Spotlight: Cineasia Filmfestival 2002

Wie die Frankfurter Kollegen von "Nippon Connection" stellte auch das "Cineasia"-Team in Köln in diesem Jahr die zweite Ausgabe ihres hoffentlich auch in Zukunft regelmäßig stattfindenden Filmfestivals auf die Beine. Im Unterschied zum letztjährigen Event war das Programm nun nicht mehr ausschließlich auf japanische Beiträge beschränkt, wodurch insbesondere der rasant wachsenden Bedeutung des südkoreanischen Kinos Rechnung getragen wurde, das beispielsweise mit der gleichsam zart-poetischen wie nüchtern-realistischen Liebesgeschichte "One Fine Spring Day" vertreten war. Der Schwerpunkt lag aber dennoch ganz klar auf den Filmen aus dem Land der aufgehenden Sonne, die abermals nur wenig Grund zur Enttäuschung boten und ihre quantitative Dominanz somit überzeugend zu rechtfertigen wussten.

Der Einfluss des Fernost-Kinos auf die restliche Filmwelt zeigt sich bekanntlich nicht nur in der Verpflichtung asiatischer Stars und Crew-Mitglieder für westliche Produktionen. Dienten die Samurai-Epen Akira Kurosawas bereits vor Jahrzehnten als Vorlage für US-amerikanische und italienische Western, so zeigt sich heutzutage gerade das Actiongenre deutlich von typischen Elementen des Hongkong-Kinos beeinflusst. Die Ehre eines Hollywood-Remakes wurde mittlerweile auch "Ring" zuteil, dem Jetzt-schon-Klassiker von Hideo Nakata, dessen immenser Erfolg (inklusive Sequel, Prequel und sonstiger Adaptionen) der derzeitigen Welle asiatischer Horrorfilme den wohl größten Schwung gab. Bei "Cineasia" wurde Nakatas neuer Grusler "Dark Water" präsentiert, der mit ähnlichen Attributen wie sein populärer Vorgänger beschrieben werden kann: Auch "Dark Water" zeichnet sich durch eine bedrückende Atmosphäre aus, die zu keinem Zeitpunkt durch noch so kurze Momente humoristischer Auflockerung unterbrochen wird, stattdessen wird die Schraube der Beklemmung bis zum wirklich Furcht veinflößenden Finale langsam aber stetig angezogen. Hierbei profitiert die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihrer Tochter in den Bann eines verstorbenen Mädchens zu geraten scheint, besonders vom toll eingesetzten Setting, denn das trostlos-düstere Mietshaus, in das die Beiden zu Beginn des Films einziehen, kann es vom Gänsehautfaktor her locker mit jedem Geisterschloss des traditionellen Gruselkinos aufnehmen. Dennoch bleibt anzumerken, dass Nakata gerade in der ersten Hälfte von "Dark Water" vielleicht schon etwas zu subtil vorgeht: Auch wenn es grundsätzlich begrüßenswert erscheint, dass hier offenbar ein ernsthaftes Thema (nämlich die Vernachlässigung von Kindern durch überarbeitete Eltern) im Rahmen eines Horrorfilms angesprochen werden sollte, lässt der erwartete Schrecken doch zunächst etwas auf sich warten. Im direkten Vergleich mit "Ring" muss außerdem gesagt werden, dass dessen Story um die todbringenden Videotapes faszinierender, origineller und ganz einfach viel cooler war. "Dark Water" ist kein Meisterwerk, aber ein insgesamt gelungener Beitrag zum Grusel-Genre: Enorm stimmungsvoll und besonders am Ende äußerst effektiv - gerade der Epilog stellt die Nerven des Zuschauers noch einmal auf eine harte Belastungsprobe.

Etwas weniger subtil präsentierte sich - wie so oft - der Horrorvertreter aus Hong Kong. "Inner Senses" von Lo Chi-Leung erzählt von einem Psychologen, der die Behandlung einer jungen Frau übernimmt, die sich von Geistererscheinungen verfolgt fühlt. Der streng rationale Wissenschaftler ist zunächst davon überzeugt, dass die Leiden der Frau lediglich auf ein verdrängtes Trauma zurückzuführen sind, er muss sich im Verlauf des Films jedoch die Frage stellen, ob er selbst mit seiner Vergangenheit wirklich im Reinen ist. Die pseudowissenschaftlichen Ausführungen der von Leslie Cheung ansonsten recht überzeugend verkörperten Hauptfigur wirken zwar stellenweise ein wenig albern, lassen sich mit etwas gutem Willen jedoch dadurch entschuldigen, dass sich seine Ansichten mit fortschreitender Handlung immer mehr als bloßes Mittel des Selbstbetruges entpuppen. Der Konflikt zwischen traditionellem (Aber-)Glauben an Geister und moderner Wissenschaft wird in "Inner Senses" aber erwartungsgemäß eh nicht wirklich tiefschürfend behandelt, sondern dient vielmehr als Hintergrund für einige wirklich hübsche Schocks und gut funktionierende Schreckmomente, so dass Freunde des gepflegten Herzaussetzers hier auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen. Der auch hier zu beobachtende unbedingte Wille zur Unterhaltung, der für die Filme der ehemaligen Kronkolonie so typisch ist, wirkt im Vergleich zum ruhigen aber umso tiefergehenden Schrecken vieler japanischer Genrevertreter allerdings deutlich weniger elegant. Dass ein netter, aber letzten Endes nicht wirklich aufsehenerregender Horrorfilm wie "Inner Senses" den einzigen Hong-Kong-Beitrag des Festivals darstellte, macht leider auch einmal mehr deutlich, dass die dortige Filmindustrie in den letzten Jahren mit wirklichen Highlights eher gegeizt hat.