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VORSICHT! SPOILERWARNUNG!
Der folgende Text enthält
Details über die Handlung von "Der Sturm".
Wer diesen Film noch nicht gesehen hat und sich nichts darüber
verraten
lassen möchte, sollte sich in sein Schlafzimmer verkriechen,
das Licht ausschalten und nie wieder eine Zeitung in die Hand nehmen.
Am Tage meines Todes, da werde ich ihn zu mir bitten. An mein muffiges
Lager soll er kommen, ganz nah an mein fahles Gesicht, und dann
werde ich ihm meine letzten Worte einhauchen. "Wie konntest
Du mir das antun," werde ich grunzen, "damals, an jenem
Sommerabend im Biergarten..."
Es sind diese Momente, an die man sich ewig erinnert. Schätze
ich. Damals im Biergarten, unter traurigen Eichen, das war einer
davon. Als ein Freund mir alle Details eines Films verriet, auf
den ich Monate gewartet hatte. Als er mich schließlich gar
in Kenntnis darüber setzte, daß die Hauptdarstellerin
am Ende von einem Laster plattgefahren wird.
So war das. Damals, im Biergarten.
Nun, ich habe besagten Film bis heute nicht
gesehen - und nach dem, was man hört, habe ich auch nicht viel
verpaßt - aber was damals passierte, im Biergarten unter Eichen,
war der klassische "Spoiler" und wird mich als Angstvision
bis an mein Lebensende begleiten. Wie jeden anderen, der nichts
großartigeres kennt, als sich in einem stockdunklen Saal mit
Popcorn in der Hand eine gute Geschichte erzählen zu lassen,
für die er vorher 15 Mark hingelegt hat.
Ärgerlich ist es, wenn in einer Filmkritik
ein paar Details zu viel verraten werden, oder man zwischen den
Zeilen den Verlauf der Handlung erahnen kann. Zum Glück sind
die meisten Rezensenten eigentlich recht klar im Schädel und
achten darauf, nichts vorwegzunehmen.
Eigentlich. Bisher. Aber dann kam "Der Sturm", und mit
"Dem Sturm" wurde alles anders.
"EINE BESONDERE BITTE AN DIE KOLLEGEN
VON DER PRESSE," heißt es im Begleitheft dieses Films
bedeutungsschwanger, "Warner Bros. und die Filmemacher danken
für Ihre Mitarbeit: Bitte verraten Sie Ihren Lesern, Zuschauern
und Zuhörern nicht das Ende der Geschichte!" - Merkwürdig,
oder? Liegt das nicht auf der Hand? War das nicht schon immer so?
Wer verrät denn das Ende eines Films? Ist diese Bitte nicht
so eigenartig, als würde man einem Bäcker sagen, er soll
auch morgen nicht in den Brötchenteig pupsen?
Man kann nur über die Folgen dieser abnormen Bitte mutmaßen.
Vielleicht ergab "minus" mal "minus" ja "plus",
vielleicht war es auch nur ein kollektives Aufbegehren der Presse
gegen diese Form der Entmündigung.
Wie dem auch sei. Die CINEMA, omnipräsente Institution und
Göttin des Kinojournalismus, ließ mit einem Feature über
den Blockbuster mit Clooney und Wahlberg nicht lange auf sich warten.
Gewohnt souverän werden die Produktionsnotizen aus dem Presseheft
abgefeiert, und ganzseitige Screenshots machen Appetit auf mehr.
Und natürlich darf der Hinweis auf die "Wahre Geschichte"
nicht fehlen, auf der die Handlung beruht. Von der Nußschale
"Andrea Gail", die vom krassesten Sturm aller Zeiten angepustet
wurde. Logo. Aber dann, Peng! "Der Oscar-Preisträger sollte
Billy Tyne darstellen, jenen Hochseekapitän, der am 29.Oktober
1991 mit dem Fischtrawler Andrea Gail vor Amerikas Ostküste
in einen Jahrhundertsturm geriet und dabei Schiffbruch erlitt. Tyne
und seine fünfköpfige Besatzung ertranken." Leckofanni!
Derart gut informiert wird die Spannung den Leser im Kinosaal förmlich
aus dem Sessel reißen.
Ist aber auch klar, oder? Wenn die Handlung auf einer wahren Geschichte
beruht, dann darf man auch alles verraten, ganz egal, ob man hierzulande
jemals von einem Schiff (geschweige denn von einer Frau) namens
"Andrea Gail" gehört hat.
Ein letzter Hoffnungsschimmer bleibt allerdings:
Vielleicht haben die Zahnräder Hollywoods die Geschichte ja
ein bißchen modifiziert - wer weiß, ob das Ende immer
noch den Tatsachen entspricht. Auch hier erweist sich die CINEMA
jedoch als hilfreich. Man will ja niemanden dumm sterben lassen,
daher die Bemerkung "..., ungeachtet der Tatsache, daß
die Geschichte kein Happy-End hat." WOW! Klasse! Könnt
ihr mir bitte noch verraten, welches Gesicht George Clooney beim
Ersaufen macht?
Können sie nicht. An dieser Stelle wurde es vielleicht selbst
dem Cinema-Schreiber unheimlich, weswegen er auch kurzerhand auf
die Nennung seines Namens verzichtete. Und sogar eine wirkliche
Rezension des Streifens haben die Jungs von "Europas größter
Filmzeitschrift" geschlabbert - vielleicht in der Hoffnung,
der Schnitzer würde dann nicht weiter auffallen. Was für
Weichkekse. Wenn schon, denn schon.
Aber wir als "the public" mit
dem gewissen "right to know" brauchten ja nur zu warten,
bis sich die Tagespresse auf den Effektknaller von Wolfgang Petersen
stürzte. Dann blieben eigentlich wirklich keine Fragen mehr
offen, die Wolken lichteten sich und machten den Blick frei auf
jedes beschissene Detail eines großartigen Films. Den brauchte
man sich danach wirklich kaum noch ansehen.
Den Vogel schoß in dieser Hinsicht
die "Süddeutsche Zeitung" ab, Deutschlands großes
linksliberales, quasi-intellektuelles Tagesblatt. H.G. Pflaum, das
Fallobst der Feuilletonistenzunft, spuckte kräftig in die Hände
und lieferte eine journalistisch
saubere Review von epischer Breite. Den Kollegen immer einen
Schritt voraus, dürfen natürlich die saftigen Szenen aus
der zweiten Hälfte des Films nicht fehlen, schließlich
muß die Öffentlichkeit informiert sein: "Wenn Murph
über Bord geht, ist es sein Feind Sully, der als erster über die
Reling hechtet, um den Kollegen zu retten; wozu sonst hätte der
vorausgegangene Kleinkrieg der beiden dienen können?", prahlt
Pflaum mit seiner überaus genialen Technik der Filmanalyse.
"Petersen lässt ein Containerschiff im Sturm taumeln, bis die
Fracht über Bord geht wie Zündholzschachteln; er führt ein Segler-Trio
ein, das mit einer kleinen Yacht in Seenot gerät. Die heroischen
Parajumpers im Helikopter der Air Force bergen sie in einer spektakulären
Aktion, bevor sie selbst abstürzen und von den Helden der Küstenwache
aus den tobenden Fluten gerettet werden," liest man fassungslos,
während einem das Frühstücksbrötchen ob solcher
Freizügigkeit in den Schoß fällt.
Doch damit nicht genug!! Pflaum ist mit
seiner schonungslosen Abrechnung noch lange nicht am Ende, während
er schon längst aus den Augen verliert, daß er nicht
unbedingt den ganzen Film nacherzählen sollte. "Bis zum
Hals im Wasser, eingeschlossen in der Brücke des kieloben sinkenden
Schiffs, betreiben die letzten beiden Lebenden gepflegte Konversation
über den Sinn ihres Unternehmens," wird hier über die
offensichtlich groben Schwächen im Dialog gelästert. Man
merkt es schon, unser engagierter Schreiberling der "Süddeutschen"
beginnt, sich zu vergessen. Gleiches galt für tausende Leser,
in denen mit jeder Zeile das Bedürfnis gewachsen sein dürfte,
hinter dem Zeitungsboten herzurennen und ihm das Blatt mitsamt Filmkritik
an den Hinterkopf zu schmeißen.
Doch einmal heißgelaufen, gibt es
für H.G. Pflaum kein Halten mehr. "Eine grandiose Einstellung
wird man wohl dennoch so schnell nicht vergessen, weil sich in ihr
hinter all dem angestrengten physischen Aufwand endlich so etwas
wie eine metaphysische Dimension zu öffnen scheint: Da treibt am
Ende Bobby, klein wie eine Haselnuss, zwischen haushohen Wellen,
und es ist, als hätte sich Edgar Allen Poes apokalyptischer Strudel
des Malstroms aufgetan, um den verlorenen Menschen zu verschlingen,"
entlockt er dem Petersen-Stoff todesmutig seine philosophische Komponente
und liefert brillanten Mumpitz aus der Sicht seines exponierten
Redakteurs-Sessels.
Am Frühstückstisch fühlt
man sich in solchen Momenten ein bißchen wie der arme Bobby.
Zwischen mietshausgroßen Wellen, verloren im Orkan. Machtlos.
Nach Luft schnappend. Der Zeitungsbote ist längst drei Straßenzüge
weiter. Keine Chance, ihn mit dem "apokalyptischen Strudel
des Malstroms" noch am Hinterkopf oder sonstwo zu treffen.
Am Tage meines Todes, da werde ich ihn
zu mir bitten. Herr Pflaum, werde ich sagen, Herr Pflaum... Vielleicht
leide ich dann an einer ansteckenden Krankheit und stecke ihn damit
an.
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