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Geld vergisst nicht. Und ein schmerzlich
schönes Bild für diesen Spruch findet sich in "Still
Life". Die Bauarbeiter fragen Sang-ming Han (Sang-ming Han),
der für ein paar Tage mit ihnen zusammengearbeitet hat, woher
er denn stamme. Dieser antwortet mit einem gewissen Stolz in der
Stimme: "Aus Fengyang in Shanxi." Die Männer kennen
den Ort nicht
und Han holt einen Geldschein heraus und zeigt ihn den Arbeitern,
denn auf ihm ist ein Panoramafoto von Fengyang. Die Männer
ihrerseits holen auch Geldscheine hervor und zeigen sie Han und
damit Impressionen ihrer Heimat.
Ob das kleine Dörfchen Fengjie, welches Han sucht, um dort
seine Ex-Frau zu finden die er seit 16 Jahren nicht mehr gesehen
hat, auch auf einem chinesischen Geldschein abgedruckt ist? Auf
diese Frage gibt der Film keine Antwort, aber Fengjie liegt unter
Wasser. Geflutet im Zuge des Drei-Schluchten-Staudamm-Projektes
der Regierung. Es werden noch viele weitere Dörfer ähnlichen
Projekten weichen müssen, und es scheint unglaublicherweise
das Geld zu sein, welches einen Teil der Erinnerung weiter trägt
an das, was früher für abertausende Menschen Heimat war.
Die Erinnerung und das Geld gehen damit eine unheilige Verbindung
ein. Es grenzt nahezu an einen fatalen Irrwitz, dass gerade die
Menschen, die ihre ganzen Habseligkeiten verloren, mit einer lächerlichen
Summe Geld entschädigt wurden. Geld, das sie wie eine Brandmarke
immer wieder an den Schmerz des Verlustes erinnern wird.
Fengjie gibt es nicht mehr, Hans
Suche verlängert sich entsprechend ungewollt und wird mit der
Zeit zur Odyssee durch eine Gegend, durch die ständig der Hauch
des Untergangs weht. Er fängt an zu arbeiten. Mal hier mal
da. Aber immer muss er abreißen, Schutt wegräumen,
Ziegel wegbringen. Die Digital-Videokamera schwenkt dann durch trostlose
Häuserfassaden, die brach liegen und auf ihr Schicksal warten.
Mauern die einstürzen, Menschen die in Ruinen ohne Fenster
und Türen hausen und sich weigern zu verschwinden.
Regisseur Zahng Ke Jia entwirft ein trostloses Panorama des Zerfalls
direkt vor Ort. Das Dorf Fengjie gibt es wirklich, bzw. gab es wirklich.
Immer wieder sieht man im Film Bilder voller subtiler Grausamkeit.
Wenn Han zum Beispiel durch die Straßen eines Dorfes läuft
und zwei Männer mit roter Farbe einen Strich an eine Häuserwand
malen. Die chinesischen Schriftzeichen daneben geben an, dass dies
die nächste Staudammhöhe sein wird. Kein entkommen, eine
furchtbare Sackgasse.
Es gibt noch einen zweiten Plot in "Still Life". Die
Krankenschwester Shen-hong Guo (Shen-hong Guo) kommt ungefähr
zur gleichen Zeit bei Fengjie an wie Han. Die beiden werden sich
nie begegnen und doch sind beide auf der Suche. Shen sucht ihren
Mann, der vor zwei Jahren das Haus verlassen hat und sich seitdem
nicht mehre meldete. Sie findet ihn, und beide tanzen einen Walzer
vor der imposanten Kulisse des Drei-Schluchten-Deltas. Im Hintergrund
leuchtet die neu erbaute Brücke in rot und blau. Noch führt
sie über das Tal, in dem man vereinzelt die verlassenen Wohnblöcke
erkennen kann, bald wird hier der Jangtse-Fluß fließen.
Kein schönes und auch kein friedliches
Bild, und in dieser Atmosphäre beschließt Shen, sich
scheiden zu lassen.
Auch
Han findet seine Ex-Frau und sie beschließen wieder zu heiraten.
Da diese beiden Geschichten nur den Rahmen für Zhang Ke Jia's
Film bilden, kann man schwerlich von einem Happy End im klassischen
Sinne sprechen, dazu wiegen die pessimistische Optik und die trostlose
Zukunft der Bilder zu schwer.
Der Drei-Schluchten-Staudamm kostete 1,13 Millionen Menschen in
China Haus und Hof. Was aber noch viel schlimmer ist: dabei wird
eine ganze Kultur unter den Wassern des Jangtse verschwinden. Davon
erzählte schon die deutsche Regisseurin Tamara Wissman in ihrem
sehenswerten Dokumentarfilm "Die chinesischen Schuhe"
sehr eindringlich. "Still life" gibt nun die chinesische
Sicht der Dinge wieder. Dabei bekam der spröde, sich fast komplett
den üblichen narrativen Strukturen verschließende Film
sehr prominente Schützenhilfe. 2006 gewann er den "Goldenen
Löwen" von Venedig. Die Jury unter der Leitung der französischen
Ausnahmeschauspielerin Catherine Deneuve erkannte seinen Wert. Es
sei ein ganz besonderer Film, erklärte Deneuve.
Es ist wahrscheinlich auch nur diesem Preis zu verdanken, dass diese
höchst pessimistische und teilweise melancholische Studie über
den Zerfall einer Landschaft in die hiesigen Kinos kommt. Der Regisseur
bündelt in einer letzten furiosen Einstellung alle Eindrücke
des Films und entlässt dann sein Publikum. Hoffnung? Nein,
aber der Versuch den Mantel des Schweigens - den die chinesische
Regierung immer noch über das Projekt und seine Folgen legt
- zu durchbrechen. Auch wenn es nur für diese kurzen 105 Minuten
Kinozeit ist.
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