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"Die meisten Kinderbücher sind schrecklich.
Es ist erniedrigend für ein Kind wenn man schreibt wie für
einen Idioten. Ich glaube, man kann alles für Kinder schreiben,
viel freier als für Erwachsene, denen man zu viele Lügen
erzählen muss."
- Maurice Sendak
Kinderliteratur
und auch Kinderfilme haben es oft nicht leicht. Schließlich
haben beide Gattungen eine Bürde zu tragen, die sie so schnell
nicht abschütteln können: Sie werden in den meisten Fällen
von Erwachsenen für Kinder gemacht. Allzu oft erkennt man dies
im Stoff, aus dem die Bücher und Filme sind. Nur die wenigsten
sprechen wirklich die Lebenswelt eines Kindes an. Maurice Sendaks
1963 erschienenes Buch "Wo die wilden Kerle wohnen" ist
da eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen. Nun wurde der Klassiker
für die große Leinwand adaptiert. Und es ist der beste
Kinderfilm des Jahres geworden.
"Wo die wilden Kerle wohnen" ist die Geschichte des kleinen
Jungen Max (wunderbar: Max Records), der von seiner Mutter (bezaubernd
wie immer: Catherine Keener) eines Abends ohne Essen ins Bett geschickt
wird, weil er sich wie ein "wilder Kerl" aufgeführt
hat. Max, der sich völlig missverstanden fühlt, flüchtet
sich in seinem Zimmer in eine Fantasiewelt, in der er auf einer
Insel landet, die von furchterregenden Riesen, den "wilden
Kerlen" bewohnt wird. Diese Riesen stellen sich auf den zweiten
Blick als gar nicht so furchterregend heraus und sie küren
Max zu ihrem König.
Es
sind nur 385 Wörter, in der deutschen Übersetzung sogar
nur 333, aus denen das ganze Originalbuch besteht. Es war also keine
leichte Aufgabe, ein tragfähiges Drehbuch für einen langen
Spielfilm zu erarbeiten. An diesem Problem scheiterte bereits ein
Versuch, den Klassiker in den frühen 90er Jahren zu verfilmen.
Doch Spike Jonze ("Being John Malkovich",
"Adaption") macht hier
aus der Not eine Tugend und zeigt kongenial, dass im Fall von "Wo
die wilden Kerle wohnen" nicht der Text, sondern die Bilder
die Geschichte tragen. Und so ist seine Verfilmung getragen von
einer atemberaubenden visuellen Vielfalt, ohne jemals das technische
Know-how der Inszenierung in den Vordergrund zu stellen (und ohne
- ganz bewusst - auch nur ein einziges Bild aus dem Buch haargenau
nachzuinszenieren).
Das gelingt hier, weil Jonze und sein Team zum einen mit ausgeklügelten
Computereffekten arbeiten, zum anderen aber auch mit alten und klassischen
Puppenkostümen. Das ist in erster Linie bei den wilden Kerlen
der Fall. Die Schauspieler mussten mehrere Stunden in den schweren
und stickigen Kostümen verbringen, die speziell für den
Film von den berühmten Jim Henson-Studios ("Muppets",
"Fraggles") hergestellt wurden. Diese Mischung aus Puppenkostüm
und CGI-Effekt, aus Tradition und Moderne, macht einen der vielen
Reize des Films aus.
Das
dünne Grundgerüst der Geschichte entfaltet also erst durch
die visuelle Ausgestaltung seine eigentliche Sogkraft. Wenn Max
fasziniert beobachtet, wie die wilden Kerle sich raufen und ihre
eigenen Häuser zerstören, dann fliegen sie durch die Luft,
dann bebt die Erde und es fallen ganze Bäume um. Es kracht,
rumst, knallt und explodiert gewaltig in diesem wilden Film mit
seinen wilden Kerlen und seinem wilden Max, der mit der Zeit langsam
erkennen muss, dass man auch als junger König viel Verantwortung
tragen muss und das vielleicht ein Kind nicht der beste Herrscher
über diese Wesen ist.
Inszenatorisch wirkt hier alles so verspielt und doch ist es gleichzeitig
streng choreographiert. Zusammen mit der musikalischen Untermalung
der ehemaligen Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen Oh ist "Wo
die wilden Kerle wohnen" ein hoch inspirierender Film geworden,
der in seinem Kern das demonstriert, woran die meisten Kinderfilme
kranken. Denn Jonzes Verfilmung und Sendaks Vorlage zeigen keine
heile Kinderwelt. In dieser Geschichte
ist die Welt hässlich und schön, bedrohlich und friedlich,
gefährlich und harmlos zugleich. Das eine ist der Kinderseele
ebenso bekannt wie das andere.
Die Illusion einer heilen Kinderwelt können nur Erwachsene
haben - doch was wissen die schon über die gewaltigen Gefühlspanoramen
aber auch über die Widersprüchlichkeiten eines Kindes.
Wir können es wohl kaum sagen, doch wir können es erahnen
und zum Teil sogar erfahren, wenn wir uns Spike Jonzes Film ansehen
und damit in diese wahnsinnig feinfühlige Fantasiewelt eines
Kindes eintauchen. Und vielleicht ist ja das Kino der idealere Ort
für diese Geschichte, weil sich die Magie des Kinos schon seit
jeher aus der Fantasie seiner Macher speist, die irgendwie alle
noch innerlich Kind geblieben sind. Film ist Bewegung zwischen Fantasie
und Wirklichkeit, und wie beim kleinen Max wird im Kinosaal manchmal
die Welt zur Fantasie und die Fantasie zur Welt. Nur wenige Filme
schaffen das. "Wo die wilden Kerle wohnen" ist so einer.
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