Spotlight: Nippon Connection 2002

Vom 17. bis zum 21. April fand an der Frankfurter Uni zum zweiten Mal das "Nippon Connection"-Festival statt, das sich ausschließlich der aktuellen japanischen Kinokunst verschrieben hat. Neben den zahlreichen Filmvorführungen wurde ein breit gefächertes Rahmenprogramm mit Konzerten, Partys und Kursen angeboten, das den Besuchern verschiedenste Aspekte der japanischen Kultur näher bringen - und natürlich auch einfach viel Spaß machen - sollte. Auch bei der Auswahl der Filme wurde viel Wert auf Abwechslung gelegt, so dass vom Drama-Freund bis zum Anime-Fan so ziemlich Jeder auf seine Kosten gekommen sein sollte.

Ein Name, der derzeit bei einem Japan-Festival auf keinen Fall fehlen darf, ist Takashi Miike, der Mann, der es sich offenbar zum Lebensziel gemacht hat, dass einst einmal in jedem Filmlexikon bei Nennung seiner Person der Begriff "Enfant Terrible" fällt. Bei "Nippon Connection" gab es dieses Jahr neben seiner schon etwas länger bekannten Vollgas-Wundertüte "The City of Lost Souls" auch die heiß erwartete Deutschlandpremiere von "Ichi the Killer" zu bestaunen, einer überdrehten Gewalt-Farce, der im Vorfeld bereits der Ruf vorauseilte, in Punkto Blut und Bösartigkeit (mal wieder) ganz neue Maßstäbe zu setzen. Doch auch wenn einige Szenen in "Ichi" schon recht weit über das hinausgehen, was sich der durchschnittliche Mitteleuropäer unter netter Kinounterhaltung vorstellen dürfte: Das Ende von Miikes ultra-finsterem Horror-Drama "Audition" war wesentlich härter, und den schieren Sickness-Gehalt seiner völlig unglaublichen Familiensatire "Visitor Q" erreicht sein neues Werk auch zu keinem Zeitpunkt. Von einigen - zugegebenermaßen dann doch sehr unangenehmen - Ausnahmen abgesehen ist ein recht großer Teil der in "Ichi" gezeigten Gewalt ganz bewusst comichaft übersteigert und animiert mit leichtem Slapstick-Touch eher zum Schmunzeln als zum Speien. Dennoch hat sich Miike natürlich nicht dazu herabgelassen, einfach einen lustigen Fun-Splatter-Knaller zum Mitgrölen abzuliefern, denn stellenweise wird's auch mal richtig ruhig, und schon allein der Titel-'Held', der seine Rache-Massaker zumeist flennend in einem total bescheuerten Superhelden-Kostüm begeht, provoziert bestenfalls leicht angewidertes Mitleid. Als Identifikationsfigur eignet sich der grenzdebile Ichi jedenfalls genauso wenig wie der gesamte Rest der Besetzung, die fast ausschließlich aus Sadisten, Masochisten und, äh, Sadomasochisten zu bestehen scheint. In Kombination mit den üblichen Schrägheiten, die man bei diesem Regisseur mittlerweile erwarten kann, bleibt jedenfalls festzuhalten, dass Miike es sich schon wieder zielsicher zwischen allen Stühlen bequem gemacht hat und nicht im Traum daran denkt, einer bestimmten Erwartungshaltung gerecht zu werden. Die ganz normale Miike-Madness eigentlich: Wer sich daran erfreuen kann, zwei Stunden lang entgeistert Richtung Leinwand zu starren, wird sich jedenfalls auch bei "Ichi the Killer" gut aufgehoben und noch besser unterhalten fühlen.

Weniger überzeugen konnte leider "All About Lily Chou Chou" von Shunji Iwai, dessen mehr als grandioser "Swallowtail Butterfly" auch in Deutschland bereits viele Programmkinogänger in Verzückung versetzen konnte. Iwais neuester Film ist hingegen zwar zu keinem Zeitpunkt wirklich schlecht, das Teenagerdrama ist jedoch viel zu verschachtelt und umständlich erzählt und lässt eine einheitliche Perspektive vermissen, die es dem Zuschauer ermöglicht hätte, die grundsätzlich durchaus überzeugend dargestellten extremen Emotionen der Pubertät mitzuempfinden. So bleibt man von den durchaus gravierenden Schicksalsschlägen der Figuren eher unberührt und konzentriert sich lieber auf die beeindruckende formale Gestaltung oder bewundert den Mut, eine recht lange Urlaubsepisode ausschließlich mit Bildern aus den Videokameras der Protagonisten zu illustrieren. Trotz seiner Schwächen war "All About Lily Chou Chou" ein angemessener Eröffnungsfilm des Festivals, denn hier wurde bereits eine Thematik vorgestellt, die später noch in zahlreichen anderen Filmen eine bedeutende Rolle spielen sollte: Gewalt unter Jugendlichen, vom sog. Bullying bis hin zur Vergewaltigung.



 

 

 

Mächtig durchgeknallt: der "Held" von Miikes "Ichi the Killer"

 

 

 

 

 

 

 

 

Richtig schön ästethisch: Shunji Iwais "All about Lily Chou Chou"