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11.06.2007
Erstaunlich aber wahr, dass eine deutsche
Sagengestalt im Jahre 2007 ihre Auferstehung feiert im unförmigen
Körper eines Mafiosi-artigen amerikanischen Filmproduzenten.
Gestatten: Harvey Weinstein, Reinkarnation des Baron von Münchhausen.
Beruf: Lügenbaron (bisweilen auch Erpresser, Halsabschneider
und Filmzerstörer). Sein neuestes Opfer: "Grindhouse".
Es war eigentlich ein bombensicheres Konzept,
Tarantinos und Rodriguez' "Grindhouse", und die Geschichte,
wie dieses Konzept dann im Gesicht der Beteiligten explodierte,
ist so wirr wie unnötig. Dabei war doch am Anfang alles einfach
und klar:
"Grindhouse"
- zwei der hippsten Regisseure drehen zwei kurze Trashfilme, die
dann als Double Feature im Stil der amerikanischen B-Filmkinos (eben
jene "grindhouses") vergangener Tage zusammen für
den Preis eines Einzelfilms gezeigt werden. Das an sich simple Rezept
wurde aber schon im Nu in Einzelteile zerlegt, seitens der Regisseure
und seitens des Produzenten. Tarantino und Rodriguez wichen schnell
von der ursprünglichen Vorgabe ab, ihren jeweiligen Film in
einer guten Stunde über die Bühne zu bringen, und aus
dem Zwei-Stunden-Film wurde (wie bei Tarantino ja nach den "Kill
Bill"-Filmen leider zu erwarten) ein über drei Stunden
langes Epos, was sich später noch als fatal herausstellen sollte.
Fatal war im Voraus bereits Harvey Weinsteins Geschäftsgebaren
für die ausländischen Filmmärkte. In der Branche
auch als "Harvey mit den Scherenhänden" bekannt,
weil er ungeachtet künstlerischer Absichten der Regisseure
gerne mal Schneideraum-Massaker anordnet, machte Harvey seinem Namen
wieder alle Ehre, in dem er das "Grindhouse"-Double Feature
für alle nicht-englischsprachigen Länder in zwei separate
Teile schnitt, unter der mehr als absurden Begründung, dass
in Europa die Leute mit einem Double Feature nichts anfangen könnten,
weil sie ja keine "Grindhouse"-Tradition hätten.
Abgesehen davon, dass etwa Großbritannien, auch nicht grade
als Mekka der B-Filmkinos bekannt, aus dieser Weinstein-Logik herausgenommen
wurde, stank diese Begründung natürlich schlimmer als
drei Wochen alter Fisch. Das Konzept "Zwei Filme zum Preis
von einem" dürfte, so will man doch meinen, international
verständlich sein. Da roch es also wieder ganz stark nach der
Art von Abzocke, bei der man auch zweimal zahlen durfte, um Bill
gekillt zu sehen.
Dummdreist
ging Harvey nach den ersten Protesten enttäuschter Überseefans
in die Offensive, indem er den schwarzen Peter erst an die jeweiligen
Verleihfirmen abgeben wollte, die dies angeblich selbstständig
veranlasst hatten. Eine dreiste Lüge, die auch prompt innerhalb
kürzester Zeit enttarnt war. Daraufhin nötigte Harvey
Münchhausen seine Regisseure, die erzwungene Teilung als eigenen
Wunsch auszugeben, was ebenfalls nachweislich gelogen ist, hatten
doch beide Regisseure über Wochen vorher sich ausgiebig über
das Konzept ausgelassen und immer betont, das "Grindhouse"
ein Filmprojekt sei.
Dass Tarantino und Rodriguez dann unter Druck einknickten wie die
Knochen ihrer Filmprotagonisten, verweist auch mal wieder auf die
Grenzen der sogenannten "Independent Studios". Denn Independent
war etwa Miramax schon zu Boomzeiten vor einer Dekade längst
nicht mehr, und kreative Freiheit wurde unter der Weinstein-Ägide
schon damals zugunsten des Profits aus dem Fenster geworfen. Dass
dies unter dem Mantel der "Weinstein Bros. Co." nicht
besser werden würde, ist da nur folgerichtig. Aber wer sich
als Outlaw und Rebell gegen das System hochstilisiert, wie es Tarantino
und Rodriguez machen, darf ruhig ein bisschen mehr Rückgrat
zeigen. Und zwar das sprichwörtliche, nicht nur das von Autounfällen
oder Zombies freigelegte.
Als reiche ihm der bisherige Eiertanz nicht,
ritt sich Harvey auf seiner Kanonenkugel immer weiter rein. Die
nächste Idee, die unruhige Fangemeinde außerhalb englischsprachiger
Territorien zu beruhigen: Ein Trostpflaster muss her! Wer zweimal
zahlt, bekommt dann zumindest Exklusiv-Material für sein Geld!
Die separierten "Grindhouse"-Teile haben eine etwa 20
Minuten längere Laufzeit, indem das Material aus der "fehlenden
Filmrolle", dank der in der US-Version ein gewollter Handlungssprung
gemacht wird, wiedereingefügt wird.
Schön
und gut, aber auch das reichte Harvey Münchhausen noch nicht
in der schier endlosen Reihe peinlicher Rechtfertigungen. Um diesen
faulen Kompromiss weiter zu bewerben, verstieg er sich bei den Filmfestspielen
in Cannes gar zu der Behauptung, diese wieder integrierten 20 Minuten
(die von den Regisseuren zwar gedreht, aber willentlich und absichtlich
entfernt wurden) wären "die Essenz der Filme", die
man eigentlich gar nicht hätte herausnehmen dürfen, um
der Integrität des Films nicht zu schaden. Während Harvey
Scherenhand-Opfer auf der ganzen Welt jetzt mal laut auflachen dürfen,
durften sich alle Seiten zumindest kurzzeitig bemogelt fühlen:
Die englischsprachigen Fans, weil ihnen laut Harvey Münchhausen
ja die "Essenz" der Filme vorenthalten wurde, der Rest
sowieso, weil sie zwar die "Essenz" bekommen, aber zweimal
zahlen dürfen. Dass das "Essenz"-Geschwätz natürlich
nur Harveys größte Lüge war, zeigt dann das in "Deathproof"
wieder hinein genommene Material, dass im Grunde genommen Ausschuss
ist, den man nicht vermisst hätte und der einen zu langen Film
noch viel länger macht.
Was diesen lachhaften Eiertanz Weinsteins
dann aber erst so richtig herrlich macht, sind die "Grindhouse"-Einspielergebnisse
in den USA. Mit lausigen 11 Millionen am Startwochenende und einem
blitzartigen Verschwinden aus den Top Ten ist "Grindhouse"
fürchterlich gefloppt - und mit ihm Harveys Pläne und
Rechtfertigungen. Denn man darf hier schadenfroh festhalten, dass
sich die Logik gegen ihren Anwender
drehte. Während das ja durchaus intellektueller an diese Art
Experimente herangehende europäische Publikum wohl positiver
reagiert hätte, aber um diese Erfahrung geprellt wird, war
es das amerikanische Publikum, das mit dem "Grindhouse"-Konzept
nichts anfangen konnte: Gerüchte über etliche Kinogänger,
die aus Unwissenheit über die Doppelpackung nach dem ersten
Teil des Double Features (Rodriguez' "Planet Terror")
den Saal verließen und ergo Tarantinos Film gar nicht mehr
ansahen, häuften sich, und außer der Hardcore-Gemeinde
schien sich kaum jemand so recht für das Konzept begeistern
zu können.
Wobei man, mit Verlaub, diesen Flop durchaus hätte vorhersehen
können. Denn wenn etwas am von den amerikanischen Jugendlichen
der "dating crowd" beherrschten Markt vorbeiproduziert
wurde, dann "Grindhouse". Diese jungen Leute brauchen
schon gute Gründe, um sich dreieinhalb Stunden in einen Kinosessel
zu fläzen, und diese Gründe gibt ihnen "Grindhouse"
schlichtweg nicht.
Und so fliegt Harvey Münchhausen abseits
der Realitäten weiter auf der Kanonenkugel durch abstruse Begründungen,
halbherzige Beschwichtigungen und vor allem dicke fette Lügengebilde.
Aber der dicke fette Flop, für den er ja eine nicht grade kleine
Mitverantwortung trägt, wird ihm trotzdem wehtun. Wie hoffentlich
auch der dicke fette Spott der dem dicken fetten Harvey angesichts
seiner desaströsen Werbekampagne entgegenschlägt, auch
von uns hier. Da muss sich jemand jetzt mal auf seinen dicken fetten
Hintern setzen und gründlich nachdenken, damit nicht das nächste
Prestigeprojekt ähnlich den Bach runter geht.
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