Immer dann, wenn eine
Wahl näher rückt, klappen sie in allen Fußgängerzonen
Deutschlands ihre Sonnenschirme auf, verteilen Kugelschreiber und
Feuerzeuge, ebenso viele Informationsbroschüren und noch mehr
politische Plattitüden: die kleinen Lokalwahlkämpfer der
Bundesrepublik, die in einer unermüdlichen Ochsentour und nach
dem ewigen Credo "Jede Stimme zählt" die Demokratie
am Leben halten, aber letztlich fast immer nur als Nervensägen
links liegen gelassen werden. Andreas Dresen ("Nachtgestalten",
"Halbe Treppe") - einer von Deutschlands besten Regisseuren,
der auch dann hyperrealistische Filme macht, wenn er nicht dokumentarisch
arbeitet - hat diesen ignorierten Helden des demokratischen Alltags
eine ganz eigene Laudatio gewidmet. Doch dessen wird man sich eigentlich
erst viele Stunden nach dem Filmgenuss bewusst. Vorher ist man zu
sehr mit Lachen beschäftigt.
Über sechs Wochen begleitete Dresen mit einem kleinen Kamerateam
den brandenburgischen Jura-Studenten Hendryk Wichmann durch seinen
Wahlkampf, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war: Heimisch
in der ländlichen Uckermark, mit über 20% Arbeitslosigkeit
und gut 50% SPD-Stammwählerschaft, hatte der ehrgeizige 25-jährige
als örtlicher CDU-Bundestagskandidat nicht den Hauch einer Chance.
Und so funktioniert der dröge Wahlkampf-Alltag des Hendryk W.
für die Kinozuschauer zuerst denn auch als beißend-komische
Nummernrevue peinlich provinzieller Erbärmlichkeiten: Wie Wichmann
in Fußgängerzonen, an Kaufhäusern oder Imbissbuden
seine Prospekte loszuwerden versucht, wie er Passanten in kleine politische
Gespräche verstricken möchte, wie er immer wieder und wieder
dieselben Sprüche und klischeehaften Argumente vorträgt,
wie er sich bei Podiumsdiskussionen gegenüber seinen Gegenkandidaten
zu profilieren versucht, das ist zunächst - aus der sicheren
ironischen Distanz des aufgeklärten Großstadtmenschen -
ein herrliches Theater kleinstädtischer Belanglosigkeit. Anfangs
kann man kaum anders, als Wichmann als Witzfigur wahrzunehmen: Zu
amateurhaft seine billigen PR-Versuche, zu durchschaubar die permanente
Heuchlerei von Interesse für die Gedanken seiner Gesprächspartner,
zu offensichtlich seine Unfähigkeit, ein gute Rede oder auch
nur ein gutes Argument zu präsentieren.
Nur
langsam erkennt man als Zuschauer das größere Bild, das
hier entsteht: Es geht Dresen nicht um die Entlarvung eines Provinz-Spießers,
der mit seiner deplatzierten konservativen Gesinnung an der völlig
falschen Adresse ist und sich permanent lächerlich macht. Wer
sich hier über Hendryk Wichmann als CDU-Mensch lustig macht,
der durch den Kakao gezogen wird, entlarvt sich selbst als engstirnig
und politisch intolerant, denn genau denselben Film hätte man
in einer CDU-Hochburg auch über einen SPD-Kandidaten drehen können.
Dresen geht es viel mehr um die Standhaftigkeit eines Verlierers,
und genau deshalb kommt man nicht umhin, dem jungen Wichmann letzten
Endes doch Respekt und ein wenig Bewunderung zu zollen: Sich in einer
der hoffnungslosesten Gegenden Deutschlands, die sowohl die Wirtschaft
als auch die heranwachsende Generation fluchtartig verlassen haben
wie die Ratten das sinkende Schiff, über Wochen hinstellen und
stetig den Glauben an Aufschwung predigen, ohne auch nur die geringste
Chance auf den Wahlsieg zu haben - das zeugt von Engagement und Überzeugung
in einer Art, wie es sie viel zu selten gibt. Selbst wenn Wichmanns
Herz auf der falschen politischen Seite schlägt, so bringt er
doch mehr Herzblut mit, als die meisten von uns aufzubringen im Stande
sind.
Und doch bleibt er über 75 Minuten ein armes Würstchen,
dem abwechselnd Spott und Bedauern zu Teil wird, aber nicht einmal
Bewunderung. Wahlkampf auf seiner niedrigsten Ebene, so zeigt uns
Regisseur Dresen ohne ein einziges Wort Off-Kommentar oder Interview,
ist eine grauenvoll undankbare Angelegenheit: wo man jedem vorbeischlendernden
Trottel in seiner idiotischen Argumentation noch irgendwie Recht geben
muss, um den Wähler (der wahrscheinlich sowieso nicht zur Urne
geht) nicht zu verprellen; wo man sich zum Deppen macht, indem man
Stimmen im Altersheim sammeln will, obwohl die Bewohner ohnehin keine
Perspektive mehr haben, sofern sie ihre Sinne überhaupt noch
genug beisammen haben, um zu verstehen, was man ihnen erzählt;
wo die Leute sich mehr für die kostenlosen Kugelschreiber als
für das Parteiprogramm interessieren.
Und ganz langsam erkennt man als Zuschauer die großen Wahrheiten
in den kleinen Momenten: Dass Wichmanns Hilflosigkeit allgemeingültig
ist und auch ein SPD-Mensch in denselben Situationen nicht besser
aussehen würde, dass in Zeiten des Wahlkampfs fundierte politische
Argumentation immer für polemische Parolen ohne Inhalt über
Bord geworfen
werden, und dass dieses Bild letztlich in ganz Deutschland dasselbe
ist. Mit der sicheren Hand eines begnadeten Dokumentartors findet
Dresen die stillen Bilder, die mehr sagen als tausend Worte, spürt
die unmittelbar aufblitzenden Momente nackter Realität auf und
lässt seine Zuschauer die verzerrende Wirkung der Kamera ebenso
vergessen, wie Hendryk Wichmann sie irgendwann vergessen hat.
Als CDU-Anhänger wird man hier nicht viel zu grinsen haben,
während der gesamte Kinosaal in schallendes Gelächter
über Wichmanns unbrauchbare Argumente ausbricht, aber auch
als überzeugter Linker oder Grüner bleibt einem nichts
anderes übrig, als den Mut Wichmanns anzuerkennen. Nicht nur,
weil sich der örtliche FDP-Kandidat in seinen wenigen kurzen
Auftritten als die tatsächliche Witzfigur dieses Wahlkampf-Szenarios
erweist. Vor allem, weil die Aufopferung von lokalen Kandidaten
wie Wichmann (die ihren Wahlkampf stets aus der eigenen Tasche finanzieren
müssen) das grundehrliche und bodenständige Gegenstück
zum skurril aufgeblasenen Show-Spektakel des Bundes-Wahlkampfs ist,
der schlussendlich noch weniger zu sagen hat. Als Angela Merkel
mit ihrem Begleittross aus Bühnenarbeitern, Riesenleinwänden,
Sound-Systemen und Sicherheitsleuten in die ländliche Ruhe
eindringt und den ihr gänzlich unbekannten Wichmann über
den grünen Klee lobt, wie sie es wochenlang auch in jedem anderen
Wahlkreis mit dem örtlichen Kandidaten getan hat, erscheint
die Heuchlerei der großen Politiker soviel enormer, dass man
die unbedeutenden Kreistagsabgeordneten unter ihren Sonnenschirmen
in der Fußgängerzone plötzlich richtig lieb gewinnt.
Denn die sind wenigstens noch ein kleines bisschen ehrlich. Irgendwie.
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