Dear Wendy

surreal. drama, den/ger/fra 2005
original
dear wendy
regie
thomas vinterberg
drehbuch
lars von trier
cast

jamie bell,
bill pullman,
mark webber, u.a.

spielzeit
101 min.
kinostart
06.10.2005
homepage
http://www.dearwendy.de
bewertung


(3/10 augen)




 

 

 

 


 

 

Eine Kleinstadt im Südwesten der USA: Dick (Jamie Bell, vormals "Billy Elliott", nach Stimmbruch und Wachstumsschub jedoch kaum wiederzuerkennen) will nicht wie fast alle männlichen Bewohner des Ortes in der Mine arbeiten. Anstatt aber Ballett zu lernen (was für ihn und die Zuschauer besser gewesen wäre), verliebt er sich in eine ihm zufällig in die Hände fallende Schusswaffe, die er auf den Namen Wendy tauft. Flugs wird mit den anderen Verlierern des Ortes eine Bande gebildet: Als "die Dandies" verpflichten sich die Mitglieder zum "bewaffneten Pazifismus" - Waffenkult ohne Nutzen zu gewalttätigen Zwecken - tragen bunte und beknackte Kostüme und haben generell eine gute Zeit. Bis der örtliche Sheriff (Bill Pullman) Dick als eine Art Bewährungshelfer für einen jungen Gewalttäter rekrutiert. Bald stößt der "bewaffnete Pazifismus" an seine sehr engen Grenzen....

Lars von Trier und seine Amerika-Kritik sind zurück. Nach "Dogville" und "Mandalay" überlässt er zwar Kollege Thomas Vinterberg ("Das Fest") den Regisseursstuhl und beschränkt sich aufs Drehbuch, geholfen hat es allerdings nicht. Denn "Dear Wendy" trägt zu deutlich seine Handschrift und wird zur befürchteten "Böses Amerika"-Predigt.
Das ist an sich noch kein Kapitalverbrechen, aber leider wirken Lars von Triers antiamerikanische Pamphlete ja immer ein wenig unbeholfen, naiv und peinlich. Was zum einen sicherlich daran liegt, dass der an Flugangst leidende Von Trier das Feindesland noch nie betreten und mit eigenen Augen betrachtet hat, und von daher lediglich Ferndiagnosen stellen kann. Zum anderen aber auch daran, dass er ständig mit dem Zeigefinger wedelt und seine Theorien derart mit dem Holzhammer reindreschen will, dass jede Spannung oder Überraschung unterbunden wird.
So auch in "Dear Wendy", bei dem der Ausgang von Anfang an außer Zweifel steht und es unterwegs keinerlei interessante Schlenker gibt. Waffen sind verführerisch; wer eine Waffe hat, der benutzt sie irgendwann auch; Waffen fördern Gewalt: So die Binsenweisheiten, die Von Trier hier so aufbringt. Gähn.

Allein die zugrundeliegende Idee des "bewaffneten Pazifismus" (eine Idee für ein Sequel: ‚Das Gandhi-Kettensägenmassaker') ist schon beknackt ohne Ende, und danach wird es auch nicht besser. Geschickt wollen sich Von Trier und Vinterberg damit aus der Affäre ziehen, dass sie ihre Geschichte zeitlos, allegorisch und surreal anlegen, aber das hilft nichts. Denn zu viele halbgare oder unsinnige Ideen können auch von einem derartigen Anstrich nicht übertüncht werden.
Die panische Angst vor ganz offensichtlich nicht-existenten Gangs in einem winzigen Ort, in dem scheinbar nur Mienenarbeiter leben, mag ja als These durchgehen über amerikanische Paranoia, die nur mit Waffenbesitz bekämpft werden kann. Aber wird es auf dem reinen Storylevel dadurch weniger albern, dass Clarabella vor einem Weg von etwa zwanzig Metern panische Angst hat? Von dem albernen Verhalten der Polizei und anderer Staatsvertreter gegen Ende des Films mal zu schweigen. Ähnlich hinterlässt generell das Verhalten jeder einzelnen Figur hier Stirnrunzeln. Oh, apropos Staatsvertreter: Ebenfalls merkwürdig, dass den Kindern in Ethelslope die Eltern wegsterben und diese dann ohne Betreuung allein gelassen werden.
Das kann man natürlich auch als Kritik an unserer vernachlässigten Jugend lesen, vielleicht aber auch nur als ein die Details vernachlässigendes Drehbuch. Welches zudem auch ein kleines Rassismusproblem hat, denn dass der die Dandies spaltende Neuankömmling - und der bis dato einzig Gewalttätige - ein junger Schwarzer ist, ist natürlich klar. Soll womöglich ein Kommentar über afro-amerikanische "Gangsta"-Kultur sein, stößt aber trotzdem sauer auf.

Trotzdem wird es wohl auch Vereinzelte geben, die in den ganzen Unsinn noch jede Menge Sinn reinreden werden und für die das alles brillant satirisch und kritisch ist. Da wird dann der Kaffee für die Nichte wohl auch zum Sinnbild für die sinnlosen Irak- oder Vietnamfeldzüge der USA. Kann man so sehen. Kann man aber auch bleiben lassen. Denn den Spagat zwischen theatralischer Allegorie mit überzeichneten Figuren auf der einen Seite und der Diskussion realer Probleme auf der anderen bekommt "Dear Wendy" nie hin und wirkt so konzeptlos und albern.
Dass von Von Trier bereits in "Dogville" angewandte Konzept vom Brechtschen Epischen Theater, das vielbemühte (und ermüdende) Image des Amerikaners als waffenstarrender Cowboy, die Angst vor alltäglicher, zufälliger Gewalt - alles wird ohne Sinn und Verstand, dafür aber mit grenzenloser Naivität verwurstet. Der ganze Film wirkt so, als hätte ein Haufen dänischer Jung-Linksrevolutionäre an ihrem WG-Küchentisch während einer langen Nacht bei Rotwein und Joints alles zusammengetragen, was ihnen zum Problem Waffen in der Hand des Klassenfeindes USA eingefallen ist. Und der Protokollant war zu betrunken zum korrekten Mitschreiben.

Wer weiß, vielleicht war's auch so und Von Trier hat ihnen das Drehbuch geklaut. Vielleicht hat er sich aber das alles auch ganz ernsthaft und eifrig selbst ausgedacht. Aber ehrlich gesagt wäre erstere Möglichkeit besser, denn dann könnte man das Ganze noch als Ulk akzeptieren. Schließlich würde der ganze Film von seiner Konzeption her als schwarze Komödie wesentlich besser funktionieren. Demgegenüber steht das offensichtliche Bestreben nach Kunst und Anspruch in Stil und Atmosphäre, etwa durch die todernsten Briefe Dicks an seine Wendy, welche den Film als Off-Kommentar eher störend begleiten. Vielleicht haben sich Von Trier und Vinterberg das alles tatsächlich mit einem Grinsen gedacht, der Zuschauer kann ob des Ergebnisses jedoch nicht mitlachen - nur leise weinen, dass er Geld für diesen Film ausgegeben hat.
Von Trier reißt dabei Kollege Vinterberg gnadenlos mit ins Verderben. Der holt aus dem hohlen Drehbuch trotz vereinzelt inspirierten visuellen Momenten (einige hat er zudem bei "Three Kings" geklaut) auch nichts mehr raus, und scheint sich zunehmend in merkwürdigen Allegorien zu verlieren, ganz als wolle er das "Dogma"-Manifest vergessen machen. Erst war da die sonderbare Sci-Fi-Liebesmär "It's all about Love", und nun dieser Fehlschlag.
Denn ein Fehlschlag, so interessant er auch sein mag, ist "Dear Wendy". Michael Moore mag man ja mittlerweile rechtschaffen für doof halten können, aber trotzdem hat er zum Thema "amerikanische Waffenkultur" in "Bowling for Columbine" doch wesentlich Erhellenderes beigetragen. Polemisch mögen ja beide Beiträge sein, aber wo der eine größtenteils fesselnd und einfallsreich war, ist der andere rettungslos prätentiös und doof. Daher: Liebe Wendy, bleib doch bitte fern von uns, denn du lieferst nur Ladehemmungen und Fehlschüsse.

S. Staake

 


Name: ozan1000
Email: ozan1000@web.de
Bewertung:               (6 von 10 Digital Eyes)

o oh, herr staake hat wieder zugeschlagen..:-) Ich stecke in einem moralischen dilemma. zum einen bin ich ein grosser bewunderer des regisseurs und des drehbuchautors, andererseits ein fan von herrn staakes rezensionen( nicht immer inhaltlich einer meinung, aber definitiv stets stilistisch on top!)(was übrigens auch auf herrn helmke zutrifft..)

Zugegeben, es ist eines der schwächeren filme vinterbergs/triers, aber die 3 mickrigen pünktchen hat er meiner meinung nach nicht verdient.
das einzige was man dem film vorwerfen kann ist, dass er zu konkret und fast schon oberflächlich stellung bezieht("holzhammer"). Aber vielleicht muss man das ausprobieren in zeiten, in denen uns hollywood auch mit nicht weniger holzhammermethoden glorifizierende propaganda filmen zumüllt. vorsicht, ich will hier nicht auf politischen pfaden marschieren, die schon längst breitgetreten worden sind. ich sage nur dann bitte auch die gleichen kriterien für gewisse mainstreamproduktionen anwenden, und dies nicht mit einem" schrecklich
patriotisch und glorifizierend, aber es unterhält uns("popcorn-kino")abtun.

Was mir besonders weh tut ist, dass diese rezension wahrscheinlich nicht auf sehr viel gegenwehr stossen wird, da der film viel zu klein ist..ich erinnere mich an eine gewisse "phone booth" rezension, die aufgrund der moralischen und politischen ansichten des rezensenten wesentlich grössere wellen geschlagen hatte..aber das war eben mainstream kino, welches bei all der kritik gut unterhalten hat. aber jetzt schweife ich ab...

eins hat herr staake bei mir definitiv erreicht: einen faulen, langjährigen leser und fan der filmszene, der sich mit seinen kommentaren zu filmen auf dieser site oft zurückhält, aus der reserve gelockt.

Als letztes bleibt mir nur zu sagen:auch wenn es mir weh tut, weil ich inhaltlich anderer meinung bin, ein rezensent der seine meinung ohne kompromisse und rücksicht auf verluste vertritt, dabei unterhaltsam und stilsicher ist, seine "persönliche" note miteinbringt( einen "staake" oder "helmke" erkenn ich aus 1000 rezensionen:-) dem gebührt mein respekt. bleibt nur zu hoffen herr staake ereilt nicht das schicksal von herrn helmke und er bleibt uns noch lange erhalten, und wenn er einige der neuen rezensenten zur mehr eigeninitiative und mut zur eigenen "note" ermutigt, kann ich wieder ruhig schlafen.

P.S. so selten wie ich hier poste, seien mir meine ausschweifungen gegönnt, habe heute den papst gesehen und bin gut drauf:-)



Name: Björn
Email: egal...@egal...
Bewertung:   ( von 10 Digital Eyes)

Eine Frage hätte ich: Was ist denn das Schicksal von Herrn Helmke? Mir ist zwar aufgefallen, dass er zunehmend weniger Rezensionen verfasst, ich hatte dem jedoch nicht so große Bedeutung beigemessen. Verabschiedet er sich etwa von der Filmszene.de?

Danke für die Auskunft im Voraus.



Name: Frank-Michael Helmke
Email: frankmichael.helmke@filmszene.de
Bewertung:   ( von 10 Digital Eyes)

@ Björn:

Um die Frage nach meinem Verbleib zu beantworten: Seit Beginn meiner Tätigkeit für Filmszene war ich Student, mit genug Flexibilität und Freizeit für Pressevorführungen, um hier auch mit vielen Rezensionen aktiv dabei zu sein. Das Studium fand allerdings im letzten Herbst sein Ende, und seit ein paar Monaten bin ich nun Teil der arbeitenden Bevölkerung. Der Filmszene bleibe ich trotzdem auch weiterhin als Chefredakteur (und Autor einer gelegentlichen Rezension hier und da) erhalten, von einem Abschied kann also absolut keine Rede sein.



Name: Liquid
Email: -
Bewertung:                 (7 von 10 Digital Eyes)

der kritiker sollte sich wohl besser eine andere profilierungsplattform suchen, oder bekommt er in der redaktion zu wenig ansehen, und muß diesem umstand hier mit ungerechtfertigten wertungen, wo der zynismus einfach fehl am platz ist, versuchen etwas entgegenzusetzen?

dear wendy verdient eine bessere note.



Name: Shackleton
Email: ghsh@gmx.de
Bewertung:   ( von 10 Digital Eyes)

Man kann im Kino sitzen und Dear Wendy nach zehn Minuten schon abschreiben. Eine weitere Geschichte, die als Konstrukt der Amerika Kritik von Lars von Trier dient. Dann kann man anfangen nach Kritikpunkten zu suchen und wird sie in den Film auch finden.

Man könnte aber auch nach zehn MInuten entscheiden, dem Film trotzdem eine Chance zu geben und wird dann im Laufe der Geschichte positiv überrascht. Die Entstehung der Dandies ist toll in Szene gesetzt. Das Stottern zur Anerkennung ist nur eins von vielen amüsanten Details. Wenn man dann nochmal nachdenkt, entdeckt man im Film auch noch allegorische Elemente, die nicht so einfach sind, wie die, die in der Rezension erwähnt werden. Das Entstehen einer Parallelwelt in der Mine - ihrem Tempel - und das spätere Schänden dessen durch die Polizei, ist zum Beispiel eine interessante Sache.
Wenn der Film dann zu Ende ist, wird man eher der Meinung sein, dass er zwar kein Meisterwerk ist, aber deutlich mehr als 3 Punkte verdient hat.

Aber groß wundern muss man sich scheinbar auch nicht, wenn neuerdings schlechte Blockbuster wie Brother Grimm hier fast die volle Wertung bekommen.



Name: sssssss
Email: ssss
Bewertung:               (6 von 10 Digital Eyes)

Lars von Trier und Thomas Vinterberg zählen zu Dänemarks Filmemacherelite und den Begründern von Dogma. Das blutige Außenseiter-Drama „Dear Wendy“ führt ihre Wege in einem Film zusammen und die Spannung dieses Aufeinandertreffens ist ebenso groß wie die Erwartung an etwas Außergewöhnliches. Die Hoffnung wird jedoch nicht erfüllt, „Dear Wendy“ enttäuscht zwar nicht wirklich, aber bei Kalibern eines von Trier und Vinterberg wäre mehr drin geDas typische Verlangen Pubertierender, sich in streng definierten Gruppen mit Initiationsriten und klaren Hierarchien von der Außenwelt abzugrenzen, wird hier in ein Extrem gezogen. Früh deutet sich an, dass hinter diesem kindlichen Spiel mit regelrechter Verkleidung, Verstecken und Verbünden bitterer Ernst steht. Jamie Bell, der schon als tanzender Knirps bei aller körperlichen Schmächtigkeit dem Billy Elliot überzeugende Kompromisslosigkeit verlieh, balanciert auch hier die Schwebe zwischen abhandenem Selbstwertgefühl und unbedingtem Eintreten für ein Ideal perfekt aus. In den zarten Zügen zeugen die entschlossenen Augen von einer gewissen Unnachgiebigkeit.



"Dear Wendy"
Die Story funktioniert als Teenager-Drama, bis die Figur des Sebastian auftaucht. In dem stimmigen Set-Design entsteht eine Atmosphäre, in der die recht konventionelle Figurenzeichnung schnell in den Hintergrund gerät. Dass der einzige zu diesem Zeitpunkt tatsächlich Straffällige ein Schwarzer ist, bleibt ohne zwingende Bedeutung und dient lediglich der Ingangsetzung des tragischen Geschehens durch die Großmutter. Wenig überzeugend auch, dass diese Großmutter ebenfalls bis an die Zähne bewaffnet ist. Mit Sebastian bricht die reale Welt in das geheime Verlies der „Dandies“ ein. Immerhin wird ihm die Ehre zuteil, die Widersprüchlichkeit von Waffenbesitz und Pazifismus aufzuzeigen. Schonungslos hält er seinen „Bewährungshelfern“ den Spiegel vor, in dem sie ehrlicher Weise erkennen müssen, dass sie ohne Waffe weiterhin Schwächlinge sind. Damit legt Vinterberg den Finger in eine gesellschaftliche Wunde, die wieder und wieder aufzuklaffen droht: Wer sich ohne Hilfsmittel, sei dies nun eine Machtposition, Geld, Statussymbole oder eben Waffen, nicht von sich aus stark fühlt, der wird immer in Versuchung sein, diese Hilfsmittel einzusetzen. Spätestens dann, wenn seine Stärke herausgefordert wird. Die Grundidee für dieses Statement ist durchaus gelungen. An vielen Stellen stolpert die Handlung jedoch über hölzerne Dialoge oder über platte Konstruierungen in den Figuren und ihren Beziehungen untereinander. Beide, von Trier und Vinterberg, haben schon ergreifendere Werke vorgelegt.



Name: spamkiller
Email: spams@2kill
Bewertung:   (- von 10 Digital Eyes)

Liebe/r/s "ssss",

warum so lieblos einfach den Text einer anderen Filmseite hier reinposten? Selber keine Ideen? Schleichwerbung ohne Werbung? Langeweile?
Der Platz könnte sicher zu Besserem genutzt werden, wie auch der meiner Mail. Aber was der Unsinn soll interessiert mich doch.



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