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Die
deutsche Filmlandschaft zerfällt grob gesprochen in drei Teile: Da
sind als erstes die großen Kinoproduktionen, die dank ausreichendem
Publikumszuspruch mit genug Zuschauern rechnen können, um tatsächlich
einen (beachtlichen) Profit zu erwirtschaften. Diese Sparte beschränkt
sich im Prinzip auf massentaugliche Hit-Komödien (im Normalfall entweder
verbunden mit den Namen Michael "Bully" Herbig oder Til Schweiger),
auf populären Buchvorlagen basierende Kinderfilme und die alljährlichen
Großproduktionen des Bernd Eichinger. Die zweite Sorte umfasst das
breite Spektrum an publikumswirksamer Genreware, die für den Fernsehmarkt
hergestellt wird: Große "Event-Filme" um Naturkatastrophen
oder historische Dramen, romantische Komödien für den Dienstagabend
auf Sat1 oder die endlos verkitschten Schnulzen vor Postkarten-Optik,
die freitags und sonntags den öffentlich-rechtlichen Abend "versüßen".
Und dann gibt es da noch die dritte Gruppe, mit der sich nicht viel Geld
verdienen lässt und die es entsprechend ohne die Unterstützung
durch öffentlich-rechtliche Gebührengelder gar nicht geben würde.
Es ist die Jahrzehnte alte Tradition des "Fernsehspiels" - Spielfilme,
die konkret für und von den Fernsehanstalten produziert werden und
all das erzählen, wozu in den seichten, auf Unterhaltungswert ausgerichteten
Werken der ersten beiden Sparten kein Platz ist. Das Fernsehspiel ist
die Heimat des alltäglichen Dramas, und damit ist es so etwas wie
das deutsche Äquivalent zum amerikanischen Independent-Kino, das
mit Erzählfreude, Mut zum Risiko und einer ordentlichen Dosis Originalität
seine geringen Produktionsmittel kompensiert und ein wertvolles, bereicherndes
Gegengewicht zur Traumwelt Hollywoods bietet.
Manche dieser Fernsehfilme erfahren dank ihrer Qualität einen kleinen
Programmkinolauf und ernten ein wenig mehr Aufmerksamkeit, die meisten
jedoch laufen ihrer Bestimmung entsprechend einmal im TV (meist auf einem
eher undankbaren Sendeplatz) und sind danach quasi von der Bildfläche
verschwunden - ein trauriges Schicksal gerade für die wirklich beachtenswerten
Ausnahmewerke, die sich hier finden. Der DVD-Vertrieb edel motion schickt
sich nun an, zumindest ein paar dieser Filme so etwas wie ein zweites
Leben zu ermöglichen, und veröffentlicht seit Anfang November
2009 unter dem Label "Ausgezeichnet! - Die Gewinner-Filmedition"
deutsche Fernsehfilme, die einen zweiten Blick und eine potentielle Aufnahme
in die Heimkino-Sammlung wahrlich verdient haben.
Den
Anfang machen dabei zwei Filme, die zugleich das landläufige Vorurteil
konterkarieren, dass die öffentlich-rechtlichen Sender den Kontakt
zum jungen Publikum vollkommen verloren haben. Beide spielen im Kosmos
Schule, und beide beweisen einen erstaunlichen, sensiblen Einblick in
die Befindlichkeiten und Nöte von Teenager-Seelen in der heutigen
Zeit. Der erste der beiden nähert sich dem Thema aus der Lehrer-Perspektive:
In "Guten Morgen, Herr Grothe" von Regisseur Lars Kraume geht
es um einen von Sebastian Blomberg verkörperten Deutschlehrer, der
soviel Engagement und Idealismus in seinen Unterricht investiert, dass
sein Privatleben darüber auf der Strecke bleibt. Dabei drängen
sich Erfolgserlebnisse an Grothes Arbeitsplatz alles andere als auf: Er
unterrichtet eine Klasse von "Problemkindern" und hat seine
liebe Not, seinen Schülern auch nur im Ansatz Freude an oder Faszination
für Literatur zu vermitteln.
Zentrale Reibungsfläche für Grothes Bemühungen ist sein
Schüler Nico (Ludwig Trepte), ein klassischer "Troublemaker",
der weder seine Aggressionen noch den ständigen Impuls, sich gegen
jede Form von Disziplinierung zu widersetzen, kontrollieren kann und Grothes
größte Herausforderung wird. Ein psychologisch komplexer und
dramatischer "Zweikampf" setzt ein, wo auf jeden vielversprechenden
Fort- der nächste, demotivierende Rückschritt folgt und die
deutliche Gefahr besteht, dass Grothe über sein Engagement für
und um Nico seine nächste Chance auf etwas privates Glück verspielt.
"Guten Morgen, Herr Grothe" wurde 2008 mit insgesamt fünf
Grimme-Preisen ausgezeichnet, dem renommiertesten deutschen Fernsehpreis,
u.a. für Regisseur Kraume, die Drehbuchautorin Beate Langmaack und
die beiden Hauptdarsteller Blomberg und Trepte. Alles mehr als zurecht,
denn was sich hier entfaltet, ist ein psychologisch feinsinniges, von
tiefen Einblicken in die Figuren und ihre komplexen Persönlichkeiten
geprägtes Drama, das sich einer konventionellen, einfachen Lösungen
verpflichteten Erzählung eindrucksvoll verweigert. Großartig
fängt der Film die Atmosphäre des Klassenraums ein, zeigt
Grothes Schüler im glaubwürdig-realistischen Spannungsfeld zwischen
der emotionalen Aufruhr der Teenager-Zeit und der permanenten Angst, dass
die eigene, von bemühter Coolness bestimmte Außenfassade einen
Riss bekommen könnte, der Hohn und Spott der Mitschüler Tür
und Tor öffnet.
Ehrliche Gefühle werden in diesem Film fast nie direkt und offen
ausgesprochen, aber was manche Sätze und Statements darüber
verraten, was sich hier bei den Schülern unter der Oberfläche
tut, das ist hochspannend und grandios erzählt. Am Anfang des Films
fordert Grothe seine Schüler auf, eine Antwort auf die paradox erscheinende
Frage "Hallo, wie geht es mir?" zu Papier zu bringen. Und die
Antworten, welche die Schüler über den Film verstreut auf diese
Frage geben, sind wahre Kleinode der feinfühligen Figurenzeichnung,
die Autorin Beate Langmaack zum heimlichen, eigentlichen Star dieses Films
machen. "Guten Morgen, Herr Grothe" fasziniert als ein intimes
Drama, das in seinen stillen Momenten am intensivsten fesselt, getragen
von großartigen Schauspielleistungen und Dialogen, die gerade deshalb
so eindrucksvoll sind, weil sie in wenigen und einfachen Worten unglaublich
viel auszudrücken verstehen.
Ganz
ähnlich kann man auch über den zweiten Film urteilen, "Ihr
könnt euch niemals sicher sein" von der Regisseurin Nicole Weegmann,
wie "Guten Morgen, Herr Grothe" Gewinner des Grimme-Preises
und gesegnet mit einem grandiosen Drehbuch, diesmal aus der Feder des
Autoren-Duos Eva und Volker Zahn. Der Film widmet sich der Kehrseite der
leider auch in Deutschland zu trauriger Regelmäßigkeit gekommenen
Amokläufe von Teenagern: Eine unter überbesorgten Eltern und
Erziehern einsetzende, paranoide Angst, dass sich so etwas auch in ihrem
Umfeld, an ihrer Schule zutragen könnte. Ausgestattet mit gefährlichem
Halbwissen über angebliche Indikatoren, Symptome und Verhaltensmuster,
die aus einem eigenbrötlerischen Einzelgänger einen potentiellen
Amokläufer machen, schlagen die übervorsichtigen Erwachsenen
wie ein hypersensibles "Frühwarnsystem" Alarm, wenn gar
keiner nötig ist, und treten damit das eigentliche Drama erst selbst
los.
Oliver heißt der Junge, an dem sich in diesem Film alles entzündet.
Portraitiert wird er wiederum von Ludwig Trepte, der sich mit diesem Film
und "Grothe" nachhaltig als einer der beeindruckendsten und
talentiertesten Jungakteure Deutschlands etablierte und das Zeug zum echten
Star hat. Oliver hat quasi keine Freunde und lebt in seiner eigenen Welt,
und die ist dominiert von HipHop. Seine eigenen Texte, in denen Oliver
seine Gefühle und Frustrationen aufarbeitet, lassen ein erstaunliches
Talent erahnen - wenn sich nur mal jemand richtig mit ihnen beschäftigen
würde. Doch als Oliver in einer Deutscharbeit anstatt einer konventionellen
Analyse über die Selbstmord-Motivationen von Goethes jungem Werther
einen poetischen Raptext über Werthers Seelenlage schreibt, verpasst
ihm seine Lehrerin eine glatte 6 - Thema verfehlt. Als Oliver darauf ausrastet
und die Lehrerin einen anderen Text von ihm entdeckt, gespickt mit Rachefantasien
und Beschimpfungen
gegen sie, nimmt die Spirale der Ereignisse ihren Lauf: Oliver wird für
potentiell gefährlich erachtet, auf seinem Computer finden sich Gewalt
verherrlichende Computerspiele, und ehe Oliver es sich versieht, hat man
ihn vorsichtshalber erstmal in die Psychiatrie eingewiesen. Da kommt er
zwar bald wieder raus, doch in seinem normalen Umfeld haben er und seine
Familie nun massiv mit den Folgen der "gestörter Gewalttäter"-Gerüchte
zu kämpfen.
Der programmatische Titel "Ihr könnt euch niemals sicher sein"
ist ein Statement von Oliver gegenüber seinen Eltern, mit dem er
verzweifelt ihr Vertrauen und ihren Beistand einfordert - trotz ihrer
Zweifel, ob er nun einfach nur eigenwillig oder ernsthaft gefährlich
ist. Was sich wirklich in einer gebeutelten Teenager-Seele tut, kann man
als Erwachsener nur noch schwerlich nachvollziehen, doch das die "Lieber
erstmal das Schlimmste annehmen"-Paranoia nicht der richtige Weg
ist, um dieser Angst zu begegnen, ist das passionierte Anliegen dieses
Films. Oliver ist genau genommen ein sehr gesunder Teenager, gesegnet
mit einem extrem wachen Geist und getrieben von dem unbedingten Willen,
er selbst sein zu dürfen - ihm doch egal, was andere von ihm denken.
Oliver tut eigentlich nicht mehr, als das Recht einzufordern, nicht bei
dem "normalen" Bullshit mitmachen zu müssen, sich nicht
zwingen zu lassen, Konventionen und gesellschaftlichen Verhaltensregeln
zu folgen, die seine Individualität beschneiden wollen. Doch das
reicht in der Anpasser-Mentalität des Mittelstands dafür aus,
gerade von den Leuten stigmatisiert zu werden, die Olivers Talente und
seine Entwicklung eigentlich fördern sollten.
Wirkung
und Glaubwürdigkeit von "Ihr könnt euch niemals sicher
sein" gewinnen dabei ganz enorm, da sich der Film nicht aufgesetzt
anfühlt. Bewusst und wohldosiert greifen die Autoren immer wieder
zu krassen Zeilen und derben Kraftausdrücken, bei denen so manch
spießbürgerlicher ARD-Zuschauer wahrscheinlich vor Schreck
vom Stickdecken verzierten Sofa gefallen ist. Für den Film ist diese
unverblümte Sprache eine Wohltat, gibt sie ihm doch das entscheidende
Maß an Authentizität, um gerade von denen ernst genommen zu
werden, für die er das meiste Verständnis aufbringt: Teenager
auf der Suche nach sich selbst, gefangen im Spannungsfeld zwischen dem
Erwartungsdruck der Eltern und dem Gruppenzwang ihrer Altersgenossen.
Genau wie "Guten Morgen, Herr Grothe" ist auch "Ihr könnt
euch niemals sicher sein" nicht wirklich eine in sich geschlossene
Geschichte, denn eine Bestandsaufnahme, ein Stück echtes Leben mit
sensiblem Blick für echte Menschen. Hier geht es nicht um Lösungen,
sondern um Empathie. Das ist spannend, faszinierend, erzählt ganz
sicher mehr über die Welt vor dem eigenen Fenster als die sonstige,
schön geföhnte TV-Genreware, und ist eine Bereicherung für
die hiesige Filmlandschaft, die man nicht missen möchte.
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F.-M. Helmke
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