| "Nenn mich nicht dämlich!"
Wer schon mindestens einmal "Ein Fisch namens Wanda" gesehen
hat, muss bei diesem Satz bereits unweigerlich anfangen zu schmunzeln,
ist er doch einer der zahlreichen grandiosen Running Gags in der vielleicht
besten britischen Komödie, die Monty Python nie gemacht hat.
Obwohl das so auch nicht stimmt: Schließlich ist nicht nur John
Cleese, der führende kreative Kopf hinter "Wanda",
ehemaliges Mitglied der legendären englischen Komiker-Truppe,
sondern auch Nebendarsteller Michael Palin. Drum kann man - bei allen
Annäherungen an den komödiantischen Mainstream - hier auch
mehr als nur ein paar Spuren des unverwechselbaren, anarchischen Python-Humors
finden. Ganz abgesehen von den zahllosen anderen Volltreffer-Gags,
die "Wanda" an vorderster Spitze mitspielen lassen, wenn
es darum geht, den witzigsten Film aller Zeiten zu küren.
Wie
es sich für eine Legende gehört, war auch diese im Voraus
nicht abzusehen: Eine relativ kleine, schnell abgedrehte Produktion,
die sich nach Veröffentlichung in Windeseile Kultstatus erarbeitete
und bei ihrem Publikum inzwischen allgemein als unvergesslich betrachtet
wird. Die Grundstory ist dabei ziemlich simpel und so etwas wie
die böse ältere Schwester von "Verrückt nach
Mary", denn auch hier stehen alle Männer nur auf eine
Frau: Wanda (Jamie Lee Curtis) ist eine durchtriebene amerikanische
Gaunerin, die mit ihrem englischen Liebhaber George und dessen stotterndem
(und ebenfalls in Wanda verliebten) Gehilfen Ken (Michael Palin)
einen Juwelen-Diebstahl durchführt, und dazu ihren "Bruder"
Otto (Kevin Kline) als nötigen Scharfschützen mitbringt.
Der ist nicht wirklich ihr Bruder, sondern heimlicher Partner, und
nachdem sie George an die Polizei verpfiffen haben, wollen sich
die beiden eigentlich mit der Beute aus dem Staub machen. Die hat
George jedoch schon wieder woanders versteckt. Da muss man improvisieren,
und deshalb schmeißt sich Wanda an Georges Pflichtverteidiger
Archie Leach (John Cleese) ran, in der Hoffnung, dass der als erstes
herausfindet, wo die Beute versteckt ist.
Aus
dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein wahrer Reigen an unübertroffenen
Comedy-Nummern, die das gesamte Spektrum der Komik abzudecken wissen.
Der kongeniale Schachzug, aus Wanda und Otto zwei Amerikaner zu
machen, bietet immer wieder Gelegenheit für heftige Sticheleien
des jähzornigen Otto in Richtung verstockte Inselaffen, deren
Mentalität wiederum eines der Hauptziele der satirischen Spitzen
in Cleese' brillantem Skript ist: die steife Leblosigkeit der englischen
Mittelklasse wird hier genüsslich seziert, und ihre unglaubliche
Angst vor Blamagen bloßgestellt in einer Szene, in der Archie
Leach stellvertretend für seine gesamte Klasse den absolut
peinlichsten Moment seines Lebens erfahren darf.
Ebenso unvergesslich der kurze Ausflug in die Farce, als Archie
sich zum ersten romantischen Date mit Wanda bei sich zu Hause trifft,
und dabei von mehr als einer unerwarteten Person überrascht
wird. Simply hilarious.
Die größten Lacherfolge verbuchen jedoch die hochgradig
politisch unkorrekten Witze: das Töten kleiner Hunde und der
dazugehörigen alten Oma; die amüsanteste Folter-Szene
aller Zeiten, als Otto nach und nach Kens Aquarium leer frisst;
und natürlich das permanente Lustig machen über Kens Sprachfehler,
das in einer der witzigsten Szenen der Kinogeschichte kulminiert:
Wer die "Kaaahhh"-Szene, in der Archie verzweifelt versucht,
eine enorm wichtige Information aus Ken heraus zu bekommen, ohne
Lachmuskelkater übersteht, darf sich offiziell als völlig
humorlos bezeichnen.
Es
sind auch eben diese herrlich unkorrekten Gags, die "Wanda"
seine Originalität erhalten: In seiner Gesamtheit nähert
sich der Film merklich einer konventionellen Erzählweise an,
viele kleine Elemente deuten darauf hin, dass man hier an mehr Massenkompatibilität
interessiert war als zu den anarchischen Python-Zeiten. Das führt
allerdings auch zu einer lehrbuchartigen Vorführung, wie gute
Komik funktioniert, und wie viel Arbeit tatsächlich dahinter
steckt. Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist "Wanda"
perfekt durch konstruiert, baut seine Gags kongenial aufeinander
auf und weiß immer wieder durch absurde Szenarien zu überraschen
(die Szene, in der Otto den armen Archie kopfüber aus dem Fenster
hängt
).
Natürlich ist brillant geschriebene Komik nichts ohne nicht
ähnlich brillant agierende Darsteller, und die gibt es hier
in Hülle und Fülle, wobei Jamie Lee Curtis als das Zentrum
aller Aufmerksamkeit fast die undankbarste Rolle hat, während
sich alle um sie herum wegen ihr zum Affen machen dürfen. John
Cleese und Michael Palin agieren wie zu besten Python-Zeiten, wobei
Cleese der zusätzlichen Herausforderung gegenüber stand,
noch nie eine romantische Szene gespielt zu haben. Der unvergessene
König dieses Films ist jedoch Kevin Kline als Otto: Diese Rolle
hatte schon in ihrem Grundentwurf das Potential für komödiantisches
Genie, denn ein gewalttätiger Dummkopf mit einer Faszination
für nihilistische Philosophie und
buddhistische Meditationstechniken kann nur brüllend komisch
sein. Was Kline jedoch daraus machte, sucht seinesgleichen, und
kam zudem völlig unerwartet: Berühmt geworden durch seine
hochdramatischen Rollen in "Sofies Entscheidung" und "Schrei
nach Freiheit" hatte er sich als ernsthafter Schauspieler etabliert,
und vollzog hier eine vollkommene Kehrtwendung, die ihm dann auch
prompt den hochverdienten Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte.
Wie Kline seine Figur in jeder Szene mit wenigen Gesten der kompletten
Lächerlichkeit hingibt, das ist wirklich einmalig, und einmalig
komisch. Eine ähnlich brillante Vorstellung versteckt sich
übrigens in der kleinen Nebenrolle von Archies Ehefrau: Maria
Aitken liefert hier ein wundervolles Portrait des personifizierten
Albtraums versteifter englischer Hochnäsigkeit ab, dass höchstens
noch von Maggie Smith in "Gosford Park" übertroffen
wird.
All das lässt sich nun in einem Doppel-DVD-Set bewundern,
das mit reichlich und größtenteils interessantem Bonusmaterial
aufwartet. Zwei Dokumentationen (ein Original-Making of von 1987
und eine Retrospektive fünfzehn Jahre später) liefern
viele Hintergründe und Anekdoten zur Produktion. Hier erfährt
man unter anderem auch, dass die erwähnte legendäre "Kaaahhhh"-Szene
eigentlich noch viel länger konzipiert war, und das Ende des
Films ursprünglich dunkler ausfallen sollte. Man schämt
sich auch nicht zuzugeben, dass diese und andere Änderungen
nach Testvorführungen durchgeführt wurden, um sich mehr
dem Publikum anzupassen. Das muss schließlich nicht immer
eine schlechte Sache sein, denn nur so wurde "Wanda" zu
dem fulminanten Lacherfolg, der er letztlich ist.
Ebenfalls auf der DVD enthalten sind 26 entfallene Szenen, die unter
anderem den ursprünglichen Running Gag enthalten, dass Otto
ständig vorbei laufenden Katzen die Schwänze abschießt
- worauf man in der Endfassung verzichtete, da man schon genug Gemeinheiten
gegen Tiere drin hatte.
Weniger sehenswert ist eine alte BBC-Dokumentation, die die Drehorte
des Films abklappert: Unspektakulär und langweilig inszeniert,
kann man sich dieses Extra getrost sparen.
Auch
der Audio-Kommentar von John Cleese braucht ein wenig Zeit, bis
er in Schwung kommt und käut viele der Informationen wieder,
die bereits die beiden ausführlichen Dokumentationen vermittelten.
Er bietet dann aber schließlich doch noch ein paar sehr interessante
Einblicke in Cleese' Arbeitsweise beim Schreiben und Spielen von
Komik und vermittelt einen Eindruck, was für harte und langwierige
Arbeit eine solch brillante Komödie darstellt. Kleiner Tipp:
Gleichzeitig mit dem Audio-Kommentar sollte man den ebenfalls enthaltenen
Trivia-Track laufen lassen. Während dem Film erscheinen dann
immer wieder kleine Texttafeln mit allerlei Wissenswertem (dass
Archie Leach z.B. auch der bürgerliche Name von Leinwand-Legende
Cary Grant ist, der aus demselben Ort stammt wie John Cleese), die
nicht von den Erzählungen des Kommentars ablenken. Das spart
einen weiteren Extra-Durchlauf.
Insgesamt fällt das Bonusmaterial zwar nicht atemberaubend,
aber sehr zufrieden stellend aus. Bild- und Tonqualität der
Scheibe sind nicht außergewöhnlich, was bei einem technisch
unspektakulären Film wie diesem aber auch kein wirkliches Manko
darstellt. Eine Kaufempfehlung kann man von daher getrost aussprechen,
sowohl für alte "Wanda"-Fanatiker, die gerne einen
intensiven Blick zurück werfen wollen, als auch vor allem für
die bemitleidenswerten Seelen, die dieses Juwel der Kinokomik noch
nicht kennen lernen durften. Diesen Frischlingen seien daher auch
noch ein paar wichtige Richtigstellungen mit auf den Weg gegeben:
Aristoteles war kein Belgier.
Die zentrale These des Buddhismus lautet nicht: Jeder Mann für
sich selbst.
Und die Londoner Untergrund-Bahn ist keine politische Bewegung.
Wie war das im Mittelteil
?
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