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Wie in guten alten Zeiten - Die Oscar-Verleihung 2012

Es war, wie in unserer Oscar-Vorschau vom Kollegen Simon Staake prognostiziert: Die Oscar-Verleihung 2012 war ein Fest, bei dem sich Hollywood ganz und gar auf seine alten Tugenden besann. Und das nicht nur, weil mit "The Artist" und "Hugo Cabret" zwei Filme die Zeremonie dominierten, die auch und vor allem die Kunst des Filmemachens selbst zum Thema haben und die Anfangstage dieses Mediums feiern. Die Oscars 2012 sollten einfach eine gute Show sein, wie in den guten alten Zeiten, nach denen sich in Hollywood (wo das Geld verdienen ebenso schwerer geworden ist wie im Rest der westlichen Welt) nicht wenige zurücksehnen. Man kann der ganzen Veranstaltung vorwerfen, dass mit dieser sehr konservativen Grundeinstellung auch sogleich das Element des Neuen und Unerwarteten verabschiedet wurde - in der Tat war es eine völlig überraschungsfreie Oscar-Nacht. inklusive sämtlicher Preisträger - aber für alle Filmfreunde mit einem gewissen Hang zur Nostalgie (und davon soll es ja ziemlich viele geben) wird es sich unbestreitbar gut angefühlt haben, was da in der Nacht zum 27. Februar in Los Angeles über die Bühne ging.

Das fing schon mit der Eröffnung an, die traditionsbewusste Oscar-Zuschauer sogleich in einen wohlig warmen Mantel aus Verlässlichkeit einwickelte, denn Billy Crystal tat als Moderator das, was er in dieser Rolle schon immer getan hatte: Zu Beginn ein Gag-geladener Einspiel-Film, in dem Crystal durch alle als "Bester Film" nominierten Streifen stolpert, dann schnell ein paar Stand-up-Gags auf der Bühne, bevor Crystal die Nominierten gleich noch einmal durchgeht, und zwar in gesungener Form als Strophen eines netten Showrevue-Liedes namens "It's a wonderful night for an Oscar...". Es ist haargenau dieselbe Eröffnung, die Crystal schon immer gemacht hat, aber genau dafür war er schließlich engagiert worden. Nach dem (für Hollywood-Verhältnisse) mittelschweren Skandal, der zur Absetzung des ursprünglich geplanten Produzenten/Moderatoren-Duos Brett Ratner/Eddie Murphy geführt hatte, war Crystal die absolut sichere Bank, von der man genau wusste, was man kriegen würde: Die routinierte Standardnummer eines Bühnen-Entertainers der alten Schule. Bezeichnend, dass sich Crystal kaum eine Minute mit dem Stand-up-Teil seiner Eröffnung aufhielt und der politisch unkorrekteste Witz dabei nicht mal eine Person traf, sondern einen Konzern - muss das "Kodak Theatre", der Saal der Oscar-Verleihung doch nun seinen Namen ändern, da die pleite gegangene Foto-Firma die Namensrechte nicht mehr bezahlen kann. 

Und so feierte Hollywood sich in diszipliniert durchgezogenen und für Oscar-Verhältnisse drum ziemlich kurzweiligen drei Stunden selbst, ließ die Sorgen von heute vor der Tür und schaffte es hier und da sogar mit den ausgezeichneten Künstlern, eine weitere Prise "Gute alte Zeit"-Nostalgie zu versprühen, wie beim dritten Drehbuch-Oscar für Woody Allen nach 1978 und 1987, denn wie eh und je war Allen auch diesmal bei der Verleihung nicht anwesend. Ob er auch diesmal lieber daheim in New York Klarinette in einem Jazz-Club gespielt hat? Der Höhepunkt fürs altgediente Hollywood war aber natürlich fraglos der dritte Oscar (nach 17 Nominierungen) für Meryl Streep, auf den sie immerhin 29 Jahre warten musste und die stehenden Oviationen denn auch mit einer etwas ausgedehnteren Dankesrede quittierte, mit dem entschuldigenden Hinweis, dass sie garantiert zum letzten Mal auf dieser Bühne stehen wird.

Dass die wichtigsten Preise des Abends an ein paar französische Herren gingen, die bei ihren Dankesreden damit zu kämpfen hatten, sich überhaupt verständlich auf Englisch zu artikulieren - geschenkt. Denn Hollywood hat Michel Hazanavicius und Jean Dujardin ohnehin längst adoptiert als seine eigenen geistigen Söhne. Dass ihre einzigartige Hollywood-Hommage "The Artist" an diesem Abend dann auch der große Gewinner war und sich über insgesamt fünf Trophäen freuen durfte - es war der einzig logische Ausgang für eine Oscar-Verleihung, die ihren Blick so konsequent zurück gewandt hat.

Die vollständige Liste der Gewinner:

Bester Film

„The Artist“

Beste Regie

Michel Hazanavicius („The Artist“)

Bester Hauptdarsteller

Jean Dujardin („The Artist“)

Beste Hauptdarstellerin

Meryl Streep („Die eiserne Lady“)

Bester Nebendarsteller

Christopher Plummer („Beginners“)

Beste Nebendarstellerin

Octavia Spencer („The Help“)

Bestes Originaldrehbuch

Woody Allen („Midnight in Paris“)

Bestes adaptiertes Drehbuch

Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash („The Descendants“)

Bester fremdsprachiger Film

Nadir und Simin - Eine Trennung (Iran)

Beste Dokumentation

Undefeated

Beste Ausstattung

Hugo Cabret (Dante Ferretti, Francesca Lo Schiavo)

Beste Kameraführung

Hugo Cabret (Robert Richardson)

Bester Filmschnitt

Verblendung (Kirk Baxter, Angus Wall)

Beste Kostüme

The Artist (Mark Bridges)

Bestes Makeup

Die Eiserne Lady (Marese Langan, Mark Coulier, J. Roy Helland)

Beste Filmmusik

The Artist (Ludovic Bource)

Bester Song

"Man or Muppet" aus "Die Muppets" (Bret McKenzie)

Bester Ton

Hugo Cabret (Tom Fleischman, John Midgley)

Bester Tonschnitt

Hugo Cabret (Eugene Gearty, Philip Stockton)

Beste Visuelle Effekte

Hugo Cabret (Robert Legato, Edson Williams, Ben Grossman, Alex Henning)

Bester Animationsfilm

Rango

Beste Kurzdokumentation

Saving Face

Bester Kurzfilm

The Shore

Bester animierter Kurzfilm

The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore

Frank-Michael Helmke

Oscar-Nacht

Ich hab die Verleihung live verfolgt (wie jedes Jahr) und freute mich sehr über den Oscar für Rango. Dieser Animationsfilm ist in seiner Art und Weise wirklich außergewöhnlich und originell. Sind wir doch mal ehrlich, Kung Fu Panda 2 und Der gestiefelte Kater waren doch keine Konkurrenz. Tim und Struppi wurde ja auf Grund des Motion-Capture nicht als reiner Animationsfilm anerkannt. Der wäre eine ernste Gefahr gewesen. Alles in allem fand ich die Würdigung für The Artist vollkommen richtig und auch ein bißchen mutig, da er doch keinem breiten Publikum zugänglich ist.

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