Comicverfilmung einmal anders: Statt
den kostümierten Superhelden aus den USA haben wir es hier mit
einer franko-belgischen Vorlage zu tun, deren Umsetzung zwangsläufig
dann auch in französischer Hand landete. Dort erwies sich "Largo
Winch" im letzten Jahr als absoluter Kino-Kassenschlager, der
auch der Comicvorlage Unkundige mit seinen auf Hochglanz polierten
Abenteuern begeisterte. Hierzulande bleibt es bei einem direkten DVD-Start,
das Ansehen ist "Largo Winch" aber allemal wert, auch wenn
in Deutschland nur wenige die erfolgreiche Comicreihe kennen dürften.
Dies
ist allerdings auch gar nicht weiter schlimm, denn wie in solchen
Fällen üblich wird in "Largo Winch" die Herkunft
der Titelfigur erklärt, zudem modernisiert und ändert die
Filmversion etwas die ursprüngliche Geschichte. Da es uns fern
liegt, hier zu viel verraten zu wollen, nur kurz zur Ausgangssituation:
Das "tödliche Erbe" des Untertitels muss Largo Winch
(Tomer Sisley) antreten, da sein Ziehvater Nerio Winch (Miki Manoljovic,
"Irina Palm") auf mysteriöse
Art ums Leben gekommen ist. Während aber der junge Abenteurer
die Mörder seines Vaters sucht, bekommt er noch ganz andere Probleme,
denn seine Erbschaft macht nicht allen Freude: Die Verantwortlichen
der W-Gruppe, Nerio Winchs riesigem Firmenimperium, bleiben skeptisch,
was den plötzlich auftauchenden Erben betrifft. Nur Nerios rechte
Hand Ann Ferguson (Kristin Scott Thomas) scheint dem jungen Mann zu
vertrauen. Und dann droht auch noch Gefahr von außerhalb: Eine
Firmengruppe unter Leitung des mysteriösen Korsky (Karel Roden)
plant eine feindliche Übernahme. Largo muss also schnellstmöglich
die Legitimität seines Erbes nachweisen, eine zunehmend gefährlichere
und alsbald tödliche Aufgabe....
Dass in Frankreich ja nun schon seit Jahren Genrekino auf ausgesprochen
hohem technischem Niveau geboten wird, ist nichts Neues. Neben "Largo
Winch" lief etwa auch "Taken"
(in Deutschland "96 Hours") 2008 erfolgreich und wurde
dann in diesem Frühjahr in den USA zu einem der Überraschungserfolge
des Jahres. Während man dort aber mit Liam Neeson auf ein internationales
Zugpferd setzte, verblüffte die Auswahl des Hauptdarstellers
von "Largo Winch" nicht wenige. Mit Tomer Sisley wurde
ein Standup-Komiker gewählt, der weder einen großen Bekanntheitsgrad
besitzt, noch sich auf den ersten Blick in irgendeiner Form als
Actionheld angeboten hätte.
Aber
der geschickte Schachzug von Regisseur Jean-Christophe Salomé
ging auf, auch weil das ausnahmsweise wirklich mal "neue Gesicht"
die Erwartungen erfüllen konnte. Sisley füllt seine Rolle
mit Charme und einem Look, der ihn von den 08/15-Schönlingen
aus Hollywoods Nachwuchstruppe abhebt. Dazu gesellen sich dann schöne
Drehorte, kurz aber heftig eingesetzte Actionszenen und eine Story,
deren Industrie- und Finanzaspekte natürlich nur den Rahmen
für allerlei Abenteuer, Täuschung und Intrigen liefern.
Es braucht also keiner Angst zu haben, hier würde es nur im
Fachjargon über Firmenübernahmen gehen. Auch wenn man
als Zuschauer den einen oder anderen Braten schon riecht, bevor
er einem aufgetischt wird: Besonderen Spaß machen an "Largo
Winch" die Überraschungen, sowohl was die Identitäten
der Bösewichter betrifft, als auch die von Largo selbst, über
den wir im Laufe des Films immer mehr erfahren. Ist man da wie der
Aufsichtsrat am Anfang skeptisch, so wird auch für den Zuschauer
im Verlaufe des Films immer deutlicher, wie und warum Largo hier
als Mini-James Bond bestehen kann.
Apropos:
Die Anleihen, die "Largo Winch" bei der klassischen Bond-Reihe
macht, sind überdeutlich: Das musikalische Hauptmotiv des Soundtracks
ist etwa so eindeutig von den klassischen John Barry-Scores inspiriert,
dass man da mit einigem Wohlwollen noch von Hommage spricht, bei
etwas mehr Bösartigkeit schon von Plagiat. Aber: Während
sich Herr Bond ja mittlerweile eher wie Herr Bourne ausnimmt und
"Ein Quantum Trost"
alte Fans der Serie endgültig vergrätzte, braucht man
ja vielleicht Nachfolger, die in elegant gefilmten internationalen
Locations haarsträubende Abenteuer erleben. Auch wenn es hier
- wie bei den letzten beiden Bonds - eher um Privates geht anstatt
die Weltherrschaft: Old School Bond-Fans sei ein Blick auf "Largo
Winch" besonders empfohlen, denn er bietet eigentlich alles,
was sie von ihrer (ehemaligen) Lieblingsfilmreihe erwarten.
Nur für jede Menge Liebschaften hat Tomer alias Largo kaum
Zeit, dafür muss er viel zu oft um sein Leben laufen. Und im
Gegensatz zum Comic, in dem Largo ständig von knapp bis gar
nicht bekleideten Damen umgeben ist, bleibt es auch bei einer kurzen
Sexszene. Immerhin reicht es für eben jenes Techtelmechtel
mit der undurchsichtigen Léa (Mélanie Thierry). Auch
wenn Frau Thierry hier als drittgrößter Star genannt
wird, hat sie allerdings nur eine knappe Viertelstunde Leinwandzeit.
"Largo
Winch" wird einem französischen Blockbuster (die unvermeidliche
Fortsetzung ist bereits in Arbeit) angemessen von Sunfilm in einer
schönen Doppel-DVD Edition herausgebracht, die einiges an Extras
auffährt. Ein Interviewspecial für das französische
TV ist ergiebiger und tiefgründiger als die meisten vergleichbaren
Beiträge. Ein 50-minütiges Making Of gibt interessante
Einblicke in den Dreh, in dem sowohl Humor (es wird viel geblödelt
und Tomer Sisley erzählt eine herrliche Anekdote, wie er in
Hongkong mit dem Schauspielkollegen Vincent Elbaz verwechselt wird)
als auch ungeschönte Einblicke in so manche Probleme beim Dreh
gegeben werden: So darf der Regisseur des zweiten Teams mal so richtig
schön fluchen über all die ihn umgebenden unfähigen
Idioten, die ihn täglich zwei bis drei Stunden wertvolle Arbeitszeit
kosten. Und ein Beleuchter macht ein unnachahmliches "Ups"-Gesicht,
als er mit dem Klebeband zur Markierung auch den Lack eines Autos
abzieht. Neben Featurettes mit dem Stunt-Verantwortlichen und dem
Kampfszenentrainer gibt es zudem exklusiv noch ein Interview mit
dem "Largo Winch"-Comiczeichner Philippe Francq, ein Storyboard/Film-Vergleich
und die Trailer zum Film runden das Bonuspaket ab.
"Largo Winch" ist modernes Actionkino auf höchstem
technischen Niveau, bei dem es einzig in der B-Note kleine Abzüge
für Originalitätsmängel gibt. Wer aber den Abenteurer
der Hochfinanz schon aus der Comicvorlage (oder der leicht trashigen
TV-Serie gleichen Namens) kennt oder aber mit gutem Grund neu kennen
lernen will, dem sei dieser Film ans Herz gelegt.
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