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Der Schwarze Diamant

Lust auf einen entspannten Filmabend? Dann bitte jetzt direkt aufhören weiterzulesen. Mit "Der Schwarze Diamant" beginnt auf Netflix das Jahr 2020 gleich mal mit einem ziemlichen Adrenalinkick. 135 Minuten intensives und rastloses Drama, das einen als Zuschauer ziemlich erschöpft im Sessel zurücklässt. Vorausgesetzt, man hat bis dahin durchgehalten. Es braucht nämlich schon etwas Zeit und Geduld, bis man mit der nicht unbedingt hochsympathischen Hauptfigur und der penetrant-rasanten Inszenierung warm wird. Einmal angedockt wird man aber vom wie im Fieberwahn agierenden Protagonisten mit in den Sog eines Films gerissen, der seine Story letztendlich genauso packend wie kompromisslos über die Zielgerade bringt.

Auf dem Weg zur Zielgerade befindet sich sozusagen auch der New Yorker Diamantenhändler Howard Ratner (Adam Sandler, "Kindsköpfe", "Die Wutprobe"). Zumindest seiner Meinung nach. Howard ist nämlich in den Besitz eines seltenen Opals geraten, der seine finanzielle Zukunft absichern soll. Die sieht, dank Spielsucht und Schulden bei diversen unfreundlichen Kredithaien, nämlich mal so gar nicht rosig aus. Eigentlich also keine gute Idee, den Opal mal eben dem Basketball-Superstar Kevin Garnett (der sich hier selbst spielt) auszuleihen. Macht Ratner als Sportfan natürlich trotzdem und die daraus resultierenden Probleme bringen sein sowieso schon wackeliges finanzielles Kartenhaus erst so richtig ins Wanken.

Gerade eben hat Adam Sandler mit seiner Produktionsfirma "Happy Madison Production" zum dritten Mal seine Partnerschaft mit Netflix verlängert. Für beide Seiten ein gutes Geschäft, denn Sandlers Komödien zählen wohl, so ganz weiß man das ja bei Netflix nie, zu den Quotenkönigen beim Streaming-Giganten. Auch wenn deren inhaltlicher Anspruch oft eher bescheiden ist und manchmal ("The Ridiculous 6") sogar an Sandlers grausamste Werke aus dessen Frühzeit erinnern (siehe "Waterboy" oder "Happy Gilmore").

Doch nur in seichten Humorgewässern vor sich hin zu dümpeln ist Sandler, trotz angenehmen Geldregens, dann glücklicherweise auf Dauer nicht genug. Abseits des Komödien-Deals mit Netflix unternimmt er deswegen, wenn auch eher selten, Ausflüge ins ernstere Charakterfach. Und mit der Wahl der Stoffe und Regisseure beweist er dabei dann doch meist ein sehr glückliches Händchen. Die Auftritte für Paul Thomas Anderson in "Punch-drunk Love" oder Noah Baumbach in "The Meyerowitz Stories" waren allesamt überzeugend. Und nun legt er für die aufstrebenden Indie-Regisseure Benny und Josh Safdie noch einmal eine Schippe obendrauf.

Das ist aber natürlich auch schon eine verdammt faszinierende Figur, die Adam Sandler hier spielen darf. Howard Ratner ist sozusagen eine Art Jongleur im Fieberwahn, der irgendwie versucht seinen eindeutig zu riskanten Lebensstil auf atemberaubende Art und Weise unter Kontrolle zu halten. Und der sich dabei nur noch tiefer in sein Netz aus finanziellen Abhängigkeiten und Lügen verstrickt. Lügen gegenüber den Kredithaien, deren Geld er heimlich in riskante Sportwetten steckt. Lügen gegenüber seiner Frau und den Kindern, die er mit einer Affäre hintergeht. Und, das tragischste von allem, die Lügen gegenüber sich selbst. Denn Howards luxuriöser Lebensstil ist eine einzige große Show, mit der Howard verhindert der Realität ins Auge blicken zu müssen.   

So haben wir es hier mit dem klassischen tragischen Helden zu tun, der trotz aller Bemühen nur noch tiefer in den Schlamassel gerät. Interessant ist dabei, dass der Film nie wirklich probiert Howard sympathisch wirken zu lassen. Das wird insbesondere durch dessen Umgang mit der eigenen Familie deutlich. Hier wäre genug Potential vorhanden gewesen, um auch einmal eine weichere Seite der Figur zu zeigen. Pustekuchen, sagen sich die Macher. Stattdessen betrachtet Howard auch seine Kinder nur als uninteressantes Anhängsel. Erst als die ganze Fassade einzustürzen droht, versucht er irgendwie zu retten was noch zu retten ist. Aber eben auch nicht durch ehrliche Gespräche, sondern durch Manipulation. Das ganze Leben ist ein Spiel und Howard hat mehr Interesse an den Fäden, die all das zusammenhalten, als an den Figuren in diesem Netz.

Howards Spielsucht bezieht sich also nicht nur alleine auf Sportwetten, sondern auch auf alles andere im Leben. Ein stets wie getrieben und hektisch wirkender Zeitgenosse, mit dem man eigentlich nicht wirklich längere Zeit in einem Raum bleiben möchte. Das macht es als Zuschauer am Anfang etwas schwierig eine echte Verbindung zu dem Film aufzubauen. Zur inneren Unruhe der Figur gesellt sich dann auch noch ein Drehbuch, das in Sachen Story andauernd Vollgas gibt. Ständig passiert etwas, eine Wendung löst die andere ab und nie bekommen wir wirklich Zeit einmal als Zuschauer in Ruhe durchzuschnaufen.

So spurten wir gefühlt wie im Fieberwahn an der Seite unserer Hauptfigur durch die Geschichte. Gewöhnungsbedürftig ist dann auch noch der sehr markante Soundtrack des Films, dessen Syntho-Sound so klingt, als ob jemand die Filmmusik von "Blade Runner" mit der eines 80er Jahre-Softpornos gekreuzt hat. Der prasselt dann auch zu Beginn ohne Pause lautstark auf uns ein und sorgt zusammen mit dem hochenergetischen Auftreten von Howard dann doch beim Betrachter für einen ziemlichen Overkill der Sinne.

Manche Zuschauer werden nun hier nach 20 Minuten die Flinte ins Korn werfen. Aber wer das nötige Sitzfleisch mitbringt merkt schon bald, wie er selbst in diesen Sog mit hineingezogen wird. Und wie das verdammt noch mal beginnt richtig Spaß zu machen. Das liegt vor allem daran, dass mit jeder weiteren Minute die Faszination für die Hauptfigur wächst. Das wäre einmal Adam Sandler zu verdanken, der vollkommen in der Rolle aufgeht und, ziemlich humorfrei, den hochenergetischen Wahn der Figur perfekt einfängt. Vor allem aber ist es auch die teils völlig verquere Art und Weise, wie Howard sich immer und immer wieder aus scheinbar ausweglosen Situationen herausmanövriert. Und dabei unmerklich den Druck auf sich selbst nur immer weiter erhöht, weil das scheinbar clevere Manöver plötzlich für ganz andere und noch gravierendere Probleme sorgt. Eine schwindelerregende Spirale der Selbstzerstörung, bei der man als Zuschauer einfach nach einer Zeit nicht mehr anders kann als mit einer Mischung aus Sprachlosigkeit und Faszination Voyeur zu spielen.

Und wer sich jetzt denkt, unsere beiden Indie-Regisseure würden doch sicher irgendwann einmal das Tempo vom Gas nehmen, der irrt. Bis zum Schluss zieht "Der Schwarze Diamant" sein Ding kompromisslos durch und gibt weder der Figur noch dem Publikum eine Atempause. Erleichtert wird uns dieser Geschwindigkeitswahn dabei durch eine Prise abgründigen Humors, der vor allem im späteren Verlauf immer wieder eingestreut wird. Am besten ist das beim großen Showdown gelungen, dessen Tragik durch ein wundervoll surreales Szenario etwas abgemildert wird. So findet der Film dann auch noch ein perfektes Ende und belohnt so endgültig alle diejenigen, die sich vom nicht leicht zu verdauenden Beginn nicht haben abschrecken lassen.

Eine gewisse geistige Frische beim Zuschauer vorausgesetzt liefert "Der Schwarze Diamant" also letztendlich packendes Charakterdrama, das vor allem in der zweiten Hälfte zur Höchstform aufläuft und durch seine Kompromisslosigkeit zu beeindruck weiß. Ein intensiver Ritt, nach dem definitiv erst einmal der Geist durchschnaufen muss. Dafür würde sich dann ganz gut Adam Sandlers Folgeprojekt eignen, dass er (im Gegensatz zu "Der Schwarze Diamant") wieder von seiner eigenen Produktionsfirma für Netflix produzieren lässt. In "Hubie Halloween" gibt er an der Seite von Kevin James mal wieder den Dorftrottel. Angesichts dieses überzeugenden Charakterdramas sei ihm das aber ausnahmsweise verziehen...

“Der Schwarze Diamant“ ist in Deutschland exklusiv beim Streaming-Anbieter Netflix erschienen und dort seit dem 31. Januar verfügbar.

Matthias Kastl

Passt.

Prima Rezension. Passt.
Finde es super, das Filmszene sich auch mit den Filmen der Streamingdienstleister beschäftigt. Gerne mehr davon und gerne auch mit den bewährten Punktesystem. Daumen hoch!

Schon etwas gespenstisch wie

Schon etwas gespenstisch wie exakt gleich zu Matthias Kastl ich selbst die Filmkritik zu „Uncut Gems“ formulieren würde. Besonders was die Beschreibungen anbelangt, wie dieser Film auf die meisten Betrachter wirken wird. Da ist alles drin, was zum feeling des Films gesagt werden sollte. Besonders im ersten Abschnitt. Zur Wahl der Musik, besonders in der ersten Viertelstunde das Films, kam mir die Formulierung „Blade Runner Musik, die für den finalen Schnitt keine Verwendung gefunden hatte und hier wieder verwendet wurde“ in den Sinn. Im Zusammenspiel mit den Spielszenen eher eine anstrengende, disruptive Angelegenheit – aber tatsächlich wird das Duchhalten belohnt. Diese etwas irritierende Machart und der Dauerstreß, das Abgehetzte der Hauptfigur, verlangt einem gerade im ersten Drittel des Films einiges ab. Hierfür wird man im Fortlauf der Handlung dann aber belohnt: Großartige Inszenierung des langen Finales. Sicherlich nicht unbedingt mein neuer Lieblingsfilm – aber eine nachwirkende Erfahrung, die einem im Gedächtnis bleiben wird.

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