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Die Dame lebte im 12. Jahrhundert, doch im 21. ist
sie nun populär wie nie. Bereits in den 70ern als Vorreiterin
der Emanzipation wieder entdeckt, entwickelte sich das moderne Bild
der Hildegard von Bingen zuletzt fast in Richtung "Popstar".
Denn das Multitalent aus Seherin, Heilkundiger und Komponistin eignet
sich einfach zu gut als Vorbild für die selbstbewusste und
selbstbestimmte Frau von heute. Wenn
jetzt also noch der große Kinofilm zum Leben der Äbtissin
ansteht, riecht das zunächst mal ein wenig nach der bisher
noch fehlenden Glasierung des Merchandise-Kuchens. Wenn man dann
aber bemerkt, dass der Name "Margarethe von Trotta" für
Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, darf man wieder recht
sicher sein, dass wir es hier wohl doch nicht mit einem allzu oberflächlichen
Marketing-Gimmick zu tun bekommen. Dass dem dann tatsächlich
so ist, hat allerdings ähnlich viele schlechte wie gute Seiten.
Seit ihrer Kindheit wächst Hildegard (Barbara Sukowa) in einem
Benediktinerkloster auf, einem Ort des Glaubens, des Schweigens
und vor allem des Gehorsams. Erst nach dem Tod Ihrer langjährigen
Mentorin und nach einer Ermutigung durch den ihr wohlgesonnenen
Mönch Volmar (Heino Ferch) macht sie daher ihre ständig
wiederkehrenden Visionen öffentlich und erlangt so schnell
eine gewisse Berühmtheit, von der auch das Kloster insgesamt
profitiert. Als die selbstbewusste Frau daher schließlich
die Gründung eines eigenen neuen Klosters plant, stößt
ihr von der Kirche im Allgemeinen und dem Abt Kuno (Alexander Held)
im Besonderen großer Widerstand entgegen. Doch Hildegard lässt
sich von ihrem Vorhaben nicht mehr abbringen und gründet zusammen
mit ihren Getreuen im Jahre 1150 schließlich das Frauenkloster
Rupertsberg in Bingen am Rhein.
Wer bisher nur eine vage Vorstellung vom Leben und Wirken der Hildegard
von Bingen hatte, der erfährt durch diesen Film nun Einiges
darüber, wenn auch längst nicht alles. Das ist von einem
zweistündigen Film auch kaum zu erwarten, aber das Drehbuch
von Trottas konzentriert sich schon etwas einseitig vor allem auf
von Bingens "Gesichte", also ihre religiösen Visionen
und deren damalige Außenwirkung.
Ein Aspekt der viele heute weit weniger interessieren dürfte
als die weiteren Talente der Titelfigur, welche hier aber größtenteils
außen vor bleiben. So sieht und hört man wenig von ihrem
musikalischen Schaffen und so gut wie gar nichts von den Errungenschaften
auf dem Gebiet der Kräuter- und Heilkunde.
Statt dessen viele innere Streitereien und Eifersüchteleien
im Kloster, bei denen es vor allem um die Emanzipation der Schwesternschaft
von denen sich als "Bestimmer" aufführenden Mönchen
geht, mit denen Frau sich zunächst das Kloster teilt. Denn
diese verführen und schwängern gerne mal ungestraft eine
der theoretisch enthaltsamen Damen, was den wachsenden Zorn der
Hildegard auf sich zieht. Bis auf den gutmütigen Volmar, mit
dem Heino Ferch hier einmal gegen sein übliches Raubein-Image
anspielt, wird die männliche Population dann auch recht einhellig
negativ dargestellt. Das dürfte auch nicht überraschen,
in einem Werk der Expertin für starke Frauenfiguren der Güteklasse
"Rosa Luxemburg", oder den Bewohnerinnen der "Rosenstraße".
Genau dass war es offensichtlich was von Trotta an dieser Figur
gereizt hat, nämlich deren Kampf um Selbstbestimmung gegen
einen Wall vorwiegend männlichen Widerstands, sowohl im Bezug
auf die Verbreitung ihrer "Visionen" als auch die Gründung
eines eigenen Frauenklosters.
Dass die Person von Bingen dabei nicht durchgehend sympathisch agiert
und sich keinesfalls frei von Egoismus zeigt, wird besonders in
der Episode um ihre leidenschaftliche junge Anhängerin Richardis
von Stade deutlich, die Hannah Herzsprung gelegentlich etwas zu
überzogen naiv und devot anlegt. Für diese Richardis könnte
der Begriff "Fan" mal erfunden und in einen Zusammenhang
mit dem Adjektiv fanatisch gebracht worden sein. Als ihr die glühendste
und anhänglichste Schülerin weggenommen werden soll, reagiert
Hildegard wie ein störrisches und beleidigtes Kind und erntet
um sich herum plötzlich nur noch wenig Verständnis. Außerdem
verfällt die Chefin auch gern mal
in eine Körperstarre oder stellt sich scheintot, bis endlich
jemand ihren Willen erfüllt. Für von Trotta anscheinend
ein Stilmittel zum Zweck die Ikone von Bingen als auch nicht ganz
fehlerfreie und selbstlose Person zu zeigen, welches aufgrund der
sehr abrupt auftretenden charakterlichen Wandlungen dann aber eher
etwas befremdlich rüberkommt.
Auch Action und Dramatik sind nicht die Sache der Filmemacherin
von Trotta, und so erschöpft sich der Film in einer bemüht
akkuraten Schilderung der damaligen Lebensumstände in all ihrer
Schlicht- und Einfachheit, die aber nur mit wenig Leben gefüllt
wird. Denn wenn die betont deutlich gesprochenen Sätze der
Charaktere gelegentlich wie steif aufgesagtes Schultheater wirken,
dann ist das höchstwahrscheinlich nicht die Schuld der durchgehend
begabten Darstellerriege, an deren Spitze eine motivierte Barbara
Sukowa nach der "Entdeckung der Currywurst" nun erneut
eine starke Figur in einem nur mittelmäßigen Film abgegriffen
hat. Nein, dieser fatale Eindruck ist wohl eher die Konsequenz aus
der Vorgabe in Form eines einfach ziemlich drögen Drehbuchs.
Und so ist es dann zwar nicht der befürchtete kommerzielle
Ausverkauf eines angesagten Themas mit dem wir es hier zu tun haben,
es handelt sich aber andererseits auch nicht gerade um eine besonders
spannende oder gar einen bleibenden Eindruck hinterlassende Angelegenheit.
Insgesamt also ein nur mäßiges Vergnügen, so es
denn überhaupt eines sein soll.
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