| Vom 17. bis zum 21. April fand an
der Frankfurter Uni zum zweiten Mal das "Nippon Connection"-Festival
statt, das sich ausschließlich der aktuellen japanischen Kinokunst
verschrieben hat. Neben den zahlreichen Filmvorführungen wurde
ein breit gefächertes Rahmenprogramm mit Konzerten, Partys und
Kursen angeboten, das den Besuchern verschiedenste Aspekte der japanischen
Kultur näher bringen - und natürlich auch einfach viel Spaß
machen - sollte. Auch bei der Auswahl der Filme wurde viel Wert auf
Abwechslung gelegt, so dass vom Drama-Freund bis zum Anime-Fan so
ziemlich Jeder auf seine Kosten gekommen sein sollte.
Ein Name, der derzeit bei einem Japan-Festival auf keinen Fall
fehlen darf, ist Takashi Miike, der Mann, der es sich offenbar zum
Lebensziel gemacht hat, dass einst einmal in jedem Filmlexikon bei
Nennung seiner Person der Begriff "Enfant Terrible" fällt.
Bei "Nippon Connection" gab es dieses Jahr neben seiner
schon etwas länger bekannten Vollgas-Wundertüte "The
City of Lost Souls" auch die heiß erwartete Deutschlandpremiere
von "Ichi the Killer" zu bestaunen, einer überdrehten
Gewalt-Farce, der im Vorfeld bereits der Ruf vorauseilte, in Punkto
Blut und Bösartigkeit (mal wieder) ganz neue Maßstäbe
zu setzen. Doch auch wenn einige Szenen in "Ichi" schon
recht weit über das hinausgehen, was sich der durchschnittliche
Mitteleuropäer unter netter Kinounterhaltung vorstellen dürfte:
Das Ende von Miikes ultra-finsterem Horror-Drama "Audition"
war wesentlich härter, und den schieren Sickness-Gehalt seiner
völlig unglaublichen Familiensatire "Visitor Q" erreicht
sein neues Werk auch zu keinem Zeitpunkt. Von einigen - zugegebenermaßen
dann doch sehr unangenehmen - Ausnahmen abgesehen ist ein recht
großer Teil der in "Ichi" gezeigten Gewalt ganz
bewusst comichaft übersteigert und animiert mit leichtem Slapstick-Touch
eher zum Schmunzeln als zum Speien. Dennoch hat sich Miike natürlich
nicht dazu herabgelassen, einfach einen lustigen Fun-Splatter-Knaller
zum Mitgrölen abzuliefern, denn stellenweise wird's auch mal
richtig ruhig, und schon allein der Titel-'Held', der seine Rache-Massaker
zumeist flennend in einem total bescheuerten Superhelden-Kostüm
begeht, provoziert bestenfalls leicht angewidertes Mitleid. Als
Identifikationsfigur eignet sich der grenzdebile Ichi jedenfalls
genauso wenig wie der gesamte Rest der Besetzung, die fast ausschließlich
aus Sadisten, Masochisten und, äh, Sadomasochisten zu bestehen
scheint. In Kombination mit den üblichen Schrägheiten,
die man bei diesem Regisseur mittlerweile erwarten kann, bleibt
jedenfalls festzuhalten, dass Miike es sich schon wieder zielsicher
zwischen allen Stühlen bequem gemacht hat und nicht im Traum
daran denkt, einer bestimmten Erwartungshaltung gerecht zu werden.
Die ganz normale Miike-Madness eigentlich: Wer sich daran erfreuen
kann, zwei Stunden lang entgeistert Richtung Leinwand zu starren,
wird sich jedenfalls auch bei "Ichi the Killer" gut aufgehoben
und noch besser unterhalten fühlen.
Weniger überzeugen konnte leider "All About Lily Chou
Chou" von Shunji Iwai, dessen mehr als grandioser "Swallowtail
Butterfly" auch in Deutschland bereits viele Programmkinogänger
in Verzückung versetzen konnte. Iwais neuester Film ist hingegen
zwar zu keinem Zeitpunkt wirklich schlecht, das Teenagerdrama ist
jedoch viel zu verschachtelt und umständlich erzählt und
lässt eine einheitliche Perspektive vermissen, die es dem Zuschauer
ermöglicht hätte, die grundsätzlich durchaus überzeugend
dargestellten extremen Emotionen der Pubertät mitzuempfinden.
So bleibt man von den durchaus gravierenden Schicksalsschlägen
der Figuren eher unberührt und konzentriert sich lieber auf
die beeindruckende formale Gestaltung oder bewundert den Mut, eine
recht lange Urlaubsepisode ausschließlich mit Bildern aus
den Videokameras der Protagonisten zu illustrieren. Trotz seiner
Schwächen war "All About Lily Chou Chou" ein angemessener
Eröffnungsfilm des Festivals, denn hier wurde bereits eine
Thematik vorgestellt, die später noch in zahlreichen anderen
Filmen eine bedeutende Rolle spielen sollte: Gewalt unter Jugendlichen,
vom sog. Bullying bis hin zur Vergewaltigung.
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Mächtig durchgeknallt: der "Held"
von Miikes "Ichi the Killer"

Richtig schön ästethisch: Shunji Iwais
"All about Lily Chou Chou"
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