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Die 70er Jahre in Amerika - seit jeher ein
Jahrzehnt, dem besonderes Interesse von Filmschaffenden und anderen
Künstlern entgegengebracht wird, gerade der ersten Hälfte. Vermutlich,
weil die frühen
Der
Auslöser dieser ganzen Geschichte:
Cameron Crowe mit seinem Drehbuch-
Oscar für "Almost Famous".
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Siebziger als the big hangover nach den drogen-
und rebellionsgeschwängerten Exzessen der 60er Jahre gelten. Die unschuldig-naive
love generation, die 1968 auf Festivals und im Drogenrausch von einer
besseren Welt fantasierte, musste zusehen, wie ihre Ideale an den
harten Klippen der Realität zerschellten. Das Modell der freien Liebe
erwies sich letztendlich als hohl und ertraglos, konsequent zog man
sich Mitte der 70er in eine neue Bürgerlichkeit zurück. Soziale und
politische Ambitionen wurden von diversen Traumata erdrückt: Die Attentate
auf Martin Luther King und Robert Kennedy im Jahre 1968, die schamvolle
Wut und die zigtausende body bags, die der Vietnamkrieg brachte,
und dann Watergate, der letzte Todesstoß für die Illusion eines sauberen
vertrauenswürdigen und "guten" Amerika. Kongenial daher Cameron Crowes
Einsatz von Simon and Garfunkels "America", mit der so verräterischen
wie treffenden Zeile "I'm empty and aching and I don't know why".
Die Desillusionierung und stückweise Zersetzung der Ideale spiegelt
sich auch in der Rockmusik der Zeit wider, nicht umsonst behauptet
Philip Seymour Hoffmans grandiose Kopie des legendären Rockkritikers
Lester Bangs gegenüber Jungreporter William, der Rock'n'Roll läge
in seinen letzten Zügen. Was er damit vermutlich meinte, war der zunehmende
Hedonismus im Business, der die traditionelle Rolle des Rock'n'Roll
als Ausdruck eines rebellischen Lebensgefühls mehr und mehr aushöhlte.
Wie in "Almost Famous" am Beispiel der Stillwater-Jungs gezeigt, ging
es zunehmend nicht mehr zuallererst um die Musik, sondern um den Erfolg,
das Image, die zunehmende Kommerzialisierung. Eine Entwicklung, die
im Zeitalter der Girl- und Boybands, der im Fernsehen zusammengecasteten
Retortentruppen und der "singenden" Containerbewohner ihren traurigen
Höhe- und hoffentlich auch Wendepunkt gefunden hat.
Kreuzritter
des Southern Rock: Die legendären Allman Brothers
während ihrer nicht minder legendären '71er Tour,
aus der das
ebenso legendäre Live Album "At Fillmore East"
hervorging.
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Dem momentan stattfindenden Konkurrenzkampf zwischen lärmigen Proll-
und Krawallrockern á la Limp Bizkit und den introspektiven Barden
des blöde betitelten New Acoustic Movements nicht ganz unähnlich,
teilte sich auch die damalige Rockmusik in zwei Richtungen auf, simpelst
zusammengefasst: hart und zart.
Bei der härteren Fraktion war - wie im Film am nahezu gottgleich verehrten
Russell Hammond zu sehen - der Gitarrist das Herzstück der Band, fast
noch mehr als Frontmann und Leadsänger (was, wie gezeigt, natürlich
des öfteren für Spannungen innerhalb einzelner Bands sorgte). Seit
Jimi Hendrix, die Gitarrenikone, vorführte, was mit diesem Instrument
alles möglich war, wuchs die Götzenverehrung bis hin zur so legendären
wie faktisch völlig unzutreffenden Wandbemalung "Clapton is God".
Aber die Auswirkungen waren deutlich zu erkennen: Bei Bands wie den
Yardbirds oder den Allman Brothers gab es nicht nur einen, sondern
zwei Leadgitarristen, die sich zur Verzückung der Fans mit ihren Geräten
im freundschaftlichen Wettstreit duellierten. Südstaatenlegende Lynyrd
Skynyrd traten sogar mit drei "Gitarrengöttern" auf.
Breitwandiger Gitarrenrock dominierte - schlagkräftig vertreten von
Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple oder The Who. Eine der Varianten
war der erstmals aufkommende Southern Rock. Was nichts anderes hieß
als noch mehr breitwandiger Gitarrensound, allerdings "etwas härter
und
Zumindest
band-chemikalisch das Vorbild für die
Stillwater-Jungs im Film: Robert Plant und Jimmy Page,
das kreative Zweigestirn von Led Zeppelin.
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schmutziger" gespielt. Und natürlich die riesige Konföderiertenflagge
im Hintergrund nicht zu vergessen. Von den langen Haaren mal ganz
zu schweigen. Aber die hatte Anfang der 70er ja eh jeder. Prominenteste
Vertreter des Southern Rock waren die bereits erwähnten Allman Brothers
und Lynyrd Skynyrd. Der Gegenentwurf zur großen Rockhymne war der
leise, introspektive und narrative Song. Anfang der 70er traten in
L.A. und entlang der Westküste Männer und Frauen mit Gitarren und
persönlichen Songs hervor, und das Genre des Singers/Songwriters war
geboren. Prominenteste Vertreter waren Joni Mitchell, James Taylor,
Carole King und Randy Newman.
Wie kaum anders zu erwarten, kann man bei Cameron Crowes Jugenderinnerung
die autobiographischen Bezüge zum Teil deutlich erkennen. Am interessantesten
ist sicherlich die Frage danach, welche Band "Stillwater" jetzt eigentlich
genau widerspiegelt. "Stillwater" ist das Amalgam diverser "Böse-Buben-Bands".
Die deutlichsten Bezüge lassen sich zu den Allman Brothers und Led
Zeppelin herstellen, aber auch Bands wie die Eagles, Lynyrd Skynyrd
und Bad Company standen Pate. Diese Auswahl kann kaum überraschen,
sind doch die meisten Erlebnisse mit diesen Bands teilweise 1:1 in
den Film eingeflossen. Die Allman Brothers waren die Band, die Crowe
auf seiner in "Almost Famous" chronologisierten ersten Tourreportage
interviewte. Und wie gegenüber Russel Hammond im Film beging Crowe
hier die journalistische Todsünde und übergab Greg Allman seine kompletten
Interviewkassetten (die er - wie auch im Film - glücklicherweise noch
rechtzeitig zurückbekam). Dies allerdings nicht ohne Grund: Greg Allman
hatte herausgefunden, wie alt Crowe wirklich war (nämlich 16) und
war unbeschreiblich
Der
selbsternannte "Goldene Gott":
Led Zeppelin-Röhre Robert Plant
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wütend und emotional. Gerade hatte er im zugedröhnten Zustand über
seinen tödlich verunglückten Bruder Duane geredet: "Wie kannst Du
uns nur dein Alter verheimlichen? Siehst Du den leeren Stuhl da? Da
sitzt jetzt mein Bruder und lacht Dich aus!" Laut Crowe der furchteinflößendste
Moment seines Lebens.
Seine Erfahrungen mit Led Zeppelin sorgten dagegen für eine der besten
und lustigsten Szenen in "Almost Famous", in der Russell Hammond (Billy
Cudrup) im Acid-Rausch auf einen Schuppen klettert, dort postuliert
"Ich bin ein Goldener Gott!" und dann in den Swimming Pool springt.
Die Wirklichkeit hat nichts mit Wasser, aber mit Luft zu tun: Als
Crowe im bandeigenen Flugzeug, dem Sunset Strip, saß, raune ihm Robert
Plant - halb im Spaß, halb im Größenwahn - den semilegendären Satz
zu.
Flugzeugerfahrungen haben überhaupt einen immensen Einfluß auf Crowe
und "Almost Famous". Die kathartischen Szenen, in denen William und
Stillwater im Flugzeug in ein schlimmes Gewitter geraten und in Anbetracht
des vermeintlichen Todes brutal ehrlich bis lustig ehrlich zueinander
sind, beruhen auf Crowes Erfahrungen an der Seite von The Who: Als
Pilot fungierte ein völlig bekiffter T-Shirt-Verkäufer, der es nicht
erwarten konnte, beim nächsten Halt eine rothaarige Zufallsbekanntschaft
flachzulegen und dementsprechend wagemutig durch eine ultraheftige
Gewitterfront flog, die das Flugzeug fast zum Abstürzen brachte. Kurze
Zeit später
Wären
sie doch auf dem Boden geblieben: Lynyrd
Skynyrd, die Band, die durch einen Flugzeugabsturz
zur Legende wurde. Was zur Definition von Ironie führte.
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kommt Crowes väterlicher Mentor (neben Lester Bangs natürlich) Ronnie
Van Zandt, Kopf und Leadsänger von Lynyrd Skynyrd, bei einem Flugzeugabsturz
der Band ums Leben. Crowe ist zu geschockt um den Nachruf für den
Rolling Stone zu schreiben und braucht zwanzig Jahre, bis er sich
wieder ein Skynyrd-Stück anhören kann.
Auch das Zusammentreffen mit Pennie Lane (im Film wird aus "ie" ein
"y") und ihren Flying Garter Girls, einem legendären Groupiekollektiv,
ist autobiographisch. Crowe schwört, daß sich seine Entjungferung
durch drei der - ähm - Damen so zugetragen hat. Inklusive des Steely
Dan-Konzerts im währenddessen laufenden Fernseher.
Interessant auch, wer denn letztendlich für die Hauptfigur des Russel
Hammond Pate stand. Glenn Frey, Gründer und Kopf der Eagles, war laut
Crowe 1972 so ziemlich der coolste Typ, der auf Gottes grüner Erde
wandelte. Frey war es auch, der, wie Hammond im Film, für Crowe folgende
Arbeitsvorgabe postulierte: "Schreib einfach so, daß wir cool wirken".
Freys Band, The Eagles, der Prototyp des 70er Jahre Rocks, zeichnet
von einer soziologischen Warte aus betrachtet in ihrer Bandgeschichte
die Geschichte der Zeit furchteinflößend passend wieder: Vom naiven,
unschuldigen Countryrock der Gründertage bis hin zum Wechsel zur Rockmusik
auf ihrem kommerziellen Höhepunkt ("Hotel California"), gleichzeitig
aber auch der Höhepunkt ihres Exzesses und ihrer Dekadenz, um dann
in "The Long Run" zu enden, der zerrütteten letzten Platte einer genau
so zerrütteten Band.
Crowes "Almost Famous" zeichnet bei allen disneyhaften Botschaften
gerade durch diese eingeflochtenen biographischen Details ein akkurates,
stimmiges Bild jener Zeit. Eine klassische Liebeserklärung an den
hier selbstgelebten Mythos Rock'n'Roll, der die Unschuld hinter Dekadenz
oder Egoismus hervorzaubert. Was genau im Sinne des Regisseurs ist:
"Sex vor AIDS, Musik vor MTV, die Siebziger vor Disco und Discokugeln
- Ich fühlte einfach, daß jemand ein paar Worte darüber verlieren
sollte, wie es wirklich war". |