Das im Hongkong-Kino erfundene Subgenre
des Gangsterfilms, der heroic bloodshed-Film, wird international
- und das ja auch zurecht - mit einem Namen gleichgesetzt: John Woo.
Der erfand den Stil des Genres 1986 mit "A Better Tomorrow",
lieferte mit "The Killer" 1989 dessen Höhepunkt und
ein auch international anerkanntes Meisterwerk ab und beerdigte das
Subgenre 1992 quasi mit dem alle Eigenschaften zusammenfassenden "Hard
Boiled", seinem Abschiedsfilm von Hongkong. In Woos Schatten
steht aber einer, der fast genau so wichtig für die Entwicklung
der stilprägenden Action-Thriller aus Hongkong war. Dessen "City
on Fire" (1987) beispielsweise wurde von Popkultur- Klauber
Quentin Tarantino in großen Teilen für sein Regiedebüt
"Reservoir Dogs" geplündert. Und mit "Full Contact"
lieferte Lam dann 1993 noch einmal seine Version einer Apotheose von
all dem, was einen heroic bloodshed-Film ausmacht. Dass E-M-S
den Film vor kurzem neu veröffentlicht hat, ist daher Grund genug,
sich diesen unbekannteren, aber sehr gelungenen Beitrag zum einflussreichsten
Filmgenre, das Hongkong hervorgebracht hat, noch einmal genauer anzuschauen.
Wie der Name schon sagt, braucht ein heroic bloodshed-Film
vor allem drei Dinge: Einen Helden, eine heroische Mission, und
dann das Blut, das er während der Erfüllung eben jener
Mission vergießt. Womit dabei sowohl sein eigenes, als auch
das der Gegner gemeint ist. Und wenn es im heroic bloodshed
einen Helden gibt, im Grunde genommen sogar den einzigen, dann ist
das Chow Yun-Fat. Dass dieser in allen oben genannten Filmen die
Hauptrolle spielt ist nur ein Hinweis auf die immense Wichtigkeit
dieses Schauspielers für dieses Subgenre. Yun-Fat war der geborene
(Anti-)Held: Cool und schweigsam wie Eastwood, aber mit der Integrität
eines Zen-Mönchs. Niemand sah in Sonnenbrille oder Ledermantel
cooler aus als Yun-Fat zu "A Better Tomorrow"-Zeiten,
wovon zum Beispiel auch Übergeek Quentin Tarantino maßlos
beeindruckt war, der sich nach Ansicht des Films ebenso diese Utensilien
der Coolness überstreifte, darin aber - so darf man mutmaßen
- nicht ganz so cool aussah wie Chow Yun-Fat.
Yun-Fat ist und bleibt der Inbegriff des heroic bloodshed-Charakters,
der hier in "Full Contact" ähnlich wie in Woos "The
Killer" zwar einen nominell bösen Buben spielt, aber schon
deshalb der (Anti-)Held der Geschichte ist, weil er aus lauteren
Motiven handelt und diejenigen, gegen die er antritt noch viel bösere
Buben sind. Besonders hervorzuheben ist in
diesem Fall sowohl Simon Yams überzeugende Vorstellung als
auch die Rolle des Bösewichts Judge selbst. Denn mit Judge
hat man einen offen schwulen Charakter vor sich, der dabei jedoch
vermeidet, Homosexualität mit Kriminalität explizit gleichzusetzen.
Judge ist ein kaltblütiger Gangster mit Hang zur Showeinlage
(wie ein Zauberer zückt er Waffen aus dem Ärmel), zufällig
auch noch schwul und auf letzteres stolz, gibt es ihm doch noch
eine weitere Möglichkeit, sich vom Rest der Gesellschaft zu
distanzieren.
Diese in ihrer Offenheit recht untypische Figur sorgt auch dafür,
dass der homoerotische Subtext, den man den heroic bloodshed-Filmen
nicht ganz grundlos unterstellt (Männerfreundschaften stehen
über allem, Frauen stören nur und über massive Knarren
als Phallussymbole müssen wir ja nicht mehr sprechen), hier
quasi zu einem Haupttext wird. Judge flirtet ganz offen mit Jeff,
ist sich offensichtlich nicht sicher, ob er ihn töten oder
doch lieber mit ihm schlafen will. Vielleicht war "Full Contact"
auch deshalb in seiner Heimat kein großer Erfolg beschieden,
diese ungewohnt offenen (und natürlich auch Tabus streifenden)
Zwischentöne wollte man so dann vielleicht doch nicht sehen.
Wer aber jetzt denkt, hier würde es sich um ein schwules Selbstfindungsdrama
unter der Maske eines Actionfilms handeln, liegt auch falsch. Es
werden hier nur Elemente, die in fast jedem heroic bloodshed
zu finden sind, überzeichnet. Das kann man als interessant
vermerken oder eben auch ignorieren. Wer sich auf derlei Kontextleserei
nicht einlassen will, hat ja immer noch die toll inszenierten Actionszenen
und Lams manchmal cartoonhaften, manchmal lyrischen Inszenierungsstil.
Storymäßig
ist "Full Contact" nicht grade superanspruchsvoll, aber
dafür waren Hongkong-Filme ja noch nie berühmt. Wie im
heroic bloodshed üblich geht es um Treue, Verrat, Verzicht
und Rache, und an diesen Eckpfeilern wird auch hier nicht gerüttelt.
Der Rausschmeißer Jeff (Chow-Yun Fat) versucht, seinen Freund
Sam (Anthony Wong, "Infernal Affairs") aus der Bredouille
zu helfen. Der hat Geldprobleme und sich mit dem flamboyanten Gangsterboss
Judge (Simon Yam) und seiner psychopathischen Gang eingelassen.
Um Sam zu unterstützen willigt Jeff ein, beim nächsten
Coup zu helfen, um dort prompt verraten zu werden und dann seinen
Rachefeldzug zu starten. So einfach geht's zu. Eine einfache Geschichte,
stimmungsvoll erzählt. Auch das ist ein Markenzeichen des heroic
bloodshed. Dabei gibt es zwar wie im Hongkongfilm durchaus üblich
einige Stotterer in der Geschichte (Sams doppelte Wandlung etwa
wird nicht besonders glaubwürdig präsentiert), aber Genrefans
wird das wenig stören. Die erfreuen sich an der knallharten
Action und stylishen Inszenierung.
Eine
virtuelle Neuerung lange vor der "bullet time" der Wachoswkis
kann Regisseur Ringo Lam hier auch für sich verzeichnen, die
"Full Contact" zum zumindest kleinen Klassiker des Actiongenres
macht: die "bullet cam", bei der die Kamera dem Flug einer
Kugel folgt bzw. diesen simuliert bis hin zum blutigen Ziel. Das
hat man heutzutage nun auch schon öfters gesehen, aber vor
13 Jahren und ohne die allgegenwärtige CGI als Hilfsmittel
war das damals revolutionär. Kein Wunder, dass sich Hollywoods
Actionbranche Anfang der 1990er von Hongkong inspirieren ließ,
da diese zu dem Zeitpunkt in Choreographie und Inszenierung einer
Actionszene einfach weit voraus waren.
Weniger glücklich verlief der Versuch, auch den Regisseur nach
Hollywood zu verpflanzen. Wie jeder übersiedelnde Hongkong-Regisseur
(man frage John Woo oder Tsui Hark) musste Ringo Lam erstmal versuchen,
der belgischen Wuchtbrumme Jean-Claude Van Damme ein Actionspektakel
Maß zu schneidern. Und über den Status ist Lam auch bis
heute nicht herausgekommen, arbeitet weiter in seiner Heimat und
wirft alle paar Jahre einen neuen Klopperfilm mit den "muscles
from Brussels" in der Hauptrolle auf den Markt, zuletzt "In
Hell" (2003). Schade um den Mann und sein Talent, denn dass
Lam durchaus zu Höherem fähig wäre, dafür ist
auch "Full Contact" Beweis genug.
Um so schöner daher, dass dieser Film endlich in einer ordentlichen
Fassung vorliegt: Statt dem vorher vorherrschenden beschnittenen
Vollbildversion kann man den Film nun endlich in seinem Originalformat
(1.85:1) und auch endlich ungeschnitten erleben. Bild und Ton wurden
restauriert, was man beidem anmerkt, wenn auch die Ergebnisse nicht
zwangsläufig brillant sind. So ist das Bild zwar von gröbstem
Schmutz und Kratzern bereinigt, bleibt aber aufgrund der in Hongkong
chronisch schlechten Sorgfalt bei der Aufbewahrung von Originalfilmmaterial
eher durchschnittlich gut. Dafür hat man dem deutschen Ton
(mit seiner, nun ja, eher plumpen Original-Synchronfassung) nachträglich
auf 5.1-Sound neu abgemischt, so dass man sich an einer gewissen
Räumlichkeit von Musik und Soundeffekten erfreuen kann. Allerdings
merkt man auch hier die Limitierungen des Originalmixes an, denn
den Vergleich mit dem Surround-Erlebnis moderner Blockbuster kann
man natürlich mit dem künstlich verteilten Originalmonomix
nicht erreichen.
Dennoch hat "Full Contact" noch nie so gut ausgesehen
und geklungen wie hier, was ihm hoffentlich endgültig vom Stigma
des Bahnhofskinohits befreit. Als Bonus ist nur der Trailer dabei,
aber an Bonusmaterial für DVDs war 1993 ja noch nicht gedacht
und nachträglicher Produktion solchen Materials steht man in
Hongkong ja auch eher skeptisch gegenüber. Dazu kommt wie gesagt
die Restaurierung der damals trotz FSK-18 vorgenommenen Zensurschnitte
und es ist klar: Wer sich mit "Full Contact" einen Klassiker
des Hongkong-Kinos in den Schrank stellen will, kommt an der Neuauflage
nicht vorbei.
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