Spotlight: "Aw, c'mon you lazy asshole, get up and make a movie!" - Genregroßmeister und B-Film-König John Carpenter im Profil

Auf diesen Seiten wird es Zeit Abbitte zu leisten. Vollkommen zurecht wurde John Varpenter für seine letzten zwei Werke "Vampire" (hier etwas überhart) und "Ghosts of Mars" von der Filmszene abgewatscht. Was recht ist muss recht bleiben und schlechte Filme sind nun mal schlechte Filme. Trotzdem erinnert diese Situation an die von Barry in der Filmversion von "High Fidelity" gestellte Frage, ob man frühere Großmeister wie Stevie Wonder und Elton John für ihre musikalischen Verbrechen der 80er und 90er verabscheuen darf und darüber dann ihre Klassiker der 70er vergisst. Ähnlich verhält es sich auch mit Carpenter. Dass die letzten Filme eigentlich durchweg schwach waren versperrt vielleicht den Blick darauf, dass Carpenters Großtaten zu den absoluten Klassikern ihrer Genres wurden und dass zumindest vier seiner Filme (Assault - Anschlag bei Nacht, Halloween, Die Klapperschlange, Das Ding aus einer anderen Welt) eigentlich in die Sammlung jedes ernsthaften Filmfreunds gehören, da man sie ohne größeres Zögern zu den besten Filmen überhaupt zählen kann (wenn man freilich eher verschmähten Genres wie dem Horrorfilm offen gegenübersteht). Besonders in diesen vier Filmen wird deutlich, wie sehr Carpenter auf der einen Seite für ihn charakteristische inhaltliche Merkmale weiterführt und verfeinert, und wie er auf der anderen Seite wichtige neue Impulse setzt.

Carpenter wird am Ende seiner Karriere zurückblicken können und sich über eins am meisten freuen können: Erfolgreich in die Fußstapfen seines erklärten Idols Howard Hawks getreten zu sein. Abgesehen von Carpenters Allzweckinspiration "Rio Bravo" haben Hawks' Filme mit denen Carpenters nichts gemein, die Analogie ist im Schaffen selbst zu sehen. Hawks galt zeitlebens als solider Regiehandwerker und erst nachträglich sah man in ihm im Rahmen der Auteur-Theorie einen Künstler. Als solcher zeichnete er sich aber darüber aus, in nahezu jedem Genre, von Komödie ("Leoparden küsst man nicht") über Film Noir ("Tote schlafen fest") zu Science Fiction ("Das Ding aus einer anderen Welt") Klassiker geschaffen zu haben. Und dieses ist auch Carpenter zuzuschreiben (wenngleich eine wirkliche Komödie noch fehlt). Zudem ist Carpenter als B-Filmer ein Meister darin, auch das schmalste Budget so gut es geht auszukosten. Gleichzeitig ist er durch sein hauptsächlich unabhängiges Schaffen gewöhnt, diverse Funktionen gleichzeitig zu übernehmen. Neben seiner Position als Regisseur ist er zudem oft Produzent, Drehbuchschreiber, Cutter und Komponist. Gerade seine minimalistische Musikuntermalung mit billigem Heimkeyboardcharme kennzeichnet viele Filme als echte "Carpenters". Und mit dem "Halloween"-Thema das zusammen mit John Williams' "Der Weiße Hai"-Fanfare wohl erschreckendste und nervenzerrendste Stück Filmmusik aller Zeiten geschrieben zu haben, ist für den "Zweitjob" Komponist nun wahrlich nicht schlecht. Da wäre wohl auch Papa Howard, klassischer Musiker, stolz gewesen.

Carpenters Filme haben oftmals dieselben Stärken und dieselben Schwächen und eigentlich immer dasselbe Thema. Sein Schaffen wurde als "Kino der Isolation" beschrieben, andere bemerkten flapsig, der Westernklassiker "Rio Bravo" sei "die Blaupause für Carpenters gesamte Karriere". In der Tat stehen Ein- und Ausgrenzung sowie eine Gruppe von Außenseitern bzw. ein Außenseiter im Zentrum in nahezu allen seinen Filmen. Zumeist entwirft Carpenter tatsächlich an seinen Lieblingsfilm "Rio Bravo" angelehnte Szenarien der Belagerung ("Assault", "The Fog - Nebel des Grauens", "Die Fürsten der Dunkelheit") oder Variationen, indem die Helden starke Außenseiter (und damit restlos isoliert) sind, oder sich die Isolation in Schauplätzen ("Das Ding") oder gesellschaftlichen Klassen ("Sie leben") widerspiegelt.
Stärkste Waffe Carpenters ist dabei sein meisterhafter Spannungsaufbau. Seit Hitchcock gibt es wohl keinen Regisseur, der die Spannungsschraube so simpel und gleichzeitig effektiv anziehen kann wie Carpenter. Während Hitchcock aber den Suspense zum wichtigsten Stilmittel erhob, ist es für Carpenter meist der Schock. Zudem ist er ein Meister im Schaffen von Atmosphäre: für den Zuschauer sind die Gefühle von Angst, Terror, Panik etc. in seinen besten Werken so real, weil er eine so dichte Stimmung kreiert, dass man förmlich in den Film hineingesogen wird.
Andererseits gibt es auch unbestreitbare Schwächen. Und neben vielen schon durchs Material limitierten Stoffen werden auch einige seiner besseren Filme Opfer der Vorlieben des Regisseurs. Carpenter ist ein Geschichtenerzähler alter, klassischer Schule. Didaktische oder politische Subtexte findet man in seinen Filmen selten. Er spielt zwar mit den Möglichkeiten (der am Anfang von "Assault" angedeutete faschistische Polizeistaat oder der am Anfang von "Halloween" implizierte sozialkritische Ansatz, Missachtung führe zu Michael Myers' Bluttat), verwirft aber sozialkritische Elemente für reine Genrestandards ("Halloween") oder gibt schlichtweg gar keine Erklärung bzw. Kommentar ab. Denn, so erklärt Carpenter etwas unreflektiert, "Botschaften jeder Art gibt es in meinen Filmen nicht. Meine Vorstellung von Kino ist die totale Unterhaltung". Ist Carpenter dann mal offensichtlich politisch, wie in "Sie leben", so leidet der Film unter seiner anderen großen Schwäche, dem Hang zum Simplen und zum Plakativen. Seine Vorliebe für Science Fiction-, Grusel- und Fantasy-Stoffe äußert sich eben auch in wenig subtiler Art, wenngleich es für manche Filme wie "Die Mächte des Wahnsinns" schlicht besser gewesen wäre, er hätte nicht mehr genug Budget für ein paar Monster gehabt.

Ein eigensinniger Filmemacher, in guten wie in schlechten Tagen: John Carpenter

 

 

 

 

 

Vorbild für so ziemlich alles bei Carpenter: Howard Hawks' Western-Klassiker "Rio Bravo"