|
"U-Carmen" ist nichts für Opernpuristen. Der englischstämmige
Regisseur Mark Dornford-May hat die 130 Jahre alte klassische Oper
von Georges Bizet in ein südafrikanisches schwarzes Township
namens Khayelitsha verlegt und lässt die Darsteller in der
Landessprache Xhosa singen.
Die
selbstbewusste und wilde Carmen (Pauline Malefane) arbeitet in einer
Zigarettenfabrik. In der Mittagspause betört sie einige Polizisten,
die gerade auf Streife sind. Nur einer von ihnen interessiert sich
nicht für sie: Jongikhya (Andile Tshoni). Sie wirft ihm daraufhin
eine Rose in den Wagen. Als Carmen eine Arbeiterin mit dem Messer
verletzt, soll ausgerechnet er sie ins Gefängnis bringen, doch
sie verführt den Polizisten dazu, sie laufen zu lassen. Bald
bringt sie ihn sogar dazu, seine Polizistenlaufbahn zu verlassen
und mit ihrer Schmugglerbande zu leben. Doch Jongikhya will sein
wildes Mädchen ganz für sich allein, während Carmen
anderen Männern, besonders dem ins Township zurückgekehrten
Opernsänger Lulamile Nkomo, schöne Augen macht. Die Eifersuchtstragödie
nimmt ihren Lauf
.
Mark Dornford-May, der im Jahr 2000 vor Ort die Theatergruppe Dimpho
Di Kopane gründete und mit der Hauptdarstellerin Pauline Malefane
verheiratet ist, castete Künstler in Gemeindehallen und Klassenräumen,
wo ihm 2000 Menschen Zulu-Kriegslieder, Frank Sinatra und christliche
Hymnen vorsangen. Die Gruppe bringt seitdem Opern und andere Stücke
in den Landessprachen (Südafrika hat 11 davon) auf die Bühne
und hatte vor diesem Film schon 200 ausverkaufte Vorführungen.
"U-Carmen" ist das erste Projekt, welches von Dornford-May
für die Leinwand ausgewählt wurde.
Liebevoll
wurden Details an die Situation in den Townships angepasst, wie
zum Beispiel die Ersetzung der Kartenleserin, zu der Carmen in der
Original-Oper geht, um sich die Zukunft voraussagen zu lassen, durch
einen Mann, der aus Knochen die Zukunft liest. Schade ist jedoch,
dass Dornford-May nicht den Mut für eine Komplettanpassung
hatte, denn so wird immer noch eine Spanierin in Sevilla besungen,
was einfach nicht zu den Bildern passt. Afrikanische Rhythmen sind
nur selten eingestreut, doch wird immerhin mehrfach traditionell
getanzt. Dafür üben die Texte auf Xhosa einen großen
Reiz auch für ein nicht-südafrikanisches Publikum aus,
denn die Sprache hat sowohl sehr viele Vokale als auch wunderbare
Klicklaute, welche die Kastagnetten des Originals ersetzen.
Obwohl der Regisseur sich viel Mühe gab, diese Oper als Film
funktionieren zu lassen, gibt es leider gewisse Haken, denn "U-Carmen"
muss man nicht nur als Opernaufführung, sondern auch als Film
bewerten. So lenkt die eigenwillige Inszenierung der Bilder leider
zum Teil vom Inhalt ab, anstatt sich in die Geschichte einzufügen.
Hier wäre etwas mehr Mäßigung angebracht gewesen.
Das größte Problem ist jedoch, dass die ausgezeichnet
singenden und spielenden Pauline Malefane und Andile Tshoni die
ihnen entgleitende Leidenschaft und die einsetzende Eifersucht des
Geliebten aufgrund dramaturgischer Schwächen zu wenig verdeutlichen
können. Für Zuschauer ohne Vorwissen wird daher wahrscheinlich
nicht ersichtlich, warum es zu einem tragischen Ende aus Eifersucht
kommt, da das Verhältnis zwischen Carmen Lulamile, dem Nebenbuhler
ihres Polizisten, kaum beleuchtet wird. Die Gattung der Oper lebt
von großen Gefühlen, die in "U-Carmen" manchmal
zu klein dargestellt werden, um ihre herben Konsequenzen glaubhaft
zu verursachen.
Doch trotz dieser Schwächen ist "U-Carmen" aufgrund
der Schauspieler, der sprachlichen Übertragung, der Aktualität
und der gesellschaftlichen Bedeutung der Inszenierung in den Townships
sehr empfehlenswert. Denn der Film wird zwar nicht die Operngeschichte
revolutionieren, doch seine Wirkung in Südafrika kann man getrost
als revolutionär bezeichnen. In den Townships haben die ersten
Kinos Einzug gehalten, in den Bussen trällern die Menschen
Bizets Arien auf Xhosa, und sogar das Regierungskabinett bekam eine
Privatvorführung dieses heimischen Vorzeige-Produktes. Und
auch in Europa ist man beeindruckt: Als erster südafrikanischer
Wettbewerbsfilm der Berlinale seit 25 Jahren räumte dieses
Werk 2005 gleich den Goldenen Bären ab.
Einen europäischen Stoff für die kulturelle Selbstverwirklichung
schwarzer Townships zu benutzen, ist eine Idee, über die vor
der Gründung von Dimpho Di Kopane jeder nur müde gelächelt
hätte. Doch hier zeigt sich, dass Oper nicht ein elitäres
Relikt vergangener Zeiten ist, sondern durchaus ein modernes Volksgut
und Identifikationsobjekt sein kann. Darin besteht die wahre Leistung
von "U-Carmen".
|