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Montag, 22.11.2005
Das muss man sich schon fragen, angesichts
der geballten Gaunerpower, die in den letzten Monaten nicht nur
musikalisch auf uns niederprasselte, sondern demnächst auch
auf der Leinwand überlebensgroß über uns herfällt.
"Hustle and Flow" läuft dieser Tage an, die wenig
verhüllte Starbiographie "Get Rich Or Die Tryin'"
von Mega-Über-Super-Gangsta 50 Cent folgt demnächst. Und
das Handy spielt dazu neben 473 weiteren coolen Klingeltönen
aus dem Monatspaket immer noch "In dem Candy Shop von mein
Block spielt neue deutsche Welle, Homie!".
Gerade "Get Rich Or Die Tryin'",
der nach 50 Cents Debütalbum benannte Film, verursacht dabei
schon im Voraus ziemliche Wellen. Der Titel scheint nicht nur reine
Provokation, sondern - oh weh - für manchen auch Inspiration
zu sein. Was das wandelnde Wechselgeld auch noch unterstützt,
im Namen des keeping it real. Dabei wirkt der Mann, der sein Leben
in der Gosse begann, wie das absolute Gegenteil seiner Vita, nämlich
wie ein künstlich gezüchtetes Monster Frankensteinscher
Prägung, ein von findigen Casting-Produzenten in heimlichen
Laboren zusammengebauter Übergangsta. Guck mal, unser Gangsta
hat Muskeln wie Berglandschaften! Guck mal, unserm Gangsta wurde
auch schon ins Gesicht geschossen! Den Produzenten und Entdeckern
Dr. Dre und Eminem muss das auch schon aufgefallen sein, beginnt
50 Cents erstes Video "In da Club" doch in einem heimlichen
Versuchslabor für - genau - Super-Rapper. Einzig die Frage
ist, ob die studierten Posen, das ganze "Bling-Bling &
Bitches"-Gehabe, und die fragwürdigen Weisheiten des Curtis
"50 Cent" Jackson
auch auf reflektierfähige Augen und Ohren stoßen. Mittlerweile
lebt man ja in der Postmoderne, in der nix originell und noch weniger
original ist, und anders kann man sich so was wie 50 Cent auch kaum
erklären. Denn ein Kunstprodukt
äh, Entschuldigung,
authentisches Straßenprodukt natürlich, wie Herr halber
Dollar, in all seiner hohlen Durchsichtigkeit, das kann und sollte
man nicht ernst nehmen.
Aber ignorieren kann man es auch nicht,
dafür sind des Herrn Kleingelds unreflektierte Einsichten in
das fröhliche Gangsterleben, bei all der Freude über das
Zurücklassen der gefährlichen Straßenexistenz, denn
doch ein wenig zu unreflektiert. "Ich sterbe lieber wie ein
Mann, als wie ein Feigling zu leben" röhrt sein Leinwandego
in "Get Rich or Die Tryin'", und es ist genau diese Art
von Botschaft, die bei den Halbstarken und den Heranwachsenden,
oder den geistig nie aus dem Alter Herausgekommenen, auf unberechenbaren
Boden fällt. Denn wo Imponiergehabe wichtig ist und Waffen
verfügbar, da ist die von 50 Cent und Co. vertretene Ästhetik
gefährlich. Weswegen auch jede Menge schwarze Interessensverbände
in den USA schon im Vorfeld gegen "Get Rich Or Die Tryin'"
ins Feld zogen und das erste Filmposter erfolgreich verbannt sahen,
dass Schusswaffen ein wenig zu cool aussehen ließ. Boykottaufrufe
blieben gegenüber dem Film ebenfalls nicht aus, da viele der
Interessensgruppen den Einfluss des Films auf die eigenen Junioren
fürchteten, die den Versuchungen von schnellem Geld mit allen
Mitteln, auch und gerade gewalttätigen, ohnehin ausgesetzt
sind. Dafür braucht man eigentlich keine Anweisung eines Multimillionendollar-50
Cent mehr, der das ja jetzt alles hinter sich hat, aber mit denkwürdigem
Stolz und Sentiment auf die Gangsta-Vergangenheit zurückblickt.
Get Rich or Die Tryin'. Oder: Sei dumm,
bleib dumm und werde wenn du Glück hast noch mit einer Karriere
belohnt dafür, und wenn du Pech hast gleich begraben. Nur ärgerlich,
dass sich ersteres - das halbe Dollarmodell - kaum durchgesetzt
hat, während letzteres grad wieder bestätigt wird. Die
Kunst - hier als Begriff großzügig ausgelegt - imitiert
das Leben, aber das Leben schlägt zurück: In den US-Kinos,
die den Film zeigen, nahmen einige offenbar genauso brillant denkende
Nachahmer die Karrierevorschläge ihres Vordenkers 50 etwas
zu genau, resultierend in Schlägereien, gezückten Messern
und anderswo in einer Schießerei mit Todesfolge. Das Opfer
hat sich offenbar nur die falsche Hälfte des Titels zu Herzen
genommen und als Konsequenz davon die Kugel gleich mit.
Sind wir nicht alle ein bisschen Gangsta?
Nein, das sind wir eben verdammt noch mal nicht!
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