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El Camino

El Camino - PosterMit "Better Call Saul" gelang "Breaking Bad"-Schöpfer Vince Gilligan das scheinbar Unmögliche. Ein Spin-off, das perfekt in das Universum des legendären Vorgängers passte und doch gleichzeitig eindrucksvoll seine ganz eigene Stimme entwickelte. Dementsprechend groß war die Vorfreude, als vor kurzem überraschend publik wurde, dass Gilligan noch einen weiteren Trumpf im Ärmel hatte. Einen bereits fertig abgedrehten Film über niemand geringeren als Jesse Pinkman, Walter Whites langjährigen Partner in Crime.

Irgendwie schien das ja auch Sinn zu ergeben. Schließlich hatte Jesse in der letzten Folge von "Breaking Bad" ein deutlich offeneres Ende spendiert bekommen als sein dem Wahn verfallener Mentor. Eine Lücke, die Gilligan nun mit seinem zweistündigen Netflix-Event "El Camino" schließen möchte. Und zumindest in der Hinsicht ist er auch erfolgreich, denn hier läßt der Film am Ende wirklich kaum Fragen offen. Das Problem ist nur leider der Weg dorthin. Denn abgesehen von ein paar gelungenen Momenten und dem netten Wiedersehen mit ein paar bekannten Gesichtern offenbart "El Camino" leider auch deutliche dramaturgische Schwächen. Ausgerechnet Gilligan, einer der großen modernen Meister des seriellen Erzählens, schafft es am Ende nicht seine Stärken ins Spielfilmfach zu transferieren.

Deutlich verlustfreier ist da schon der inhaltliche Übergang von der Serie zu "El Camino". Der Film nimmt den Faden von Jesse (Aaron Paul) nämlich direkt dort wieder auf, wo wir ihn in der letzten Folge von "Breaking Bad" verloren hatten. Nach Walter Whites Kreativ-Massaker an der Nazi-Gang, die den armen Jesse lange Zeit grausam gefoltert hatte, flüchtet dieser panisch im Auto in die Dunkelheit. Erster Anlaufpunkt sind die alten Kumpels Skinny Pete (Charles Baker) und Badger (Matt L. Jones), die den spürbar verstörten Jesse erst einmal liebevoll bei sich aufnehmen. Zeit zum Ausruhen bleibt Jesse aber kaum, denn ein Großaufgebot der Polizei ist schon hinter ihm her. Die Flucht geht weiter und Jesse versucht ein letztes Mal, geplagt von Erinnerungen an die Vergangenheit, seinen Kopf irgendwie aus der Schlinge zu ziehen.

Jesse auf der FluchtJesse auf der Flucht – damit wäre die Handlung von "El Camino" ausreichend genug auf den Punkt gebracht. Der brillante Planer war Jesse ja noch nie und so ist seine Flucht hier dann auch deutlich improvisierter als clever durchdacht. Und das was Jesse plant, funktioniert dann auch meistens nicht gleich so wie gedacht. Das ist natürlich ganz im Spirit von "Breaking Bad", wo Walter und Jesse sich ja ebenfalls im charmanten Impro-Modus gerade noch so aus der einen oder anderen haarstäubenden Zwangslage befreien konnten. Ganz alleine gelingt das Jesse hier aber auch nicht, weswegen er auch auf Hilfe (oder zumindest Inspiration) aus seiner Vergangenheit angewiesen ist. Womit wir dann hier auch gleich mal eine kleine Spoilerwarnung aussprechen, denn zumindest um einen weiteren vertrauten Namen kommt man bei der Diskussion von "El Camino" nicht drumherum.

Aber erst einmal zu unserer Hauptfigur. Jesse wird uns zu Beginn als gebrochener Mann präsentiert, der eigentlich nur noch eines will: endlich Frieden. Im weiteren Verlauf kehrt aber wieder Leben in ihn zurück und hin und wieder blitzt dann auch der naiv-trotzige kleine Junge in ihm auf, den das Publikum über die Jahre so liebgewonnen hatte. Mit eine der gelungensten Szenen ist dann auch Jesses Besuch in einem Staubsaugergeschäft, bei dem dieser seine eigene Cleverness mal wieder gehörig überschätzt. Eine Szene, die zeigt, warum wir "Breaking Bad" so liebten. Gute Darsteller, ein leicht surreales Szenario, wundervoller Spannungsaufbau und ein trocken-humorvoller Payoff. Man muss es dabei Darsteller Aaron Paul hoch anrechnen, dass er diese Mischung aus "altem" und "neuem" Jesse so gut transportiert bekommt.

Das mit dem Spannungsaufbau funktioniert dann auch innerhalb anderer Szenen immer wieder ganz gut, wie zum Beispiel, als Jesse eine Wohnung durchsucht und dabei unangekündigten Besuch bekommt. Allerdings haftet all dem auch etwas sehr bruchstückhaftes an. Denn, und da kommen wir jetzt zum großen Aber, wenn man das Gesamtbild betrachtet sieht das alles dann doch deutlich weniger rosig aus.

Jesse trifft alte Vertraute auf dem WegEin Film braucht Konflikte. Das können äußere oder auch innere Konflikte unseres Protagonisten sein. Nur so kann man wirklich eine überzeugende emotionale Spannungskurve aufbauen. Und genau hier herrscht bei "El Camino" gähnende Leere. Einen wirklichen inneren Konflikt gibt es bei Jesse nicht. Eigentlich will er einfach nur seine Ruhe haben und abtauchen. Moralische Dilemmata: Fehlanzeige. Die wieder auftauchende Nazi-Gang löst zwar schmerzvolle Erinnerungen bei ihm aus, aber da die Big Player dort ja alle schon tot sind, gibt es auch nicht wirklich einen richtigen Antagonisten, dem er jetzt gegenüber treten könnte. Womit wir dann auch bei möglichen externen Konflikten wären, die ebenfalls nicht vorhanden sind. Die Nazi-Gang will nicht wirklich etwas von Jesse wissen. Und das Jesse auf der Flucht vor der Polizei ist, spürt man auch gar nicht, weil diese eigentlich fast nie präsent ist. Es gibt keinen hartnäckigen Hank Schrader, der Jesse auf den Fersen ist. Und so man hat nur selten das Gefühl, dass es hier jetzt richtig eng werden könnte für ihn.

Gleichzeitig fehlt Jesse aber auch noch ein wirklicher Reibungspunkt an seiner Seite. In "Breaking Bad" war das Walter White. Gerade weil beide so unterschiedlich waren, haben diese Charaktere ja so gut funktioniert. Jetzt ist Jesse aber auf sich alleine gestellt (bis auf eine Ausnahme, aber die diskutieren wir später) und "El Camino" verliert dadurch noch mehr an möglichem Konfliktpotential. Und dieses Problem wird dann auch noch dadurch verstärkt, dass die Hindernisse, die Jesse in den Weg gestellt bekommt, auch viel zu leicht von diesem überwunden werden. Die Figur des Jesse war eigentlich immer die des ewigen Verlierers. Der immer einmal mehr auf die Fresse bekam als er austeilen durfte. In "El Camino" sieht das anders aus. Das beste Beispiel ist die bereits angesprochene Durchsuchung einer Wohnung durch Jesse. Die entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Konflikt, der dann aber eher unglaubwürdig, weil viel zu harmonisch, aufgelöst wird.

"Breaking Bad" war Meister darin, immer wieder starke emotionale Punchs zu setzen. In "El Camino" gibt es keine wirklichen Rückschläge für Jesse und der Film ist am Ende weder emotional packend noch richtig spannend. Die emotionale Wucht, die "Breaking Bad", bei all seinen ruhigen Momenten, immer wieder an den Tag legen konnte, wird hier schmerzlich vermisst. Stattdessen plätschert in "El Camino" die Geschichte relativ belang- und ziellos vor sich hin. Bei einem Film, der aggressiv als großes Netflix-Event-Movie beworben wird, ist das dann doch eine ziemliche Mogelpackung.

Egal, könnte man jetzt sagen, ich will einfach nur ein bisschen Zeit mit ein paar alten Bekannten verbringen. Doch auch da ist man mit "El Camino" dann eher auf dem Holzweg. Und das ist jetzt der Zeitpunkt, wo wir über Todd sprechen müssen. Ja, genau der Todd, der Jesse über Monate lang in der letzten Staffel von "Breaking Bad" gequält hat und am Ende von diesem verdientermaßen ins Jenseits befördert wurde. Todd (Jesse Plemons) feiert in "El Camino" sein Comeback. Logischerweise nur in Rückblenden, bei denen vor allem ein gemeinsamer "Ausflug" der beiden geschildert wird, der Konsequenzen für die Haupthandlung in der Jetzt-Zeit hat. Die Absicht dahinter ist klar: Jesse zumindest irgendeine Art Gegenspieler an die Hand zu geben. Nur leider funktioniert das nicht wirklich.

Jesse sucht einen AuswegDas fängt schon damit an, dass Todd relativ spät erst zur "Breaking Bad"-Familie gestoßen ist und hier dadurch eher als eine Art zweite Wahl daherkommt. Ein weiteres Problem ist auch das Aussehen des Darstellers, das sich im Vergleich zur alten Figur doch sehr deutlich verändert hat. Gerade wer sich vor "El Camino" noch einmal die letzte Folge von "Breaking Bad" anschaut, wird hier eine sehr lange Eingewöhnungszeit benötigen. Gleichzeitig hat Darsteller Jesse Plemons auch spürbar Mühe, wieder in die alte Rolle hineinzuschlüpfen. Nicht nur optisch wirkt diese Figur einfach irgendwie anders als früher. Viel entscheidender ist aber, dass wir das Schicksal von Todd ja bereits kennen. Und auch sonst ist in diesen Rückblenden nicht wirklich etwas Neues über die Figur erfahren. Die dort auftretenden Konflikte zwischen ihm und Jesse sind, da wir den Ausgang der Geschichte ja bereits kennen, nicht wirklich fesselnd.

Überhaupt ist das mit den Gastauftritten alter Bekannter etwas problematisch. Vor allem gegen Ende, als deutlich bekanntere Figuren als Todd ihren Auftritt haben. Wieder sind es Rückblenden, nur diesmal ist es nicht viel mehr als nur ein nettes kurzes Wiedersehen. Das ist aber nicht wirklich emotional befriedigend. Man hat gar nicht die Zeit, um mit diesen Figuren wieder eine richtige Verbindung aufzunehmen. Irgendwie fehlt hier der richtige Groove. Was auch daran liegt, dass diese Rückblenden zeitlich eher in den ersten Staffeln von "Breaking Bad" angesiedelt sind. Vor allem bei einer Figur muss man sich da erst einmal wieder gedanklich umstellen, da man diese eben anders in Erinnerung hat. Nur ist es mit so einer Umstellung eben schwierig, wenn der Auftritt nicht mehr als ein kurzer Cameo ist. Es ist eben doch etwas anderes, ob ich einen Saul Goodman für mehrere Staffeln zurückhole, und der Figur dabei wirklich mehr Tiefe verpasse, oder ob ich Figuren nur mal schnell für einen kurzen Gastauftritt in einer Rückblende aus der Versenkung hole.

Natürlich geht einem trotzdem irgendwie das Herz auf, wenn man diese Figuren nach all den Jahren wieder trifft. Aber mehr als dieses kurze emotionale Aufflackern ist da leider nicht. Stattdessen ist man am Ende mit einer Geschichte konfrontiert, deren Hauptfigur keine wirkliche Wandlung durchmacht, in der man nicht viel Neues erfährt, größere Konflikte Fehlanzeige sind und die Story deutlich zu ruhig dahinplätschert. Das mag als eine einzelne Episode in einem größeren Gesamtkonstrukt vielleicht funktionieren, als Film ist es dagegen eher etwas frustrierend. Es wäre nun zwar übertrieben zu sagen, dass "El Camino" nun das Serien-Denkmal "Breaking Bad" ernsthaft beschädigen würde. Dafür gibt es am Ende dann doch genug nette Momente, die für sich genommen ordentlich funktionieren. Aber es ist trotzdem am Ende ein ziemlich unnötiges Anhängsel geworden, dass die legendäre Serie nicht wirklich gebraucht hat.

“El Camino“ ist in Deutschland exklusiv beim Streaming-Anbieter Netflix erschienen und dort seit dem 11. Oktober verfügbar.

Matthias Kastl

Überraschend gelungen

Im Grunde Kann ich der Rezension fast vollumfänglich zustimmen. Und dennoch komme ich zu einem deutlich positiverem Schluss.

Dass der Film im Grunde überflüssig ist, war schon von Anfang an klar. Anders als der Rezensent habe ich BB als vollkommen befriedigend abgeschlossen empfunden. Die Tatsache, dass wir Jesses genaueres Schicksal am Ende von Staffel 5 nicht sehen, ändert nichts daran, dass seine unmittelbare Freiheit als symbolischer Weg für sein weiteres Leben steht und damit für den Zuschauer positiv zu Ende gedacht und gefühlt wird. Folglich wahr ich nach der Bekanntgabe des Projektes auch erst einmal sehr skeptisch. Diese Skepsis hat sich aber beim betrachten des Streifens, bereits nach wenigen Minuten gelegt.

Es ist zwar wahr, dass die innere Struktur für einen Film etwas fragmentiert daherkommt. So hängen die Einzelnen Szenen nur sehr lose zusammen und erzeugen kein wirklich schlüssiges Gesamtbild oder einen nennenswerten Spannungsbogen. Doch was für fast jeden anderen einzelstehenden Film ein absolutes Desaster wäre, wird hier von der vertrauten Umgebung und Gesellschaft fast vollends aufgefangen. Denn die einzelnen Situationen können fast immer genug Spannung, Skurrilität und manchmal auch Witz aufbauen, um den wissenden Zuschauer mehr als nur bei der Stange zu halten und in wohliger Nostalgie schwelgen lassen.

ACHTING SPOILER!!!

Es ist einfach so. Im Kontext der Hauptfigur und der diversen altbekannten Gesichter, brauche ich tatsächlich keine größeren Konflikte, die von der Hauptserie ohnehin schon zehn mal durchgekaut wurden. Das wäre natürlich nicht schlimm gewesen, aber stattdessen einfach dabei zuzusehen, wie Jesse auf seine unbeholfene und manchmal großmäulige Art in sein ganz eigenes Happy End stolpert, ist auch nicht weniger befriedigend.

SPOILER-ENDE!!!

Dieser Film ist purer Fan-Service. Aber das in seiner absolut besten Form. Gucken, entspannen und einfach Spaß haben.

8 von 10 Punkten

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