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"Kobra, übernehmen Sie" - Staffel 1

Es gibt verdammt viel zu entdecken und gerade zu rücken, wenn man sich mit der klassischen TV-Serie "Mission: Impossible" beschäftigt. Verbinden doch viele Zeitgenossen mit diesem Titel seit einigen Jahren nichts Anderes als die leidlich erfolgreichenKinoabenteuer des von Tom Cruise dargestellten Spezialagenten Ethan Hunt. Cruise gebührt dabei zweifellos der Preis für die schamloseste Ausschlachtung eines bekannten Serientitels. Er ist zwar nicht der Erste, der von einer Vorlage wenig mehr als den Namen und gerade mal noch die Titelmusik übernimmt, aber niemand zuvor hat dabei derart schmerzfrei das Konzept einer Serie völlig umgekrempelt und aus DER ultimativen Agenten-Teamserie eine reine Einmannshow gemacht.

Denn jede Folge der von 1967-73 laufenden Originalserie beginnt mit der Zusammenstellung eines schlagkräftigen Teams, das dem Leiter der "Mission Impossible Force" als das optimale für den jeweils erteilten Auftrag erscheint. Dementsprechend wechselt bei dieser Serie die Besetzung nicht nur nach einigen Staffeln, sondern variiert eben auch in jeder einzelnen Folge. Wobei zugegebenermaßen bestimmte Profile immer wieder auf dem "Nehme ich"-Stapel von Agent Briggs landen. 
Genau, Agent Briggs und nicht Phelps, denn Peter Graves als weißhaariger Teamleiter, den die meisten deutschen Zuschauer wohl noch am ehesten mit der Serie verbinden, ist in der nun erschienenen ersten Staffel noch gar nicht dabei. Der sachliche und vor allem gut aussehende Steven Hill macht als Hauptdarsteller zwar auch keine schlechte Figur, bleibt aber insgesamt deutlich blasser als sein Nachfolge-Charakter Jim Phelps. Fast in jeder Episode dabei sind Barbara Bain als bezaubernde Cinnamon Carter, deren Hauptaufgabe es ist, die tumben Gegenspieler mit ihren Reizen abzulenken, und natürlich Martin Landau als Rollin Hand, der "Mann mit den tausend Masken" (okay, die Maskeraden hat Herr Cruise immerhin auch berücksichtigt). Das private Ehepaar Bain/Landau spielte auch später noch oft gemeinsam vor der Kamera, am bekanntesten dürfte bei uns ihre britische SF-Serie "Mondbasis Alpha 1" ("Space: 1999") sein, in der vor allem Landau allerdings deutlich steifer und lustloser agierte, bevor er im Herbst seiner Karriere schließlich noch einen Oscar für seine Darstellung des Bela Lugosi in Tim Burtons "Ed Wood" einstreichen durfte. Bei "Mission: Impossible" wurde er nach drei Staffeln als Maskenmann vom in Deutschland damals natürlich ungleich bekannteren Leonard Nimoy abgelöst, schließlich handelt es sich hier genau wie bei der klassischen "Star Trek"-Serie um eine Produktion der DESILU-Studios. 
Ergänzt wird das Team meist noch durch einen Muskelprotz und einen Technikexperten, aber, wie bereits angedeutet, das kann sich von Folge zu Folge auch mal ändern. Die unmöglichen Missionen bestehen dabei häufig aus der Befreiung bedeutender Persönlichkeiten, dem Kampf gegen unsympathische Diktatoren oder die Beschaffung bedeutender Gegenstände. Das Team tüftelt dabei ständig raffinierte Pläne aus, die allerdings keineswegs immer reibungslos funktionieren, so dass dann häufig Improvisation angesagt ist.

Die fast vierzig Jahre alten Episoden wirken auch heute noch recht frisch und haben sich besser gehalten, als man das von vielen anderen Serien aus dieser Zeit behaupten kann, die oft lediglich von ihrem Nostalgiefaktor leben und bei neuerlichem Ansehen dann doch arg zähflüssig daherkommen. Obwohl die Serie in dieser ersten Staffel fraglos auch den Geist der späten 60er Jahre atmet und der Begriff "zeitlos" daher unangebracht wäre, bekommt der Zuschauer hier durchweg intelligente und interessante Storys geboten, die ab und zu sogar die Beschränkungen der reinen Unterhaltung verlassen und z.B. in der Episode "Der Brunnenvergifter" eine beklemmende Atmosphäre erzeugen. In dieser Folge brilliert Fritz Weaver (der später durch die TV-Serie "Holocaust" weltweit bekannt werden sollte) als völlig skrupelloser Wissenschaftler, der sich an der Anzahl der Opfer seiner Anschläge berauscht und dem das Team unter zeitweiliger Missachtung jeglicher Ethik entscheidende Informationen entlocken muss. Wirkliche Durchhänger gibt es in der ersten Staffel eigentlich selten, wobei sich gewisse Wiederholungen gerade beim fleißigen Hintereinander-Wegsehen natürlich nicht übersehen lassen.

Paramount präsentiert die immerhin 28 Folgen der ersten Season in zwei hübsch aufgemachten Boxen, die allerdings keinerlei Extras enthalten - das darf sich bei den hoffentlich noch folgenden Staffeln gerne noch ändern. Und auch wenn auf diesen Boxen nur klein "Mission: Impossible" und deutlich größer "Kobra, übernehmen Sie!" prangt, fällt es doch sehr schwer die Serie unter diesem deutschen Titel zu behandeln. Denn nun hat jeder schließlich die Möglichkeit selbst einmal zu vergleichen, welche dreisten Verfälschungen man sich bei der damaligen Synchronisation geleistet hat. Selbst die berühmte Eröffnungsszene jeder Folge, in der der neue Auftrag von einem Tonband (welches sich bekanntlich innerhalb weniger Sekunden selbst zerstört) mit den immer gleichen Floskeln erteilt wird, strotzt nur so von Eigenschöpfungen der Übersetzer. Es gehört schon Einiges dazu, aus "die Wahl Ihrer Mittel und Mitarbeiter steht Ihnen frei" ein "wir wissen, dass Ihre Chancen gleich Null sind" zu machen. Zumal das inhaltlich genauso kompletter Unsinn ist, wie die abschließende Floskel "Kobra, übernehmen Sie!". Dieser Satz wurde im Deutschen einfach noch hinten angehängt, er hat keinerlei Entsprechung im Original und lässt sich überhaupt nur damit erklären, dass irgendjemand wohl der Auffassung war, dies höre sich unheimlich cool an.
Die Empfehlung, sich hier in erster Linie mit der aufgespielten Originalfassung zu beschäftigen, rechtfertigt sich auch dadurch, dass der eigentliche Nostalgiefaktor bei dieser Serie für den bundesdeutschen Zuschauer seit jeher gering ist. Von den stolzen 171 Folgen wurden ursprünglich gerade einmal 22 von der ARD ausgestrahlt. Der große Rest erlebte dann seine deutsche Premiere erst in den 90ern bei Pro Sieben und Kabel Eins und wurde demzufolge also auch erst Jahrzehnte später synchronisiert. Die jetzt vorliegende erste Staffel dürfte daher für die meisten eine komplette Neuentdeckung sein und es macht Spaß, sich mit den Wurzeln der "Mission: Impossible" mal etwas ausführlicher zu beschäftigen.

Volker Robrahn