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A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando
animations-komödie , usa 2019
original
toy story 4
regie
josh cooley
drehbuch
andrew stanton, stephany folsom
cast
tom hanks,
tim allen,
tony hale,
christina hendricks,
annie potts, u.a.
spielzeit
100 Minuten
kinostart
15. August 2019
homepage
https://disney.de/filme/a-toy-story-alles-hoert-auf-kein-kommando
bewertung

8 von 10 Augen
T 4

Oh, Pixar. Was habe ich euch verflucht, nachdem ich zum ersten Mal von diesem Film gehört habe. Da habt ihr die beste, rundeste und schönste Trilogie aller Zeiten erschaffen – Brillanz von Wolke zu Wolke – und nun werft ihr diese Errungenschaft weg für einen unnötigen Nachklapp mit Woody, Buzz und Co. Und das, nachdem ihr euch in den letzten Jahren mehr durch Franchisepflege mittels diverser Prequels, Sequels und Spin-Offs hervorgetan habt als durch die immer seltener werdene Brillanz toller neuer Ideen. Gut, es gab nochmal Highlights wie „Alles steht Kopf“ und „Coco“, aber eben genau so viele mäßige Ideen und mäßige (Marketing-inspirierte?) Filme. Ein Schelm wer denkt, dass ihr also mit „Toy Story 4“ nochmal an die einfachen Futtertröge wollt, ist ja auch schon 'ne Weile her, dass die Supermärkte mit „Toy Story“-Artikeln überquollen...
 

...und genau deswegen ist es eigentlich eine Frechheit, dass ihr es doch wieder geschafft habt. Ja, ich gebe es gleich zu: Nummer Vier kann zwar nicht verhehlen, dass man ihn nicht hundertprozentig braucht und es gibt auch ein paar Wiederholungen und Abnutzungserscheinungen, aber dies eben wieder auf ganz hohem Niveau. Aber der neue Film macht seinen Vorgängern keine Schande, bleibt thematisch mit ihnen vereint – von der wie immer brillanten Animation brauchen wir gar nicht erst anfangen – und, ja, schafft sogar den erstaunlichen Trick uns zu suggerieren, dass er wirklich notwendig ist, denn es gibt da ja noch ein Kapitel in der Geschichte der Toy Story, das noch nicht wirklich beleuchtet wurde: Die plötzliche Abwesenheit von Woodys alter Flamme, der Schafhirtenpuppe Bo Peep. Die verschwand in den vielen Jahren, die im Filmuniversum zwischen Teil zwei und Teil drei vergangen waren, von der Bildfläche, und so richtig vermisst wurde sie eigentlich auch nicht. Jedenfalls nicht bis heute.

Wie Teil drei beginnt auch der neue Film mit einem Flashback zu gloriosen Zeiten mit einem jungen Andy, einer Rettungsaktion Woodys, die abrupt von der Abgabe Boo Peeps an einen neuen Besitzer unterbrochen wird. Zack, emotionaler Leberhaken à la „Toy Story“. Viele Jahre später und unsere Lieblingsspielzeuge sind wie am Ende von Teil drei gesehen im Besitz der kleinen Bonnie. Woody macht es allerdings zu schaffen, dass er in Bonnies Spiel immer weniger zum Zug kommt. Dazu kommen große Veränderungen auf Bonnie zu, denn es geht jetzt in den Kindergarten. Woody verhilft der eingeschüchterten Bonnie zu einem guten Start dort, der ebenfalls einen neuen Bewohner in Bonnies Zimmer hervorbringt: Forky, ein aus einer Plastikgabel und etwas Pfeifenreiniger gebastelte Figur, die sofort Bonnies neuer Liebling wird. Nur zu dumm, dass Forky viel lieber im Müll geblieben wäre. Und dann gibt es ja noch den Campingausflug von Bonnies Familie, der für Chaos sorgen wird. Und schließlich würde es wohl kaum den Rückblick auf Boo Peep geben, wenn nicht auch hier noch etwas kommen würde...

Der deutsche Titel mit seiner Abwandlung in „A Toy Story“ (den schwachsinnigen Untertitel ignorieren wir wie in solchen Fällen üblich geflissentlich) ist ausnahmsweise vielleicht ein Stück näher an der Wahrheit als die simple Vier im Originaltitel, in dem diese neue Geschichte nurmehr eine weitere Geschichte aus dem Leben unserer liebster Spielzeuge erzählt, anstatt die Geschichte weiterzuerzählen, auch wenn dies natürlich doch geschieht. Und es ist schon erstaunlich, wie sehr man sich dank des geschickten Drehbuchs auf die Idee einlässt, dass Bo Peeps Schicksal tatsächlich ein wichtiges, noch unerzähltes Kapitel derselben Geschichte ist. Wie überhaupt die Geschichte sich wieder auf all das verlässt, was die Reihe ausmacht: Bunte und amüsante Action für das kleinere Zielpublikum und Reflektionen zum Thema Nützlichkeit und dem eigenen Platz in der Welt für die Älteren. Ganz

konkret wird hier Woodys beinahe schon psychotische Manier verhandelt, alles für seinen kindlichen Besitzer tun zu wollen, anhand der eben besitzerlosen und damit freieren Bo Peep. Schön und durchaus bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die selbstbewussteste und freibestimmteste Figur des „Toy Story“-Universums nicht nur eine weibliche Figur ist, sondern zudem dieselbe, die in den ersten beiden Filmen nur eine eher unterwürfige Nebenrolle als typisches Love interest war. Auch bei „Toy Story“ wird man hinter den Kulissen erwachsen. Und ohne jetzt groß auf den gefeuerten John Lasseter (der einige der Grundideen beisteuerte) und sein eigenes #Metoo-Desaster eingehen zu wollen: Es tut gut zu sehen, dass – nachdem dies bei Filmen wie „Merida“ aufgrund dessen eigener schwieriger Entstehungsgeschichte noch ziemlich in die Hose ging – auch bei Pixar mittlerweile die Idee der „selbstbewussten Heldin“ nicht nur als Marketingstrategie oder Behauptung dahingestellt wird. Apropos Marketing: Traurig daher, dass man auf dem deutschen Filmplakat mit den Plüschtieren Bunny und Ducky zwei absolute Nebenfiguren prominent ins Bild rückt statt der heimlichen Hauptdarstellerin Boo Peep, die man nur im Hintergrund sieht. Der (natürlich falschen) Klassifizierung der Reihe als "eher für Jungs" wird hier augenscheinlich Folge getragen.

Die Einführung dieser und einiger anderer neuer Figuren (darunter im Original auch Keanu Reeves mit grandiosem Cameo als neurotischer Stuntman Duke Caboom) sowie die Konzentration auf Woody und Bo Peep hat allerdings zur Folge, dass die alte Crew etwas zu kurz kommt. Buzz darf dank Woodys Ratschlag, auf seine „innere Stimme“ zu hören, wieder mal einige Lacher auf seiner Seite verbuchen, wenn er versucht, die Lightyear-Spielzeug-Space Ranger-Phrasen in nützliche Ratschläge umzuinterpretieren. Aber während die alten Helden wie Slinky, Specki oder Herr und Frau Naseweis sowie Jessie in dem Gefängnisausbruch-Szenario von Teil Drei alle ihre Aufgabe hatten, so müssen sie hier mehr oder weniger untätig herumsitzen und auf den Rest der Truppe warten. Enttäuschend für alle Freunde dieser Nebenfiguren, aber dieser Film ist eben hauptsächlich eine Woody-Geschichte. Zumal man mit Forky eine neue Figur dabei hat, die auch ein bisschen Leinwandzeit braucht und sich nach den großen Sorgen, die der erste Trailer aufgrund dieser Figur aufwarf, durchaus als nützlicher Teil des Ensembles erweist.

Gerade am Anfang sorgt Forky für einige ziemlich gute Lacher, wenn er sich freudig „Müll!“ schreiend in quasi selbstmörderischer Absicht in jede sich anbietende Abfalltonne werfen will und Woody ihn mühsam davon abhalten muss. Dies ist dann die Grundlage für eine Art Vater-Sohn-Geschichte zwischen Forky und Woody, die wiederum durchaus mit ihren erwachsenen Ideen zu überzeugen weiß.

Wenn es hier einen kleineren Schwachpunkt gibt, dann ist es der Mittelteil mit der Schurkenfigur der Gabby Gabby-Puppe, die mit ihren Helfershelfern (die als Bauchrednerpuppen tatsächlich schön furchterregend aussehen) doch ein wenig zu deutlich an Bösewicht Lotso im dritten Teil erinnert. Andererseits findet auch hier das „Toy Story“-Team noch neue Aspekte, da Gabby Gabby eine tragische Figur ist, die anders als die ebenfalls mit traurigen Hintergründen ausgestatteten Bösewichte Stinky Pete oder Lotso ihre Erlösung durchaus verdient.

Man unterhält sich wieder fabulös in dieser Spielzeuggeschichte, und die sich durch die Filmreihe ziehenden und besonders von Woody immer wieder beschworenen Tugenden der bedingunglosen Hingabe an seine Aufgabe im Leben werden hier nochmals ziemlich großartig verhandelt. Und am Ende dieses Films hat man tatsächlich das Gefühl, dass die Geschichte nun tatsächlich erfogreich auserzählt ist, und dies gegen alle Erwartungen. Also eben kein mittelmäßiger Nachklapp, kein nutzloses Franchise-Ausschlachten – sondern ein empfehlenswerter, wiederum toller Film. An die Originaltrilogie kommt Teil Vier nicht ganz heran – aber wer tut das schon? Also, Pixar: Ich gebe es zu, ihr habt es noch mal rumgerissen. Ihr habt uns nicht den „Toy Story“-Film gegeben, den wir wollten, sondern den, den wir unwissenderweise brauchten. Und das ist eine ganz schön starke Errungenschaft, mit der man jetzt aber hoffentlich wirklich diese Spielzeuge endgültig in ihr Happy End entlässt.

Simon Staake

Zu viele Spoiler. So schreibt

Zu viele Spoiler. So schreibt man keine Kritik.

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