|
|

|
Es
gibt Menschen, die kommen auf völlig abgefahrene Ideen:
Laß uns einen Film drehen, der 1869 stattfindet, im Wilden Westen,
mit James-Bond-Handlung, mit ordentlich Science-Fiction drin. Und
das ganze als Komödie. Dieses bizarre Konstrukt geht immerhin
schon auf die Sechziger zurück, als die Fernsehserie „Wild Wild
West“ in Amerika lief (bei uns übrigens erst 1989 - 91 auf Sat
1). Nun kommt das Spielfilm-Remake dieser Produktion in die deutschen
Kinos, die Story um zwei Spezialagenten, die im Auftrag von US-Präsident
Grant einen Putsch vereiteln sollen.
Diese beiden Kerle, das sind James West (Will Smith) und Artemus Gordon
(Kevin Kline) - zwei 007-Verschnitte des 19. Jahrhunderts, die sich
überhaupt nicht grün sind. West, in bester Bond-Tradition
ganz in schwarz und ständig tief im Frauenfleisch, benutzt vorzugsweise
Fäuste und Revolver, um Probleme zu lösen - US-Marshall
Gordon dagegen, gebildet und sensibel, arbeitet lieber mit gewaltlosen
Tricks, seinen Erfindungen und (fast) perfekter Tarnung. Von
höchster Stelle gemeinsam beauftragt, müssen die beiden
sich nun irgendwie arrangieren, denn ihr Gegenspieler ist der widerliche
Dr. Loveless (Branagh). Daß diesem genialen Geist irgendwie
der gesamte Unterleib abhanden gekommen ist, so daß er nun in
einem dampfgetriebenen Rollstuhl durch den Westen tuckert, kann ihn
nicht daran hindern, sämtliche prominenten Wissenschaftler entführen
zu lassen. Mit Hilfe dieser baut er futuristische Waffensysteme und
will so die Herrschaft über das Land übernehmen. Wie grotesk
diese Zusammenstellung wirkt, kann sich vermutlich jeder vorstellen
- Jules Verne läßt grüßen. Zum
Glück hat sich als Regisseur Barry Sonnenfeld an dieses Projekt
begeben. Sonnenfeld, eines der Multitalente Hollywoods, hatte schon
bei vielen genialen Filmen die Finger im Spiel - Regie bei „Addams
Family“, „Schnappt Shorty“, „Out of Sight“ und „Men in Black“; Kamera
bei „Blood Simple“, „Harry & Sally“ und „Misery“ sind einige seiner
Arbeiten. Auch wenn man von der vergleichsweise simplen Komödie
„Wild Wild West“ nicht ganz so viel erwarten sollte wie von den Vorgängern,
ist dieser Film bei weitem nicht so tumb, wie einige Kritiker dies
im Vorfeld darstellten: Ein Western-Remake von „Men in Black“ ist
keinesfalls herausgekommen. Vielmehr durchzieht den Film Sonnenfelds
eigener Stil, liebevoll gemachte props und ein süffisanter Humor,
der mir sehr gefallen hat. Natürlich übernimmt „Wild Wild
West“ 1:1 Szenen von verschiedenen Bond-Filmen, aber auch von abseitigen
Streifen wie „E.T.“ - auf diese Weise wird immer wieder genial die
Brücke zur Gegenwart geschlagen, selbst Markenzeichen der Neuzeit
nimmt Sonnenfeld auf die Schippe.
Daß
die Darsteller ebenso ihre Klasse besitzen, brauche ich wohl nicht
erwähnen - Kevin Kline in einer grandiosen Doppelrolle und Kenneth
Branagh spielen gewohnt genial, Will Smith und Salma Hayek sorgen
für die Optik. Leider hat „Wild Wild West“ trotz allem
einige Mängel im Detail: Da wäre zum Beispiel die
Rolle der Rita Escobar (Salma Hayek), die stark dazugekleistert wirkt.
Sie ist, so leid es mir für meine persönliche Göttin
Salma tut, völlig überflüssig, dabei aber zu stark
hervorgehoben. Rita taucht immer wieder auf unergründliche Weise
in der Nähe von West und Gordon auf - was sie nun will, woher
sie kommt und vor allem wie, das wird bis zum Schluß nicht erklärt.
Der Verdacht, daß ihre Rolle nicht wirklich ins Drehbuch gehört,
erhärtet sich: Will Smith wollte angeblich unbedingt einen Film
mit Hayek drehen und bekniete Regisseur Sonnenfeld so lange, bis er
nachgab - wie er sie in „Wild Wild West“ unterbrachte, darüber
mag jeder selbst urteilen. Darüber hinaus nervt ihr spanischer
Akzent entsetzlich, aber das nur am Rande.
Und,
zum guten Schluß: Trotz der fantastischen Ideen und der gelungenen
Umsetzung bleibt „Wild Wild West“ lediglich gutes Handwerk, ohne filmisch
Revolutionäres zu bieten. „Nur“ ein Feuerwerk von Witz und Optik,
ein Stück grandiose Sommerunterhaltung. Wie grandios allerdings,
das zeigte mir ein persönlicher Indikator: Der halbe Liter Eistee
in meiner Hand war am Ende des Films immer noch randvoll.
Meine Damen und Herren, Sie sehen in der Entstehung ein Novum bei
„Filmszene“, denn erstmalig gibt es zu einem Film zwei Kritiken von
zwei verschiedenen Autoren. Der Grund ist einfach: Bezüglich
dieses Films ist meine Meinung so völlig anders als die von Rainer,
daß ich hier als Stimmrohr der Enttäuschten fungieren möchte,
auf daß diejenigen, die von „Wild Wild West“ ebenso wenig überzeugt
waren wie ich, nicht etwa in Zukunft diese Site verschmähen,
weil die Kritik nicht „der Wahrheit“ entsprach. Wobei Wahrheit natürlich
im Auge des Betrachters liegt, und in meinen Augen hört sich
die Wahrheit über „Wild Wild West“ eher so an: Es soll gute Beispiele
geben für Genre-Mix-Filme. Leider fällt mir im Moment keines
ein, denn im Regelfall geht der Versuch, Elemente aus bis zu sechs
Genres in einen Film zu packen, gnadenlos in die Hose. Zur allgemeinen
Nicht-Überraschung auch hier: Wir haben ein bißchen Spionagefilm,
ein bißchen James-Bond-Parodie, ein bißchen Drama, ein
bißchen Komödie, ganz viel Spezialeffekt-Film, und angeblich
soll es auch noch Spuren eines Westerns geben. Angeblich, denn wenn
in diesem Film eins untergeht, dann der Western-Charme, und bei einem
Film, der sich auf eben diesem Charme begründet, ist das irgendwie
kein gutes Zeichen. Man wird so schnell mit so viel technischem Nonsens
zugedröhnt, daß man sich schon nach einer Viertelstunde
keine Gedanken mehr darüber macht, daß es das alles in
dieser Zeit nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte, und daher
jeglicher Witz an dieser völlig überzogenen Gimmick-Sintflut
verloren geht. Da ist es dann natürlich besonders verheerend,
wenn der Film gegen Ende immer mehr auf diese monströsen Gerätschaften
setzt, und die ohnehin schon völlig blassen Schauspieler noch
weiter in den Hintergrund gedrängt werden.
Die Schauspieler, jaja, das ist auch so ein Kapitel für sich.
Kevin Kline wird mit seinem unbestreitbaren Talent hier völlig
verschenkt, da es nicht eine einzige Szene gibt, in der er aus seinem
stereotypen Charakter ausbrechen könnte. Will Smith ist so bemüht
cool, daß die ohnehin schon schwachen Sprüche vollends
an Wirkung verlieren. Salma Hayek ist zwar süß, aber ebenso
überflüssig wie auf merkwürdige Weise allwissend. Und
Kenneth Branagh, da weiß man wirklich nicht, ob er selber völlig
am Rad dreht, oder ob er gezwungen wurde, sich so dermaßen lächerlich
zu machen. Wenn sich ein Krüppel, dem die Hälfte aller inneren
Organe sowie Beine und Fortpflanzungsorgane fehlen, immer noch aufführt
wie ein notgeiler Stelzbock, dann muß die Frage gestattet sein,
wo da noch der Sinn liegen soll, und ob das nicht ein bißchen
unter Niveau ist. Andererseits wird sämtlicher Ansatz von
Menschenwürde in diesem Film sowieso mit Füßen getreten:
Da haben wir einen Charakter, der als Hörgerät ein Minigrammophon
an der Stelle befestigt hat, wo früher mal sein Ohr war. Einen
Charakter, der anscheinend zu neunzig Prozent aus Eisen besteht und
ohne jemals ein Wort geäußert zu haben direkt das Zeitliche
segnet. Eine Szene, in der auf absolut pietätlose Weise mit dem
Kopf eines Toten herumhantiert wird. Und dann schließlich noch
den crassesten Stilbruch überhaupt: Ein Gemetzel, bei dem in
knapp einer Minute ca. einhundert Männer niedergeschossen werden.
Überzeichnung hin oder her, in einer angeblichen Komödie
ist das absolut fehl am Platze und stößt extrem unangenehm
auf. Allerdings, als Komödie scheitert „Wild Wild West“ ebenfalls.
Abgesehen davon, daß man mit einem Haufen Technik keine Lacher
provozieren kann, sind die angeblich humoristischen Elemente fast
schon peinlich unkomisch. Den Vogel schießt Will Smith persönlich
ab: In seiner ersten Szene badet er mit einer atemberaubenden Schönheit
in einem Wasserbottich, als die bösen Jungs ankommen. Durch ein
Loch im Holz beobachtet Will die Szenerie, und macht währenddessen
in der Luft schmatzende Bewegungen, weil er nicht gemerkt hat, daß
die Schönheit ihn schon längst nicht mehr küsst. Das
wirkt nicht nur unrealistisch, sondern auch völlig albern. In
einer späteren Szene soll Smith von einem Mob zorniger Großgrundbesitzer
aufgehängt werden, und startet unter dem Strick eine Verteidigungsrede,
die sich vor allem auf einem Argument begründet: Ihr wisst doch
genau, wie sau-dämlich und primitiv wir Schwarzen sind, also
wie könnt ihr mich überhaupt ernst nehmen. Daß dies
kein bißchen witzig ist, braucht man kaum erwähnen. Gleichzeitig
ist es aber auch unglaublich beschämend, daß in der Zeit
von Political Correctness und Black Pride solche Worte ausgerechnet
aus dem Mund des populärsten schwarzen Schauspielers unserer
Tage kommen. Letztendlich reduziert sich „Wild Wild West“ von
ganz alleine auf die Spezialeffekte. Hier hagelt es natürlich
logische Fehler (Gesetze der Schwerkraft? Nie gehört.), aber
die gibt es anderswo auch. Unangenehm auffallen tun zwei Szenen, in
denen Smith und Kline durch die Prärie stapfen, und so überdeutlich
zu erkennen ist, daß sie dies vor einem Bluescreen tun, daß
man das nur noch unter „Größte technische Peinlichkeit
des Jahres“ ablegen kann. Ansonsten sind die Spezialeffekte durchaus
gut gemacht und nett anzusehen. Das Problem ist jedoch, daß
„Wild Wild West“ versucht, so viel mehr zu sein, als ein Effektfilm,
und am Ende nichts anderes ist. Jeder andere Ansatz verpufft entweder
wirkungslos in der Luft oder endet in einer ärgerlichen Auflösung.
Die technischen Aspekte und einige sehr nette Gimmicks verdienen Anerkennung,
alles andere an diesem Film ist ein einziger schlechter Witz, und
deshalb gibt es von mir auch nur drei von zehn Augen.
Letzten Endes wurden alle Befürchtungen erfüllt, die aufkamen,
als ich das erste Mal das Video des Smith-Songs „Wild Wild West“ sah.
Hier wurde so offensichtlich die Erfolgskampagne von „Men in Black“
abgekupfert, daß jegliche Hoffnung auf Innovation begraben werden
konnte. Nachdem ich den Film gesehen habe, konnte ich guten Gewissens
die aufgeschüttete Erde mit kraftvollen Schlägen festklopfen,
und das vorbereitete Grabkreuz aufstellen: „Hier ruht die erste herbe
Enttäuschung des Jahres.“ |
R. Leurs / F.M. Helmke |
|