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STAR TREK - Mit der ENTERPRISE zurück in eine bessere Zukunft? - Staffel 3

Staffel 3: Mut zum Risiko

Es war dann doch allen Beteiligten irgendwie klar geworden: Nach Anfangserfolgen aufgrund des interessanten Konzepts und der Neugier des Publikums war man auch mit "Enterprise" viel zu schnell wieder ins bekannte Fahrwasser zurückgerudert. Auch die Geschichten über die Anfänge der Sternenflotte bestanden viel zu oft nur aus dem "Alien der Woche" und den schön nach Wichtigkeit der einzelnen Figuren verteilten Charakterepisoden. Alles solide und ansprechend inszeniert, aber eben nach rund 600 "Star Trek"-Folgen einfach auch zu wenig, um die Zuschauer noch auf Dauer zum Wiedereinschalten zu bewegen.
Was daher im Jahr 2003 mit Staffel Drei der bisher letzten Trek-Serie geschah, muss als der mutigste und radikalste Schritt seit Beginn der "Next Generation" in den 80er Jahren bezeichnet werden. Schon die Einführung der "Xindi" in der letzten Folge der zweiten Staffel ließ Bedeutendes erwarten, denn wer mit einer unbekannten Waffe eine gewaltige Schneise in die Erdoberfläche schneidet und dabei mehrere Millionen Menschen tötet, wird nicht in einer einzigen Doppelfolge abgehandelt werden. So macht sich also die Crew von Captain Archer zu Beginn von Staffel Drei in Richtung Heimat der Xindi auf, die Ihnen allerdings genauso unbekannt ist wie die Rasse selbst. Das Ziel lautet die Bedrohung der Erde zu beenden, wenn möglich durch friedliche Verhandlungen, sonst halt irgendwie.

Bei uns in Deutschland erscheint seit mehr als 40 Jahren sehr erfolgreich die Romanheftserie "Perry Rhodan", die sich in einzelne Zyklen von meist hundert Heften Länge aufteilt und bei der ein typisches Szenario in etwas so aussieht: Die Erde wird von einer zunächst übermächtig erscheinenden Rasse bedroht und eine Gruppe aufrechter Helden findet Stück für Stück heraus, wo die Fremden herkommen, wie ihre Galaxis aufgebaut ist und welches Gesellschaftssystem dort herrscht. Dabei gewinnen Sie unterwegs neue Verbündete und dringen weiter ins Zentrum der fremden Macht vor.
Nun werden die Verantwortlichen bei Paramount wohl kaum dieses deutsche Druckerzeugnis vor Augen gehabt haben, aber all das eben Gesagte lässt sich trotzdem zu einhundert Prozent auf das dritte Jahr der "Enterprise" übertragen. Wie bei einer Zwiebelschale legt man Schicht um Schicht der Xindi-Galaxie frei, gewinnt an Wissen und Erfahrung und nähert sich dem Ziel. Dieser Handlungsbogen ist dann nicht mehr nur übergreifende Hintergrundgeschichte, wie der große Krieg zu Hochzeiten von "Deep Space Nine", sondern er dominiert und bestimmt praktisch jede Folge. Und das bedeutet dann konsequenterweise auch, dass keine Zeit und kein Platz mehr bleibt für die gewohnten Einzelepisoden, welche sich mit den Problemen (oder auch oft nur "Problemchen") der einzelnen Figuren beschäftigen.
Es führt aber auch dazu, dass die bei unseren Besprechungen sonst gewohnte Hervorhebung einzelner besonders ge- oder misslungener Episoden diesmal wenig Sinn macht. Wollen wir es trotzdem versuchen und zumindest auf einige besondere Highlights hinweisen. In "Rajiiin" gerät die Crew bei ihrer Xindi-Spurensuche an einen wirklich interessanten Passagier, in "Exil" an einen mächtigen Telepathen, dessen Hilfe einen zu hohen Preis kostet. Im Laufe von "Die Ladung" lernen wir zum ersten Mal einige "Xindi" kennen und erfahren, dass diese in ganz unterschiedlichen Ausprägungen auftreten, reptilartig oder auch insektoid. In "Kriegslist" geht Captain Archer mit seinen Methoden weit über alles Heldenhafte hinaus und wirft damit einige interessante moralische Fragen auf. Als ein wenig störend für den Verlauf der Haupthandlung erweisen sich diesmal die - für sich genommen durchaus gelungenen - Zeitreise-Episoden "Dämmerung" und "Carpenter Street". Sehr interessant ist hingegen der sich durch die gesamte Staffel ziehende Konflikt mit den der Crew von "Oben" aufgezwungenen Militärvertretern. Und in den letzten Episoden geht es dann schließlich um den Kampf gegen die "Superwaffe" der Xindi, kulminierend in die mit Action nur so voll gestopften Folgen "Azati Prime" und "Stunde Null".

Es machte wohl selten soviel Spaß (und Sinn), sich ein Jahr "Star Trek" am Stück anzusehen, und daher sind die 24 Folgen der jetzt vorliegenden DVD-Box auch ein wirklicher Genuss. Den Spaß an der neuen Herausforderung merkt man Machern und Darstellern auch im obligatorischen Staffelrückblick deutlich an. Dazu kommen Hintergrundinfos, Outtakes und ein Portrait von Connor Trineer. Besonders hervorzuheben sind aber die zwei Episoden mit Audiokommentar, wobei besonders der Talk Track von Autor Manny Coto zu "Ebenbild" zu empfehlen ist. Coto brachte mit seinen Ideen frisches Blut in die Franchise und ist ganz sicher einer der Hauptverantwortlichen für den qualitativen Aufschwung der Serie. Denn das Fazit zum dritten Jahr "Enterprise" fällt eindeutig aus: Hier haben wir das beste "Star Trek" der gesamten letzten Dekade.

Volker Robrahn