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"Snowpiercer" - Interview mit Regisseur Bong-Joon ho

Man darf wohl behaupten, dass es sich bei „Snowpiercer“ um eine Comic-Verfilmung mit reichlich Herzblut handelt. Denn der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho, der hierzulande vor allem durch seinen modernen Monsterfilm „The Host“ sowie das auf diversen Filmfestivals prämierte Drama „Mother“ bekannt wurde, kümmerte sich persönlich um die Verfilmung und Finanzierung seines Lieblingsprojektes und suchte dafür den Kontakt mit Jean-Marc Rochette, dem französischen Schöpfer der bei uns erst kürzlich als „Schneekreuzer“ im Verlag Jacoby & Stuart erschienenen Comic-Vorlage. Filmszene sprach mit dem Regisseur anlässlich der Vorstellung seines Filmes in Deutschland.

 

snowpiercer plakatFilmszene: Sie erzählen gerne, dass Sie der „Schneekreuzer“-Comic sehr beeindruckt hat, trotzdem haben Sie von der Vorlage im Prinzip lediglich die Grundidee übernommen sowie eine abgewandelte Version der Hauptfigur. Warum diese drastischen Änderungen?

Bong Joon-Ho: Diese Grundidee war es, die mich in erster Linie fasziniert hat – die letzten Überlebenden der Menschheit in einem Zug der niemals anhält. So sehr ich den Comic mag, so war für mich doch von Anfang an klar, dass ich die Erzählstruktur für einen Kinofilm ändern muss, wenn die Geschichte dort funktionieren soll. 

Immerhin hat Rochette, der Zeichner des Comics selbst eingeräumt, dass er Ihre Version der Geschichte sogar für die Stärkere hält.

Das ist natürlich ein großes Kompliment, aber die Autoren der Vorlage waren grundsätzlich unglaublich großzügig. Es gab keinerlei Wünsche oder Einschränkungen sondern hieß von Anfang an: „Mach es so wie Du meinst“. Rochette hat dann sogar aktiv mitgewirkt, von ihm stammen die Zeichnungen und Portraits, die eine der Figuren im Zug in Ermangelung eines Fotoapparates anfertigt. Er lebt ja hier in Berlin und ich werde ihn heute Abend besuchen, denn wir sind gute Freunde geworden.

Wie ist es Ihnen denn gelungen die durchaus namhafte Besetzung zusammen zu bekommen? Ein koreanischer Film, der in Ost-Europa nach einem französischen Comic gedreht wird, ist ja nicht das typische Projekt für Hollywood-Schauspieler.

Das war gar nicht so schwer wie man vielleicht denken mag. Ich hatte schon mal damit Glück, dass Südkorea zunächst das einzige asiatische Land war, in dem „Schneekreuzer“ veröffentlicht wurde. Ich war allerdings auch schon ein großer Comic-Fan bevor ich diesen Band entdeckte. Die Geschichte selbst ist aber sehr international und daher sollte das auch die Besetzung sein. Als Erste im Boot war dann Tilda Swinton, die „The Host“ sehr mochte und mich beim Festival in Cannes darauf ansprach. Sie wollte gern einmal mit mir zusammenarbeiten und sagte dann sofort für „Snowpiercer“ zu. Das war eine große Hilfe, denn dann kam der Domino-Effekt zur Geltung, da einer nach dem Anderen meiner Wunschkandidaten zusagte, von John Hurt über Ed Harris bis zu Chris Evans für die Hauptrolle.       

Starke Schauspieler, die Charaktere verkörpern die einen im Laufe der Handlung zum Teil ans Herz wachsen, mit denen Sie aber - was deren

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Bang Joon-ho mit der deutschen Ausgabe des "Schneekreuzer"-Comics.

Schicksal angeht - recht brutal umgehen. Da ist dann für den Zuschauer der eine oder andere Schlag in die Magengrube dabei.  War das von vornherein Ihr Ansatz oder gab es zwischendurch auch mal die Überlegung, mit den Figuren etwas „gnädiger“ umzugehen?

Nein, denn es ist eine große, universelle Geschichte wenn auch auf beengtem Raum. Und die erfordert nun mal viele ehrenvolle Opfer um den Status Quo zu verändern. Das bedeutet dann einiges an Blut und Tod, aber trotzdem gibt es ja auch ein Signal der Hoffnung – ein sehr starkes sogar. Aber was das Schicksal der einzelnen Figuren angeht, so stand das schon seit dem ersten Entwurf fest und hat sich seitdem auch nicht mehr verändert.  Wobei wir, was die visuelle Gewaltdarstellung angeht, eigentlich recht zurückhaltend sind, vieles wird ja gar nicht direkt gezeigt sondern nur angedeutet.  Da gehen gerade einige meiner koreanischen Kollegen oft ein ganzes Stück härter zur Sache (lacht).

Es gibt aktuell so etwas wie eine Welle an  Endzeitstoffen, von den „Hunger Games“ bis zu „The Walking Dead“ und auch „Snowpiercer“ reiht sich da mit ein. Woher rührt Ihrer Meinung nach das Interesse an dieser Art Geschichten?

Das stimmt schon, es gibt da zurzeit einiges in der Richtung und vieles ist sehr erfolgreich. Woran das liegt? Vielleicht haben die Leute das unbewusste Empfinden, dass sie in einem System leben das für die Meisten  nicht wirklich funktioniert. Aber es bedarf einiger Anstrengungen um grundsätzlich etwas zu ändern und die Strukturen aufzubrechen. So ist es ja auch in meinen Film, in dem der Zug ebenfalls für ein bestimmtes System steht, mit dem sich viele irgendwann aber nicht mehr abfinden wollen.

Ein Punkt den wir auf jeden Fall ansprechen müssen ist die Situation um die Veröffentlichung von „Snowpiercer“ in den USA. Dort hatte die Weinstein Company ja angekündigt den Film um fast eine halbe Stunde kürzen zu wollen, da er sonst für das durchschnittliche amerikanische Publikum nicht verständlich sei. Sie waren von diesem Plan natürlich nicht sehr begeistert. Wie sieht es da jetzt aus?

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Bang Joon-ho beim Interview mit Filmszene-Redakteur Volker Robrahn

Es ist eine lange Geschichte und auch ich als Regisseur des Films war dabei nicht in jedes Detail der Verhandlungen involviert. Aber vor wenigen Wochen sind wir nun zu einer Einigung gekommen. „Snowpiercer“ wird Ende Juni auch in den USA anlaufen und er wird in meiner Version, also dem „Director’s Cut“ zu sehen sein. Allerdings wird er nun in weniger Kinos laufenals ursprünglich mal geplant. Doch mir ist es so lieber als anders herum. Wobei ich mich schon wundere, wenn ein Vertreter des dortigen Verleihs sagt, diese Version des Films sei dem Zuschauer in Kansas oder Oklahoma nicht zumutbar und für den eigentlich zu intelligent. Daraufhin habe ich schon Kommentare von Leuten gelesen, die empört meinten „Hey, ich bin aus Oklahoma ich liebe asiatische Filme und ich möchte verdammt nochmal den vollständigen Film sehen“. Gerade in den USA werden doch außerdem zurzeit sehr viele ziemlich intelligente Fernsehserien gemacht, ich glaube daher nicht, dass das Publikum dort wirklich so „dumm“ ist.   

Hätten Sie denn Interesse daran sich auch einmal in  diesem Bereich zu versuchen, mit der Möglichkeit längere  Handlungsbögen und ausführliche Charakterstudien zu entwerfen?

Das hat mir mein amerikanischer Agent zwar auch schon vorgeschlagen, aber eigentlich nicht, nein. Ich bin eher ein Mann des Kinos und bevorzuge es einen Film für die große Leinwand zu entwerfen und eine Geschichte in zwei Stunden zu erzählen. Das ist meine Welt.

Volker Robrahn

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