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The Report

The Report
justiz-thriller , usa 2019
original
the report
regie
scott z. burns
drehbuch
scott z. burns
cast
adam driver,
annette bening,
jon hamm,
michael c. hall,
ted levine,
maura tierney, u.a.
spielzeit
119 Minuten
kinostart
7. November 2019
homepage
bewertung

9 von 10 Augen
The Report - Poster

Die größten Streaming-Anbieter positionieren sich schon länger als neue Heimat für anspruchsvolles Kino und geben renommierten Filmemachern die Möglichkeit, Projekte zum Publikum zu bringen, für die Hollywood kein Geld mehr investieren will, weil Prestige sich zu selten in Kassenerfolg übersetzt. Den größten Preis hat allerdings noch niemand gewonnen, und so ist das Rennen weiterhin offen, welcher Streaming-Dienst sich als erster mit dem Oscar für den besten Film schmücken darf. Nachdem Netflix im letzten Jahr mit Alfonso Cuarons „Roma“ nur haarscharf an dieser Ehre vorbeigeschrappt ist, liefern dieses Jahr die Amazon Studios einen heißen Anwärter auf die begehrteste Trophäe der Filmwelt.

The Report„The Report“ erzählt die Geschichte von Daniel Jones, einem Ermittler im Dienst des amerikanischen Senats, der maßgeblich für die Entstehung des umfangreichsten Untersuchungsberichts in der Geschichte des Senats verantwortlich war. Auf über 6700 Seiten fasste Jones seine Ergebnisse der Untersuchung von sechs Millionen Dokumentenseiten an Material zusammen, und ermöglichte damit die Enthüllung der Foltermethoden, die von der CIA infolge von 9/11 in Geheimgefängnissen bei Terrorverdächtigen eingesetzt wurden.

Jones (mehr als Oscar-würdig gespielt von Adam Driver) investierte fünf Jahre Arbeit in diesen Bericht, und mit welcher Selbstaufopferung das einherging, macht „The Report“ schon nach wenigen Minuten eindrucksvoll deutlich. Die erste Aufnahme seines Hauptarbeitsraums in einem tristen Keller vermittelt bereits sehr eindrücklich das Gefühl eines Ortes, der das Leben aus einem raussaugen kann. Ein trostloser, grauer und kalter Ort, der sich mehr wie ein Gefängnis denn ein Arbeitsplatz anfühlt. Und in dem Jones nun freiwillig für die nächsten Jahre den Großteil seines Lebens verbringen wird, im Dienst seiner Aufgabe.

Die subtile Art, wie der Film meisterlich immer wieder diese Aufopferung seines Helden in Andeutungen hervorhebt, ist der emotionale Anker in einem Film, der in seiner Haupthandlung sonst sehr viel juristisches Hickhack zeigen muss. Das könnte arg trocken wirken, wenn man dabei nicht mit der Hauptfigur mitgeht. Doch obwohl Jones in diesen Jahren aufgrund seiner Arbeit kein Privatleben hatte und man im Film davon dann auch nichts sieht, schafft es „The Report“ trotzdem grandios, dass man mit ihm fühlt, obwohl man ihn kaum kennt. Es gibt nur einen kleinen Augenblick im Film, wo Jones in die Nähe einer Umgebung kommt, die Freiheit und echtes Leben atmet. Adam Drivers Blick in diesem Moment, so traurig und sehnsuchtsvoll, kann einem das Herz brechen.

Je länger Jones sich mit den grausamen und perfiden Details des Folter-Programms auseinandersetzt, desto mehr erwacht in einem ursprünglich sehr nüchternen Ermittler Wut und Entschlossenheit. Regisseur und Autor Scott Z. Burns fängt diese Transformation hin zu einem hitzköpfigen Überzeugungstäter und Beinahe-Whistleblower gemeinsam mit Adam Driver in grandioser Präzision ein.

The ReportDrivers kontrolliertes Gegenstück, der kühle Kopf im komplizierten politischen Kampf hin zur Veröffentlichung des Berichts, ist Annette Bening als Senatorin Diane Feinstein, in deren Auftrag Jones arbeitete. Bening hat einen undankbaren Job und muss sehr viele trockene Ermittlungsinfos in der Rolle einer scheinbar enorm kontrollierten Politikerin abarbeiten. Es ist so eine Rolle, mit der man kaum glänzen kann, die aber sehr schwierig überzeugend zu spielen ist. Gerade weil man sich als Darstellerin total zurücknehmen muss. Das macht Benings Leistung und ihre enorme Präsenz umso großartiger. Die Tragweite von Sätzen wie „Beschuldigen Sie die CIA des Mordes?“ in einem völlig sachlich geführten Gespräch muss man erstmal mitspielen können. Benning schafft das.

Mithilfe eines auch ansonsten durchweg herausragend agierenden Casts schafft es „The Report“ in seiner grauen, nüchternen und kalten Handlungswelt auf inszenatorisch herausragende Weise seinen sehr komplexen Ermittlungsplot, der Ereignisse von 2001 bis 2014 umfasst, immens flott und schnörkellos voranzutreiben. Man muss schon ein bisschen aufpassen, aber der Film leistet bemerkenswerte Arbeit darin, sein Publikum nicht die Orientierung verlieren zu lassen bei der Verknappung der damaligen Geschehnisse.

The Report„The Report“ versteckt unter seiner ruhigen Oberfläche, dass er enorm viel Wut im Bauch hat über die unfassbare Unmenschlichkeit bei der Durchführung der „erweiterten Befragungstechniken“ durch die CIA. In seinen stärksten Momenten kanalisiert der Film diese Wut in galligen Humor und macht daraus Farce. Wie wenn die zwei Psychologen, die die Anwendung berühmt-berüchtigter Foltermethoden wie dem „Waterboarding“ empfahlen und schließlich anleiteten, ihre Vorschläge bei der CIA vortragen als wäre es ein Marketing-Pitch, inklusive hübsch gebastelter Akronyme zum Einprägen ihrer Methode. Oder wie die beiden später die Tatsache, dass ihre Methoden zu keinen brauchbaren Erkenntnissen führen, auch noch als Erfolg hindrehen. Oder wenn ein Haufen Anwälte zusammensitzt und eine juristische Verteidigung dafür entwirft, warum die angewandte Folter im Sinne der Menschenrechte eigentlich keine Folter ist (kurz gesagt: Wenn es funktioniert, ist es legal). Das alles ist so unfassbar zynisch, eiskalt und menschenverachtend, dass es einem Schauer den Rücken runterjagt, während man gleichzeitig ungläubig lachen muss: Das kann doch nicht wahr sein…

War es aber. Wie grausam wahr, das erspart „The Report“ seinem Publikum nicht. In einigen deutlichen Szenen zeigt er die Behandlung und Folter, mit denen die CIA die Terrorverdächtigen im Rahmen des Programms psychisch und physisch misshandelte, und das ist schon harter Tobak. Aber diese Bilder sind notwendig, um dem Publikum klarzumachen, um was für unfassbar grausame Vorgänge es hierbei ging, und wie sehr das Ansehen Amerikas und vor allem der CIA durch ihre Veröffentlichung beschädigt wurde.

Es ging schließlich nicht nur darum, dass überhaut gefoltert wurde. Sondern auch darum, dass man damit weitermachte, als bereits klar war, dass dadurch keinerlei neue Erkenntnisse gewonnen wurden und die Folter zum Informationsgewinn vollkommen nutzlos war. Ganz nach der juristischen Verteidigung „Wenn es funktioniert, ist es legal“ wurde weiter gefoltert nicht im Glauben, dass es wirklich Ergebnisse bringt. Sondern in der dürren Hoffnung, dass es wenigstens noch irgendein Ergebnis bringt, was das gesamte Programm dann rückwirkend legitimiert. Eine grausamere, brutalere, unmenschlichere und natürlich ungesetzliche „Cover your own ass“-Taktik kann man sich kaum vorstellen.

The ReportKein Wunder, wie sehr die verantwortlichen Kräfte innerhalb der CIA die Veröffentlichung von Jones‘ Bericht mit allen juristischen Mitteln verhindern wollten. Dieser enervierende und langwierige Kampf nimmt den zweiten Teil des Films ein, und hier verliert „The Report“ ein wenig seines großartigen Tempos, da sich ein Muster aus frustrierend ergebnislosen Verhandlungen und Besprechungen einschleift mit jedem Knüppel, den die CIA Jones und Feinstein zwischen die Beine wirft. Authentisch ja, aber als Film leider etwas repetitiv. Die erste Stunde, die die Entstehung des Berichts und seine Ursprünge zeigt, gehört jedoch fraglos zum Besten, was es dieses Jahr auf der Leinwand zu sehen gibt.

Trotz einer klaren, wütenden Position zu den damaligen Ereignissen präsentiert „The Report“ sehr ausgewogen auch immer die Sichtweise und Motive all jener Kräfte, die der genaueren Untersuchung der CIA-Methodiken im Wege standen oder sie zumindest nicht weiterverfolgten (inklusive Barack Obama). Der Film macht damit deutlich, dass es keine so simple Sache ist, wenn ein Staat juristisch gegen sich selbst vorgeht. Und das so eine Geschichte darum auch nicht zu einfachen Antworten führen kann. „The Report“ ist ein leiser Justiz-Thriller, der seinem Publikum am Ende nicht die Befriedigung echter Gerechtigkeit geben kann. Aber das passt dann auch zur Aufrichtigkeit dieses Films, der nicht verleugnet, dass die Welt der nationalen Sicherheitspolitik ein komplizierter, oft grausamer Ort ist, wo echte Gerechtigkeit nicht zu haben ist. Aber immerhin gibt es dort in grauen, tristen Kellerräumen auch Menschen wie Daniel Jones, die trotzdem niemals aufhören, dafür zu kämpfen.

„The Report“ läuft in Deutschland ab dem 07. November für kurze Zeit in ausgewählten Kinos. Ab dem 29. November ist der Film dann über Amazon Video als Stream verfügbar.

Frank-Michael Helmke

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