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Styles rocken wie Prince - Fatih Akin über seinen
neuen Film "Solino"
Der Hamburger Deutsch-Türke Fatih Akin hat frischen Wind in die
deutsche Kinolandschaft gebracht. Als Regisseur bringt er unverbrauchte
Gesichter auf die Leinwand und seine Filme bestechen durch einen fühlbar
starken Anteil eigenes Herzblut, das aus dem autobiografischen Anteil
in seinen Drehbüchern herrührt.
Nach "kurz und schmerzlos" und "Im Juli" verfilmte
der Newcomer-Filmemacher jetzt Ruth Toma's Drehbuch "Solino".
Dort geht es um eine italienische Gastarbeiterfamilie im Ruhrpott der
sechziger Jahre, um die Bedeutung von Familienbanden und Heimat. Für
den Sohn türkischer Gastarbeiter ein gefundenes Fressen, sich als
Regisseur auch im Umgang mit fremdem Material zu beweisen.
Für manch einen bereits ein Kultfilmer:
Fatih Akin bein den Dreharbeiten zu "Solino".
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Filmszene: "kurz und schmerzlos" war ein Kleingangster-
Milieufilm mit autobiografischem Hintergrund. Mit "Im Juli"
folgte eine romantische Liebesgeschichte mit einer nicht zu verachtenden
Portion Kitsch. Jetzt hast Du ein Gastarbeiter-Familien-Drama verfilmt.
Gibt es ein System in diesem Genre-Mix?
Fatih Akin: Ich steh halt auf Prince!
???
Der hat in der Zeit, in der ich ihn am meisten gehört habe, ständig
den Style gewechselt. "Purple Rain" zum Beispiel, war ja der
absolute Knaller. Und dann kam auf einmal so eine Platte wie "Around
the World in a Day", wo viele Leute sich gefragt haben: "Was
soll das denn jetzt?" Andere fanden dann aber eben genau diese Sachen
interessant. Genauso ist das bei mir: Ich will die Leute überraschen.
"kurz und schmerzlos" und "Im Juli" haben mir Erfolg
gebracht und die Zuschauer wissen, dass ich auf heimischem Boden gut bin.
Aber deswegen muss ich das jetzt nicht noch mal machen - auch wenn das
Viele von mir erwarten. Ich bin noch jung! Später werde ich irgendwann
meinen Style etabliert haben. Dann wird man sagen: Ah, das ist Fatih Akin!
Aber jetzt bin ich mehr so many-styles-mäßig unterwegs! Ich
will alles mal ausprobieren und mehr lernen, um ein besserer Filmemacher
zu werden. Wie gesagt: Jetzt bin ich noch jung!
"Solino" ist der erste Film, bei dem Du für ein fremdes
Drehbuch (Ruth Toma) die Regie übernommen hast. Was hat Dich an diesem
Werk so gereizt?
Das Drehbuch war einfach wie maßgeschneidert für mich! Schon
beim Lesen wusste ich: Das muss ich machen! Da geht es um Gastarbeiter,
die Generation meiner Eltern, um Familie, Heimat. Die Amatos hätten
ebenso gut Türken sein können. Für mich sind das einfach
Gastarbeiter, unsere Leute! Jetzt sehe ich den Film auch als Denkmal an
die erste Generation, an meine Onkel und Tanten.
Wie bist Du als "nicht-deutscher Deutscher" bei den Dreharbeiten
in Italien aufgenommen worden?
Ich kam mir vor wie ein Paradiesvogel. Aber in erster Linie bin ich warmherzig
und offen empfangen worden. Am Anfang wollten die mir nicht glauben, dass
ich Deutscher bin. Sie dachten ich sei Italiener und haben mich auch sofort
auf italienisch zugetextet. Ich hab dann angefangen, den Leuten nachzuplappern
- so konnte ich schnell ein bisschen italienisch lernen. Ich hab mich
da auch nie fremd gefühlt, sondern hatte immer das Gefühl auf
heimischem Boden zu spielen.
Apropos fremd... Im Ruhrpott in Duisburg zu drehen war sicherlich auch
anders als mit Deinen Jungs im heimischen Viertel Hamburg-Altona oder
bei deiner Familie in der Türkei...
Aus der Sicht eines Hamburgers fand ich Ruhrpott total geil!
Für einen Hanseaten relativ untypisch...
Ich bin in einer Arbeiterfamilie groß geworden, und Duisburg ist
eine Arbeiterstadt. Ich bewege mich gerne in diesem Umfeld, denn die Leute
sind einfach ehrlich. Duisburg ist arm, trist, aber eben real! Denen kann
man da nix vormachen...
Was hast Du als Türke bei den Anwohnern für ein Feedback
bekommen?
Unser Drehort (Burghausen) ist eine echte Türken-Bronx! Und die paar
Deutschen, die da gewohnt haben, waren ziemlich fertig! Das war so ein
richtiges Ghetto. In den ersten Tagen haben ein paar Kids in einen unserer
Wohnwagen eingebrochen und da reingeschissen... Später haben die
dann eingesehen, dass wir nicht irgendein Filmteam sind und haben uns
akzeptiert. Wir haben dann mit ihnen in den Drehpausen Fußball gespielt
und hatten viel Spaß. Einige kannten mich und meine Filme - dadurch
hatte ich wieder so eine Art Heimvorteil.
Große Teile des Films spielen im Duisburg der späten Sechziger
und Siebziger Jahre. Zu Zeiten des Retro-Style-Hypes hätten andere
wahrscheinlich eine wahrhafte Requisitenschlacht aufgefahren. Bei Euch
fällt dieser Teil etwas mager aus...
Der Film war ursprünglich auf 15 Millionen Mark konzeptioniert. Wir
hatten nur 10 Millionen. Ich hab mich bei den Dreharbeiten an den Filmen
des italienischen Neorealismus orientiert. Die Filme von Pasolini, Fellini
oder De Sica leben von puren, klaren Bildern. Da gibt es kein Schnickschnack.
Ich finde, dass das Stil hat. Und es ist eben auch ein günstiger
Stil. Wir haben da aus einer Not eine Tugend gemacht. Bei der Recherche
über diese Zeit im Ruhrgebiet ist mir aufgefallen, dass man da eigentlich
gar nicht so viel Ausstattung braucht. Autos zum Beispiel sieht man auf
60er/70er Jahre Fotografien aus dem Ruhrgebiet tatsächlich kaum.
Wir haben da keine falsche Armut erzeugt - das war da tatsächlich
so karg! So konnte ich mich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig
ist: Den Vordergrund, die Figuren. Hast Du weniger Hintergrund, musst
Du dich mehr um deine Figuren kümmern.
Prominenter Wegbegleiter und
"Bruder":
Moritz Bleibtreu ist auch in "Solino" mit dabei.
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Stichwort Figuren. Nach "kurz und schmerzlos" hat Dich das
Publikum als jemanden gefeiert, der neue, unverbrauchte Gesichter auf
die Leinwand bringt. Mit Moritz Bleibtreu in "Im Juli" hast
Du zwar einen Kassenschlager hingelegt, die anfänglichen Lorbeeren
jedoch zunichte gemacht. Auch in "Solino" ist er mit dabei.
Ist Bleibtreu wirklich so ein guter Schauspieler, oder ist er eher ein
Kassenmagnet?
In erster Linie ist Moritz wie ein Bruder für mich. Wenn er das nicht
wäre, würde ich auch nicht mit ihm arbeiten. Dass ich mit den
Leuten die selbe Sprache spreche, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen
für mich. Dass er ein Star ist, ist natürlich ein Vorteil. "kurz
und schmerzlos" haben 60 000 Zuschauer gesehen. "Im Juli"
haben sich eine halbe Million Leute angeguckt. Einer der Gründe dafür
ist mit Sicherheit Mo´ Bleibtreu. Diesmal hab ich ihn wieder dabei.
Obwohl er noch nicht mal die Hauptrolle spielt, wird der Film jetzt schon
als "der neue Bleibtreu" gefeiert.
Das ist eben die Problematik...
Wie der Film letztendlich gefeiert wird, kann ich mir nicht aussuchen.
Das kann auch Moritz nur bedingt. Ich setze ihn ein, weil er ein exzellenter
Schauspieler ist. Mit Mehmet Kurtulus und Adam Bousdouskos (beide in "kurz
und schmerzlos") wahrscheinlich einer der besten in Deutschland.
Und dann ist er eben noch wie ein Bruder und ist prominent. Was besseres
kann mir eigentlich nicht passieren...
Deine Filme sind auch international erfolgreich. Wie wird deine Arbeit
speziell in der Türkei aufgenommen?
"kurz und schmerzlos" war sehr umstritten. Es wurde kritisiert,
dass er religiöse Szenen enthält und ich angeblich ein islamischer
Filmemacher sei. Es gibt eben immer noch diesen Streit zwischen Islam
und Atatürk-Denken. Mit meinem Film haben die mich einfach in ein
Lager geschmissen. Die jungen Leute haben gesagt das sei alles Quatsch
und fanden den Film gut.
Was kommt als nächstes?
Als nächstes kommt "Gegen die Wand". Das wird der erste
Teil meiner Liebe, Tod und Teufel-Trilogie, an der ich gerade schreibe.
"Gegen die Wand" spielt wieder im Türken-Milieu. Es geht
insofern um Liebe, als dass eine dieser typischen aufgedonnerten, jungen
Türkinnen sich mit einem 40-jährigen durchgeknallten Selbstmordkandidaten
einlässt.
Man darf gespannt sein. Fatih Akin, vielen Dank für das Gespräch.
Interview:
B. Hoffmann
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