir treffen Brady, als er aus dem Krankenhaus zurückkommt, mit einer riesigen Narbe am Kopf. Ein Pferd hat ihn abgeworfen und ihm mit seiner Hufe den Schädel zertrümmert. Nun sind Brady das Rodeo oder überhaupt das Reiten verboten und der junge Mann weiß nicht, was er mit seinem Leben anstellen soll. Eine Beschäftigung als Pferdetrainer ist nur scheinbar eine Lösung und schließlich muss Brady sogar einen schnöden Job im Supermarkt annehmen. Während alle um ihn herum ihn ermutigen, so bald wie möglich wieder in den Sattel zu steigen, muss sich Brady an die Vorstellung gewöhnen, dass dies vielleicht nie wieder der Fall sein wird...
 

Die Jandreaus sind die Blackburns – es ist kein Zufall, dass sie dieselben Vornamen wie ihre Darsteller haben, wie übrigens so gut wie alle Darsteller hier. Denn Chloé Zhaos Westerndrama ist so etwas wie eine retrospektive, an diversen Stellen mehr oder weniger fiktionalisierte Dokumentation, in der sich alle gleich selbst spielen bzw. leicht fiktionalisierte Versionen ihrer selbst. Ähnliches hat ja vor kurzem Clint Eastwood in „15.17 to Paris“ mit relativ desaströsem Resultat probiert. Zhaos Film ist da anders, alle diese nichtprofessionellen Darsteller haben eine natürliche Autorität in ihren Rollen, wahrscheinlich weil sie eben das spielen, was sie kennen und können. Und da sich dieses Drama ausgesprochen zurückgenommen und subtil gibt, braucht es eben auch keine besonderen Schauspielkünste für irgendwelche besonders dramatischen Szenen. Und mit Hauptdarsteller Brady Jandreau, der in quasi allen Momenten des Films zu sehen ist, hat Zhao einen Rohdiamanten aufgetan, der vermutlich nie wieder schauspielern wird, aber in der Rolle seines Lebens (wortwörtlich) mit einer stillen, brüterischen Art an Heath Ledger in „Brokeback Mountain“ erinnert.

Zhaos Zweitfilm nach „Songs My Brothers Taught Me“ spielt wie dieser im Pine Ridge-Reservat in Süd-Dakota und die Jandreaus/Blackburns sind wie die meisten anderen Darsteller/Charaktere Lakota Sioux-Indianer. Wer dies aber im Voraus nicht weiß, der wird den Großteil dieses Films verfolgen, ohne dass ihm auffällt, dass es sich hier um amerikanische Ureinwohner handelt. Einzig eine Szene, in der Brady in einem Büro für Stammesangelegenheiten nach Arbeit fragt, lässt dies erahnen. Denn Zhaos Film hat kein politisches Anliegen, beobachtet lediglich und kommentiert nicht, zumindest nicht didaktisch und mit erhobenem Zeigefinger. Wer aber um diesen Kontext weiß, der kann die Dinge, die der Film kommentarlos zeigt, besser einordnen. Die Geldsorgen der Blackburns sind etwa umso verständlicher, wenn man weiß, dass sich die ärmsten Gemeinden der gesamten USA im Pine Ridge Reservat befinden.

Und vor diesem Hintergrund wird vielleicht auch klarer, warum sich Brady und seine Freunde so sehr an ihre Träume vom gefeierten Rodeohelden klammern. Aus dem Reservat, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, kommt so gut wie keiner raus. Aber das Rodeo gibt vielleicht die Möglichkeit, oder zumindest ein wenig Ruhm und Ansehen in den Augen der anderen Reservatsbewohner. Wenn da ein paar Teenager Brady im Supermarkt nach einem Autogramm fragen und Brady verschämt versichert, dass der Supermarkt-Job nur eine Übergangslösung ist, braucht man keinen zusätzlichen Kommentar. Ähnliches gilt für die Szenen, in denen Brady fast rituell sein Rodeooutfit mit Halstuch und Cowboyhut anlegt – das Äquivalent eines Superheldenkostüms für diese Gemeinde.

Der Film, dem „The Rider“ am meisten ähnelt, ist einer, der sogar im Titel Paralellen aufweist: „The Wrestler“. Ähnlichkeiten im Storyverlauf und selbst in der Zeichnung eines Milieus, das objektiv nicht sonderlich glamourös ist, aber den Protagonisten die Welt bedeutet, sind offensichtlich. Wo aber „The Wrestler“ in der zweiten Hälfte dann doch ziemlich manipulativ und schamlos (wenn auch erfolgreich!) auf der Gefühlsklaviatur spielte, bleibt „The Rider“ auch dort, wo es anderweitig Tränendrüsendrücken gibt, immer in respektvoller Distanz. Wenn hier etwa ein von Brady geliebtes Pferd erschossen werden muss, schwillt hier nicht gleich die traurige Violinenmelodie an, auch wenn das die entsprechende Szene nicht leichter zu ertragen macht.

„The Rider“ verzichtet wie schon angedeutet fast vollständig auf einen klassischen Plot mit typischem Spannungsbogen. Dafür fängt Zhao mit Hilfe ihres Kameramanns Joshua James Richards fantastische Bilder der Badlands ein – und kleine prägnante Momente aus dem Leben von Brady und seiner Nächsten. Und manchmal auch beides, etwa wenn seine Freunde ihn zu einem nächtlichen Lagerfeuer abholen. Allerdings ist ein Wort der Warnung angebracht: Wer sich nicht auf diese Art von plotarmem Erzählen einlassen kann, wird sich hier zu Tode langweilen, denn das Erzähltempo ist mit gemächlich schon ziemlich freundlich umschrieben. Wer sich allerdings auf „The Rider“ einlässt, wird mit einem wunderbaren Schnappschuss Americana belohnt, dessen besten Momente nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Simon Staake

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