Andrea Arnolds Werk "Red
Road" reiht sich ebenfalls in die klassische Tradition des
britischen Kinos ein. Der wohl beste Film des Wettbewerbs lief schon
letztes Jahr auf dem renommierten Cannes Festival und gewann dort
den Spezial-Preis. Die Regisseurin, die schon mit ihrem tollen Kurzfilm
"Wasp" den Oscar gewann, zeigt mit ihrem Langfilm-Debüt
ein
feines Händchen für ausgeklügelte Frauenfiguren und
beweist eindrucksvoll, dass sie eine Filmemacherin ist, die man im
Auge behalten sollte.
In "Red Road" schildert sie den tristen Alltag von Jackie
(Kate Dickie), die im so genannten "City Eye Control" in
Glasgow arbeitet und dort vor einer großen Wand voller Monitore
sitzt und öffentliche Plätze beobachtet. Später stellt
sie die aufgenommen Kassetten in den Schrank, fährt nach Hause
in die viel zu kleine Wohnung, lässt sich ab und zu vom lokalen
Hundefänger flachlegen und sitzt am nächsten Tag wieder
vor ihren Monitoren. Eines Tages fällt ihr ein Mann auf einem
der Bildschirme auf, den sie zu kennen scheint. Jackie verlässt
peu á peu die Sicherheit des Monitors und begibt sich immer
näher an diesen Mann. Sie verfolgt ihn, spricht mit seinem Mitbewohner
und man fragt sich, wie weit sie noch gehen wird.
Dieser psychologische Thriller stellt neben dem etwas zu melodramatischen
Finale eine beachtliche Reihe an politisch relevanten Fragen über
den Staat als Bewachungsorgan. Doch "Red Road" sollte man
vor allem für die wundervolle Kate Dickie sehen, die sich mit
einer gespenstischen Ruhe immer weiter den Schatten ihrer Vergangenheit
nähert und dabei immer auch etwas Selbstzerstörerisches
mitschwingen lässt. Man kann nur hoffen, dass dieser Film auch
in Deutschland einen Verleiher findet.
Natürlich gibt es auch Filme - und dies bewies "Britspotting"
dieses Jahr wieder erstaunlich konsequent - die nicht das Genre
des sozialen Dramas bedienen, sondern sich in das gutbürgerliche
Milieu begeben. Dessen scheinbar heile Fassade dekonstruieren die
Filmemacher allerdings offenbar mit Wonne. Ob dies nun in der etwas
belanglosen Komödie "Speed-Dating" von Tony
Herbert geschieht, in der ein bindungsgestörter Endzwanziger
sein Gedächtnis verliert und sich dann erst von dem stinkreichen
Vater, der trinkenden Mutter und der Gothic-Schwester distanziert,
bevor er sein Glück mit einer Krankenschwester in einer Schwulenbar
findet. Oder wenn Gregory J. Read in seinem sehr guten Horror-Thriller
"Like Minds" Toni Collette als Polizeipsychologin
hinter die perfiden und zum Teil auch perversen Spielchen in einem
Elite-Jungeninternat führt und sie etwas spät begreifen
lässt, dass hinter den gebügelten Schuluniformen und den
unbeholfenen Flirtversuchen gegenüber einigen Mädchen
in Wirklichkeit das pure Grauen steckt.
Die heile Welt, dass zeigen exemplarisch diese beiden Filme, gibt
es in der großbürgerlichen Gesellschaft nicht. Auch in
Edgar Wrights Cop-Komödie "Hot Fuzz" (siehe
unsere ausführliche Rezension)
entpuppt sich eine beschauliche Kleinstadt als mörderischer
Sumpf voller Lügen und Betrügereien, und in Jeremy Brocks
herzerwärmender Coming-of-Age-Geschichte "Driving Lessons"
muss der 17-jährige Ben (Rupert Grint spielt ansonsten Harry
Potters besten Freund Ron) erst auf die knapp 80-jährige extrovertierte
Schauspielerin Evie (Julie Walters) treffen, um sich den Fängen
seiner christlich-fundamentalen Mutter (grandios: Laura Linney)
zu entziehen. Was zunächst wie eine Neuinterpretation des Klassikers
"Harold und Maude"
anmutet, entwickelt sich zu einer wirklich charmanten Komödie,
die allen voran durch die Schauspieler bestechen kann.
Das "Britspotting"-Team hat auch dieses Jahr wieder ein
glückliches Händchen bei der Filmauswahl bewiesen. Die
Bandbreite der filmischen Handschriften ist enorm und bietet mehr
als nur einen kleinen und kurzen Einblick in das Kino eines Landes,
das auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Das Britspotting
Festival lohnt sich vor allem, wenn man jene kraftvollen und sehenswerten
Debüts wie "True North" oder "Red Road"
zu sehen bekommt. Dann offenbart sich das Potenzial der neuen und
jungen Filmemacher-Generation Großbritanniens, die ihren Weg
in den weltweiten Kinomarkt sicherlich noch machen wird. Und "Britspotting"
gibt die einzigartige Möglichkeit, dies alles jetzt schon zu
erkunden und somit vielen anderen eine Nasenlänge voraus zu
sein.
Die Gewinner 2007:
Bester Kurzfilm
People in Order - Age von Lenka Clayton/James Price (3:00
min.) - 2.000 Euro post-production package sponsored by 25p Cinesupport
Bester Spielfilm
Tick Tock Lullaby von Lisa Gornick (UK 2006, 73 min.) - 20.000
Euro post-production package sponsored by Das Werk
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