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Der
Anfang: Eine Frau hängt kopfüber an einem Baum. Ihr Kopf
baumelt dabei über einem Kessel mit einer brodelnden weißen
Flüssigkeit. Dann wirft ein Mann einen Zettel mit einem Gebet
in den Kessel. Anschließend zieht er der jungen Frau eine
kleine Schlange aus dem Mund. Dann ist das Ritual beendet und Semih
Kaplanoglus Film "Süt" kann beginnen. Dieses rätselhafte
Ritual, dessen näherer Sinn uns fremd bleibt, ist tief in der
türkischen Mythologie verwurzelt. Die Schlange und die Milch,
als auch das rätselhafte Ritual erscheinen bruchstückhaft
aber konsequent durch den ganzen Film hindurch.
Kaplanoglu erzählt im zweiten Teil seiner "Yusuf-Trilogie"
vom jungen Yusuf (Melik Selcuk), der mit seiner Mutter (Basak Köklükaya)
im ländlichen Anatolien wohnt und eigentlich Dichter werden
möchte. "Süt" ist die präzise und mit wundervoll
traumwandlerischen Elementen unterwanderte Geschichte dieser Mutter-Sohn-Beziehung,
die einer harten Probe unterzogen wird, als Yusuf zur Musterung
nach Izmir muss. Die mögliche Einberufung ins Militär,
würde das enge Band zwischen Mutter und Sohn zerbrechen, vor
allem weil Yusufs Mutter allein lebt und keinen Mann hat.
Doch zunächst führt uns der türkische Regisseur in
wohl komponierten, ruhigen und langen Tableaus liebevoll in den
Alltag der kleinen Familie ein. Er zeigt, wie Yusufs Mutter in mühevoller
Handarbeit die Kühe melkt und aus der Milch dann auch noch
Käse macht, den sie anschließend zusammen mit ihrem Sohn
auf dem Markt verkauft. Es ist ein mitunter hartes und arbeitsvolles
Leben, welches vor allem die Mutter führt. Yusuf wandert mit
seinem Schlafzimmerblick und den sehr expressiven Augenbrauen durch
die Welt auf der Suche nach einem Ziel, welches er wohl selber nicht
beschreiben kann. Er versucht verzweifelt seine Gedichte einem
Literaturprofessor schmackhaft zu machen und sie auch an türkische
Literaturzeitschriften zu verkaufen. Als eines seiner Werke abgedruckt
wird, rennt er schreiend eine alte Landstraße herunter. Für
diesen ruhigen, mit nur wenigen Schnitten und sehr langen Einstellungen
erzählten Film wirkt dieser Moment fast wie ein explosiver
Ausbruch an Emotionen.
Kaplanoglu besitzt, so wie sein türkischer Berufskollege Nuri
Bilge Ceylan, die Fähigkeit einen Film wie einen Traum zu erzählen,
ohne dabei klassische Traumelemente zu bedienen. Das traumhafte
erwächst in "Süt" eher durch kurze Momente der
Irritation. Wenn zum Beispiel Yusuf, seinem besten Freund, der in
einer Kohlegrube arbeitet, sein abgedrucktes Gedicht zeigt, wechselt
die ansonsten immer objektive Perspektive des Films. Die Kamera
fährt langsam, Yusufs Blick folgend, den Körper seines
Freundes ab. Dann ist die Kamera wieder da, wo sie immer in diesem
Film ist - auf Abstand zu den Protagonisten. Dieser eigentümliche
optische Gestus prägt sich ein, weil er eine rein subjektive
Aufnahme ist, ohne sie in den Kontext der sparsam vermittelten Geschichte
zu setzen. Dann zeigt Kaplonuglu auch gerne mal eine unscharfe Wand
für einige Minuten. Er folgt Personen, die nicht weiter essentiell
für die Geschichte sind. Er lässt Momente aus und vermittelt
so eine gezielte Verunsicherung beim Zuschauer. Getragen wird dieser
Eindruck auch von der unbeschreiblichen Leistung des Hauptdarstellers,
der kein professioneller Schauspieler ist. Bei der Fülle an
Emotionen, die dieser junge Mann zu transportieren vermag, möchte
man dies gar nicht glauben.
In
seinem Umgang mit Zeit, Subjektivität und Objektivität,
als auch mit seiner Schauspielführung, erinnert Kaplonuglus
Arbeit sehr stark an die Filme des französischen Kinomeisters
Robert Bresson. Die (Kino-)Welten, die beide - sowohl Bresson als
auch Kaplanoglu - erschaffen, sind zeichenhaft und materiell zugleich.
"Süt" ist also keine "reale" Geschichte,
wobei man im Kino ja ohnehin mit dem Wörtchen Realität
vorschichtig umgehen sollte. Dennoch schildert das Umfeld, in dem
sich Yusuf und seine Mutter bewegen, zum großen Teil den Alltag
der ostanatolischen Bevölkerung. Man bekommt einen guten Eindruck
von dieser traditionellen Gesellschaft vermittelt, die allerdings,
anders als von vielen Medien und Politikern dargestellt, ganz und
gar nicht von der Religion dominiert wird. Yusufs Mutter trägt
das Kopftuch, wenn überhaupt, nur sehr leger und ungezwungen.
Wenn die Kamera dann gemeinsam mit der Hauptfigur durch Straßen
der nächsten Stadt wandert, sehen wir, dass dies nicht eine
Ausnahme ist. Auf der anderen Seite entspricht Yusuf nicht dem klassischen
Männerbild, wie es in der türkischen Gesellschaft verankert
ist. Seine Leidenschaft für Gedichte, seine zerbrechliche Statur
und sein Empfinden von der Welt entrücken ihn von jedem Versuch,
ihn fassen zu wollen. Kaplanoglus Film behält auch die aktuellen
Umbrüche in der Türkei im Blick. Hier die landwirtschaftlich
geprägten Gebiete, dort die Kohleindustrie und die Großstadt
mit ihren modernen Einflüssen.
"Süt" ist ein bezaubernder Arthouse-Film, weil er
ständig Grenzbereiche unserer Wirklichkeit auslotet. Er schwebt
zwischen Realität und Traum und zwischen Moderne und Tradition.
Und ganz nebenbei erzählt er auch eine schmerzhafte und herzzerreißende
Gesichte von einer Mutter-Sohn-Beziehung, deren feste und emotionale
Bindung so langsam aufgerissen wird. In dieser Hinsicht, ist Kaplanoglu
eine - zugegebenermaßen äußerst eigenwillige -
aber dennoch betörende "Coming of Age"-Geschichte
geglückt.
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